Realitäts-Watschn – oder warum mir ein Handy mehr erzählt als ich eigentlich hören will.


 

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Fräulein Stern ist stolz bekanntgeben zu dürfen, dass sie heute geatmet hat.

Produktiver wurde es nicht.

Es war aber tatsächlich schon eine Steigerung zu gestern, einem Tag, an dem das Atmen schwer fiel, allein schon deswegen, weil es sich unter den Trümmern einer Beziehung nicht so gut atmen lässt. Da drückt einem ständig das eine oder andere Trümmer-Trumm auf die Brust, quetscht einem die Luft ab, man fühlt Sekunden den eigenen Herzschlag nicht mehr bevor man wegdriftet in einen farblosen, schwarzen Schlaf, nur um aufgeweckt zu werden von der Realität, die einem eine gscheide Watschn verpasst, die einen wiederum herausreißt aus dem süßen Schlaf des Vergessens.

Pathetisch die Frau Stern, gell… aber es wird besser, versprochen. Vielleicht noch nicht heute, aber in Bälde. Und dann werden Sie es so wie Onkel Super-Ego halten und sagen: „Ist halt blöd gelaufen, Sternderl! Kopf aus der Eierlikörflasche ziehen und auf in die nächste Katastrophe!“

Und wenn schon mit sonst nix, mit dem „Blöd gelaufen“ hat er Recht, der liebe Onkel Super-Ego. Die ersten Alarmglocken hätten klingeln müssen, als sich Fräulein Stern vor ziemlich genau zwei Jahren wiederfand auf einer Wolke der Glückseligkeit mit einem Mann, der Salsa tanzte. Ja, genau, Salsa. Sie kennen das, das ist nicht die Sauce zu den Chips sondern der Tanz, zu dem man einen Kurs macht, wenn man die Vierzig überschritten hat und gerade geschieden wurde. Dann macht man einen Salsa-Kurs, oder lieber gleich Bachata oder Kizomba, wenn man unbedingt in der Öffentlichkeit kopulieren will.

Denn das hat er dann übrigens auch gemacht… also kopuliert… zwar nicht öffentlich, aber mit 4 Vierzigjährigen Geschiedenen, oder ungerechnet acht zwanzigjährigen Trutscherln… wer weiß das schon so genau? Ich wollt’s so genau auch gar nicht wissen. Leider wurde es mir trotzdem ziemlich en detail erzählt. Also vorgestern. Erzählt hat’s mir sein Handy. Das lag da so herum. Und dann hat es plötzlich einen Ton von sich gegeben. So ein „Plopp“. Und mit dem „Plopp“ einher ging eine Pushnachricht auf den Sperrbildschirm von einer gewissen Sabrina, die in meteorologischer Manier fabulierte: „Wann kommst du wieder ins Warme?“ und das, bitte, obwohl’s in Salzburg ohnehin 23 Grad Außentemperatur hatte. Gut, das war zwar der erste Gedanke, der mir so durch den Kopf wummerte, aber im Endeffekt die geringste Sorge.

Vor allem, als zwei Minuten später, Sternderl starrte noch immer ungläubigst auf das fahrlässig vom Lebensabschnittspartner offen liegen gelassene Mobiltelefon, eine andere Nachricht aufpiepste (unglaublich organisiert der Herr der Schöpfung, hatte er seinen verschiedenen Damen doch tatsächlich zur leichteren akustischen Unterscheidung separate Klingeltöne zugedacht, so organisiert war der nicht mal bei der Kategorisierung seiner diversen Haarwuchsmittelchen – erbliche Vorbelastung verpflichtet –  die waren nur ansatzweise alphabetisch geordnet im Badezimmerkastel verstaut). Die Piepsnachricht jedenfalls stammte von einer gewissen Nadine und den genauen Wortlaut kann und mag ich gar nicht wiedergeben. Es ging, um’s mal halbwegs jugendfrei zu formulieren, um diverse Körperflüssigkeiten, die sich noch zwischen ihren Schenkeln befinden würden.  Auch eine Begeisterungsbekundung angesichts des vor Kurzem (im Text war von „gestern“ die Rede) vollzogenen Koitus war da zu lesen, nebst einer Einladung zur baldigen Wiederholung. Mehr hab ich nicht mehr gelesen.

Mein Kopf war plötzlich völlig leer, da war nur noch das wuchtige Pumpern des Sternderlherzens zu hören, retrospektiv ein Glücksfall, deutete das ja wohl darauf hin, dass das Herz noch nicht gänzlich in Scherben war und die Funktion des Pumperns trotz des nicht zu unterschätzenden Knackes, den es tat, aufrechterhalten konnte. Sie sehen: Optimistin in jeder Lebenslage, die Frau Stern.

Freilich, man hat in einer solchen Situation mehrere Möglichkeiten der Reaktion, rein rational betrachtet. Leider ist Rationalität so gar nicht meins, schon gar nicht in Situationen wie diesen, in denen das Hirn erst mal damit überfordert ist, den Organen anzuschaffen, dass sie die lebensnotwendigen Funktionen aufrechterhalten müssen. Aber rein retrospektiv und selbstreflexiv kann man da jetzt schon einige unterschiedliche Herangehensweisen an die Situation differenzieren:

+ Man könnte beispielsweise von einem Missverständnis ausgehen, vielleicht von einem Lausbubenstreich, von verwechselten Telefonnummern, kurz von der völligen Unschuld des betroffenen Handybesitzers. In dubio pro reo oder so. Und das Missverständnis wäre es vielleicht nicht einmal wert, ihm nachzugehen.

+ Man könnte ebenso von einer Sinnestäuschung ausgehen. Vielleicht hat man sich das alles nur eingeredet, oder noch viel besser, vielleicht war das alles nur ein böser Traum, man wird gleich aufwachen, es wird Sonntag sein, die Vögel werden zwitschern und die Sonne durch’s Fenster scheinen und man wird diesen Traum mit einem Kopfschütteln aus den Gedanken verbannen, sich umdrehen und noch einmal in die Arme des Handybesitzers kuscheln und sich von ihm in gewohnter Manier in den Nacken schnarchen lassen.

+ Man könnte die Stimme von Mama Stern hören, die da sagt: „Ignorieren, Elsa-Antoinette, du bist so knapp davor, endlich zu einer ehrbaren Ehefrau zu werden! Denk an deine Eierstöcke!“ und man könnte sich sagen, dass man lieber nichts weiß und lieber nicht fragt und lieber ganz schnell alles vergisst, was man gesehen hat und einfach auf das Beste hofft.

+ Man könnte das Handy auch in einem dezenten Wutanfall dem Eigentümer an den Kopf werfen, gemeinsam mit einer Tirade an Schimpfwörtern und dann beide (Handy nebst Besitzer) aus dem Haus und dem eigenen Leben werfen, auf Nimmerwiedersehen!

+ Man könnte aber auch ganz ruhig bleiben, äußerlich. Man könnte sich auf’s Sofa setzen, warten, bis der Handybesitzer aus der Küche zurückkommt und ihn einfach nur anschauen, wie ein verwundetes Reh und warten, ob ihm vielleicht von selber was auffällt. Man könnte den Handybesitzer zur Rede stellen, ganz sachlich, könnte fragen, was das soll, was hier überhaupt vorgeht, man könnte fragen, wer denn diese Nadine und diese Sabrina sind und entweder Ausreden ernten oder eventuell mehr erfahren, als man vertragen kann.

Sie dürfen jetzt genau dreimal raten, wofür sich Fräulein Stern entschieden hat.

Richtig, Fräulein Stern hat sich, getreu dem Motto: Abwarten und Likörchen trinken, mal zuerst zur  Stabilisierung des Kreislaufes ein Stamperl Eierlikör eingeschenkt. Dann hat sie sich auf die Couch gesetzt und gewartet. Darauf, dass alles besser wird, von selber. Und getreu dem Motto: Lache und sei froh, es könnte schlimmer kommen, versuchte Fräulein Stern zu lächeln und ein bisschen froh zu sein, dass sie noch lebt und was soll ich sagen: Es kam schlimmer. Denn das vermaledeite Handy hat noch einen Ton von sich gegeben. Und zwar einen melodiösen Dreiklan, ein „Palim“, wenn man so will. Und auf dem Sperrbildschirm blinkte eine Tinder-Nachricht auf: „Samantha hat dir eine Nachricht geschickt.“

Und da hatte Fräulein Stern dann eine Eingebung, von der man nicht wissen möchte, woher sie kam. Und sie hat mit zitternden Händen nach ihrem eigenen Handy gegriffen.

Die App war schnell heruntergeladen. Es ist fast beängstigend, wie einfach das geht. Noch beängstigender, wie schnell man da angemeldet ist, man kann da fast niemandem einen Vorwurf machen, das geht geradezu von selbst. Ein Profil ist ratzfatz erstellt, dauert keine zwei Minuten und überhaupt ist die Oberfläche wirklich sehr intuitiv gestaltet, also durchaus sternderlfreundlich. Man hat gleich heraußen, wie man den Suchradius verkleinert, auf, sagen wir, zwei Kilometer. Und dann swipt man sich durch das Angebot und entdeckt tatsächlich den eigenen Lebensabschnittspartner gleich an zweiter Stelle.

Kein Pseudonym, echter Name, echte Fotos, sogar ein Text steht drunter. Ein Text, der mir noch mal extra einen Fausthieb in den Magen versetzt hat und Mutter Stern wahrscheinlich die Tränen der Rührung in die Augen getrieben hätte, wenn sie ihn gelesen hätte (weil er so einen perfekten Schwiegersohn abgegeben hätte, der Herr Handybesitzer). Aber so weit, dass ich einen Screenshot für sie gemacht hätte, hab ich dann doch nicht gedacht: „Auf der Suche nach der Einen, für die es sich lohnt, diese App zu de-installieren. Nicht gebunden, keine Kinder, aber für alles offen.“

Interessant. Aber vielleicht bin ja nur wieder ich überempfindlich, weil ich bis vor fünf Minuten noch in dem Glauben war, er hätte Eine (nämlich mich), wegen der man die App gar nicht erst installieren muss.

In dem Moment, in dem mein rechter Daumen (und wie der auf diese Idee kam, dürfen Sie mich wirklich nicht fragen!) den Handybesitzer auf meinem Display ein Like gibt, palimt das Handy auf dem Tisch, die Pushnachricht liest: „Du hast neue Likes.“

Und damit war der letzte Zweifel ausgeschlossen. Und ich saß da und rang nach etwas, das mir seither fehlt: Atem. Und in erster Linie nicht mal deswegen, weil ich gerade auf mehrfache Weise bestätigt bekommen hatte, dass ich betrogen wurde / werde, sondern weil ich nicht glauben konnte, mit was für einem Idioten ich die letzten Jahre verbracht hatte. Einem nämlich, der so dämlich ist, dass er nicht mal die Push-Nachrichten auf dem Sperrbildschirm de-aktivieren kann!

Wie so ein Handybesitzer reagiert, wenn er erst mal merkt, dass ihn seine eigene Freundin auf Tinder ge-liked hat, wie das alles zu erklären ist oder lieber nicht und warum Fräulein Stern sich gezwungen sah, einen Ex-orzismus der anderen Art vorzunehmen… das lesen Sie nächsten Sonntag hier an dieser Stelle.

 

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