Gummiringerl-Intervention – oder warum Good Cop und Bad Cop mich kontra-konditionieren


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Am dritten Tage p.H-D. (post Handybesitzer-Debakel) kam mir meine beste Freundin die E. zu Hilfe. Im Schlepptau hatte sie meine andere beste Freundin, die A.  Ich lag gerade in Embryostellung mit meiner Eierlikörflasche kuschelnd am Boden meines Wohnzimmers, neben mir einerseits das aus dem Klo geborgenes Handy des Handybesitzers, das auf die Nachrichten hin, die ich ihm im Rausch gesandt hatte, immer mit einem ziemlich in die Länge gezogenen „Bluuuuuubbb“ reagierte, dessen Bildschirm aber stur ziemlich schwarz blieb und andererseits ein Halb-Kilo-Glas Nutella, dessen Inhalt sich teils in meinem Magen, teils verschmiert um meinen Mund befand.

So daliegend fanden mich die E. und die A. und begannen beide unabhängig voneinander sofort mit der Re-aimation, die mich an irgendwas mit „guter“ Cop, „böser“ Cop erinnerte. Die A. verkörperte dabei unzweifelhalft den bösen Cop, indem sie mir eine, eh lieb gemeinte aber doch gepflegte, Watschn auflegte und mir anschließend (weil mich die Watschn alleine noch nicht aus meinem Nutella-Wachkoma herausgeholt hatte) ein Martiniglas voll Wasser ins Gesicht schüttete. Das alles begleitet von einer Schimpftirade der anderen Art. Ein bisschen erinnerte sie mich an meine Mutter: „Sternderl, das ist unmöglich! Wie schaut’s denn da aus?! Wie schaust denn du aus?! Du willst mir doch nicht erzählen, dass du dem Trottel nachweinst? Und was sind das alles für Sachen, die da herumliegen? Bist du völlig gaga?“ Und damit es mehr Eindruck macht (die A. neigt manchmal dazu theatralisch zu werden), hat sie eine Kaffeetasse mit der Aufschrift: „A girl has no name“, die mir der Handybesitzer anlässlich der siebten Staffel Game of Thrones geschenkt hat, mit den Worten „So ein Scheiß, dem seine „Girls“ hatten alle möglichen Namen!“ auf meinem Wohnzimmerboden zerdeppert.

Die E. dahingegen, hat sich sehr mütterlich besorgt gezeigt, mich erst mal ganz fest gedrückt und gesagt, dass ich „es“ rauslassen soll. Was genau das „es“ sein sollte, hat sie aber nicht gesagt, darum hab ich die E. nur sehr verständnislos und wahrscheinlich auch verkatert angeschaut. Dann hat sie in der ihr eigenen elfenhaften Manier ihren Erste-Hilfe-Koffer ausgepackt und ist, erst mal mit irgendwelchem Räucherwerk quer durch meine Wohnung gewandelt, um die bösen Geister (oder die bösen Schwingungen des Handybesitzers – so genau weiß ich das jetzt nicht mehr) auszutreiben.

Die A. ließ sich nicht irritieren (haben beste Freundinnen so an sich, gottseidank) und hat mich ins Bad gezerrt, wo sie mich gezwungen hat, mir die Nutellareste ums Goscherl herum abzuwaschen und die Zähne zu putzen. Und dann hat sie mich mit den Worten: „Ich erwarte, dass DAS DA“ (und sie zeigte auf mich) „in 10 Minuten nicht mehr müffelt und auch nicht mehr so ausschaut, als wäre es frisch aus dem Grab auferstanden!“ unter der Dusche geparkt.

Weil ich an dem Punkt wirklich schon ein bisschen Angst und Respekt vor der Autorität der A. hatte, hab ich auf sie gehört und mich nicht nur geduscht, sondern mir auch die Haare gewaschen. Irgendwie muss das geholfen haben, zumindestens fühlte ich mich nicht mehr so zombiemäßig und als ich wieder ins Wohnzimmer kam, war da ein sehr angenehmer Weihrauchduft in der Luft und der Berg an Erinnerungen an den Herrn Handybesitzer hatte sich wie von Zauberhand in Luft aufgelöst. Ich muss die E. bei Gelegenheit mal fragen, ob sie mir für den nächsten Besuch von meiner Mutter ein bisschen was von ihrem Zauberräucherwerk dalassen kann, wenn das so einfach alles wegzaubert, was da herumliegt und eigentlich weggeräumt werden müsste.

Die E. und die A. saßen jetzt beide auf meiner Couch und gaben ein sehr ungleiches Paar ab. In den Stirnfalten der A. lese ich noch immer die Message: „Ich dulde hier kein kindisches Selbstmitleid!“ eingraviert, die E. hingegen schaute mich sorgenvoll an und meinte, mir mit der einen Hand einen Platz in meinem Ohrensessel zuweisend und mir mit der anderen Hand eine Tasse Tee hinschiebend: „Elsa, setz dich, das ist eine Intervention“.

An der Stelle hätte ich fast zu lachen begonnen, ich kam aber nicht dazu, weil die A. wie auf’s Stichwort aufsprang, mein Handgelenkt schnappte und mir ein grünes Gummiringerl verpasste. „So“, meinte sie dann auch noch ganz kryptisch und schnalzte mir das Gummiringerl einmal Vollgas gegen das Handgelenk. „Gummiringerl-Intervention, Sternderl!“

„Au!“, war das Einzige, was ich antworten konnte. „Spinnst du? Das tut weh!“

„Genau, das ist ja auch der Sinn“, meint die A. ganz in ihrem Element und schnalzt mir das Gummiringerl, bevor ich das auch nur irgendwie verhindern kann, noch mal gegen das Handgelenk. Die E. versucht zu erklären: „Schau, Sternderl, so kann es doch nicht weitergehen. Wir machen uns Sorgen um dich – Ja, der Typ hat dir sehr wehgetan. Ja, mit diesen Emotionen muss man erst einmal fertig werden, aber: Nein, du darfst dich davon nicht so runterziehen lassen!“ und zur A. gewandt: „Ich hab dir gesagt, dass wir zuerst diese Herz-Chakra-Meditation mit ihr hätten machen sollen!“

Bei „Herz-Chakra-Meditation“ hat man das Augenrollen der A., die von so spirituellem Zeug überhaupt nichts hält, sprichwörtlich hören können. „Ja, das können wir ja alles später machen, jetzt ist es mal wichtig, dass du den Trottel vergisst. Und das heißt: Jedes Mal, wenn du auch nur annähernd an ihn denkst, schnalzt du dir das Gummiringerl einmal selber gegen dein Handgelenk – pavlow’sche Kontra-Konditionierung. So gewöhnst du dir ganz schnell ab, dass du an ihn denkst, weil du mit jedem Mal lernst, dass dieser Reiz mit einer unangenehmen Reaktion verbunden sein wird und du dann schon weißt, dass das wehtun wird.“

Als ob nicht jeder Gedanke an den Handybesitzer schon schmerzvoll genug wäre… Aber ich hab nix gesagt, sondern nur mal zur Sicherheit ganz behutsam an dem Gummiringerl gezupft, was die A. in Rage brachte und sie sich bemüßigt fühlte, mir noch mal zu zeigen, wie das Gummiringerl-Schnalzen „richtig“ geht.

„Au, ok, ich hab’s verstanden!“ und um die A. von ihrer Mission Gummiringerl abzulenken, stelle ich die Frage nach dem Verbleib meines Erinnerungs-Everests.

Die A. und die E. schauen sich verschwörerisch an: „Schau, Sternderl, das musst du ja selber einsehen, dass das ein bisschen kontraproduktiv wäre, wenn du die ganzen Sachen hier behalten würdest…“ meint die E. vorsichtig. Weil die A. von vorsichtig und einfühlsam nicht so viel hält, krieg ich von ihr die Wahrheit aufgetischt: „Die Sachen sind in meinem Auto und werden von mir entsorgt. Selber bist du ja nicht in der Lage…“ und mit Blick auf die E. „Ich entsorg die eh getrennt und umweltbewusst und so, schau mich nicht so an!“

„Weißt du Elsa, du musst loslassen. Das ist jetzt wichtig. Loslassen, nach vorne schauen, neu anfangen. Und diese Altlasten wären dir da nur im Weg gewesen. Die A. und ich, wir wollen nur, dass es dir wieder besser geht.“

Ich weiß nicht genau, vielleicht haben die zwei ja Recht? Vielleicht ist es tatsächlich ein bisschen kontraproduktiv für das eigene Wohlbefinden, wenn man sich in Erinnerungen an eine Zeit, die vorbei ist, vergräbt.

„Genau, Elsa, und jetzt: Das Handy!“

Nein, nein, das kann die A. nicht ernst meinen! Ich geb den zwei Vergangenheitsradierern sicher nicht mein Handy mit allen, allen, wirklich allen wichtigen Erinnerungen. Ok, nehmt mir meine Geburtstagsgeschenke vom Handybesitzer, nehmt mir die Fleurop-Begleitkarten mit den scheinheiligen Sprüchen, nehmt mir seine alten T-shirts und die ewig vielen Kaffeetassen, die er mir geschenkt hat, aber NICHT mein Handy, NICHT seine Nachrichten an mich, NICHT die Fotos, NICHT meinen direkten Zugriff auf seine Social-Media-Kanäle!

Es war die Panik! Die reine Panik, die mich im Folgenden einen Fehler begehen ließ, der in die Sternderl-Geschichtsschreibung zu Recht als „fatal“ eingehen wird. Weil er nämlich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Konsequenzen nach sich ziehen wird, von denen ich jetzt noch gar nicht wissen will, wie sie aussehen werden: In dieser Panik nämlich, händigte ich der A. (die sich, nur zu meiner Verteidigung, wirklich angewöhnen muss, ein bissl konkreter zu formulieren, denn wenn sie sagt „DAS Handy“ und nicht „DEIN Handy“, dann ist alles, was folgt echt nicht meine Schuld), nicht mein Handy aus, sondern das aus dem Klo geborgene Handy des Handybesitzers…

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2 Antworten zu Gummiringerl-Intervention – oder warum Good Cop und Bad Cop mich kontra-konditionieren

  1. birgitjaklitsch schreibt:

    Ich weiß, es war wahrscheinlich eine schwere Zeit. Trotzdem … sorry … ich schmeiß mich gerade weg vor Lachen … ❤

    • elsastern schreibt:

      Liebe Birgit, Danke 🙂 Ich nehm das mit dem Wegschmeißen vor Lachen als Koompliment und fühle mich in der Vorgehensweise bestätigt, dass man Dinge im Nachhinein einfach auch mal mit Humor nehmen muss. 🙂 Freue mich, dass du dich unterhalten fühlst 😀

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