Wiedersehen – oder warum karmische Rachegelüste selten nach Casablanca führen


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Eigentlich hatte ich mir ein Wiedersehen mit Herrn Q gänzlich anders vorgestellt. Mir schwebte da etwas in der Art „Hollywoodreifes Happy-End“ in schwarz-weiß (wegen der Dramatik) vor. Auf jeden Fall hätten sich Herrn Qs und meine Blicke auf einer nächtlichen, menschenleeren Straße im Novemberregen getroffen, er hätte mich erkannt, ich hätte ihn erkannt und in Summe hätten wir beide erkannt, dass wir jetzt und hier und für immer füreinander bestimmt sind. Er wäre auf mich zugelaufen und alles hätte damit geendet, dass mir Herr Q in feinster Casablanca-Manier (gerne auch in Trenchcoat und Hut) im schummrigen Schein einer altmodisch verschnörkelten Straßenlaterne einen Kuss gibt, den die Welt noch  nicht gesehen hat.

Auf keinen Fall dachte ich bei den Stichworten „Wiedersehen“ und „Herr Q“ daran, dass ich eines schönen Tages in strahlendster Frühsommersonne um 09:00 morgens in einem puristisch gehaltenen Büro sitzen würde, wo mir eine blonde, langbeinige Assistentin namens Marie einen Espresso angeboten hatte, den ich postwendend (weil zu heiß und überhaupt trinke ich Kaffee nur mit literweise Milch drin) ca. zur Hälfte wieder aus und über meine neue, weiße Bluse gespuckt habe. Dezent fluchend und mit Papiertaschentüchern versuchend, das Blusen-Espresso-Desaster irgendwie in den Griff zu bekommen, saß ich also da, als ich den altbekannten Duft von Pacco Rabanne Aftershave gepaart mit den unverkennbar anziehenden Pheromonen von Herrn Q wahrnahm…

Wie kam’s jetzt aber zu diesem Wiedersehen im zugegeben nicht allzu romantischen Ambiente seiner Münchner Anwaltskanzlei?

Wenn Sie sich erinnern mögen: Kurz zuvor wurde ich durch eine „Intervention“ meiner zwei besten Freundinnen dazu gezwungen die jüngste Vergangenheit aufzuarbeiten. Was die A. und E. als gutgemeinte Hilfestellung in Sachen Trennung angedacht hatten, endete allerdings darin, dass sie mir mehr unabsichtlich als absichtlich die besten Ideen für eine kleine Aktion der Marke „Karma im Eigenbau“ lieferten, nachdem sich herausgestellt hatte, dass iPhones der neuesten Generation anscheinend Tauchgänge in Klos überleben können. Besagtes iPhone war jenes des Handybesitzers, das mir einige Tage zuvor geflüstert hatte, was mein Lebensabschnittspartner sonst noch so alles treibt, wenn ich glaube, dass er mich in der Bundeshauptstadt, wo er noch immer wohnhaft war, vermisste. Wahrscheinlich hatte das iPhone ein schlechtes Gewissen und ist nur deswegen wieder von den Toten auferstanden und wahrscheinlich war es danach einfach nur Schicksal, dass ich den PIN Code vom Handybesitzer erraten konnte und danach Zugriff auf alles hatte, was so ein Handy an Daten, hergibt.

Und glauben Sie mir, diese Daten waren nicht schön, also gar nicht. Sogar die A. und die E. waren entsetzt und hielten alles für einen absurd schlechten Film. Und zwar so schlecht, dass sie mich mehrfach zum „umschalten“ zwingen wollten. Dabei redete die E. erfolglos auf mich ein, dass ich mir nicht selber noch mehr wehtun sollte, die A. allerdings war der Ansicht, dass ich nur auf diese Weise verstehen würde, dass es absolut indiskutabel wäre, dem Handybesitzer auch nur noch eine Träne nachzuweinen. Beide waren sie sich allerdings einig, dass ich das Handy nicht missbrauchen sollte, um irgendetwas zu unternehmen.

„Bitte denk an dein Karma, Elsa, das kommt doch alles siebenfach zurück“, hat mir die E. vorgerechnet. Woraufhin ich fast ausgezuckt wäre, denn wenn es nach „Karma“ geht, dann hätte ich in einem früheren Leben ja massiv was ausgefressen haben müssen, um jetzt sowas zu verdienen. „Sowas“ definierte sich in umgerechnet mindestens 13 Affären, die der Handybesitzer teils gleichzeitig unterhielt, zwei weiteren anscheinend  „festen“ Freundinnen, die er in den letzten sechs Monaten hatte und reichlich Dates und One Night Stands, die er sich auf Tinder aufgerissen hatte. Alles war schön für mich nachzulesen, auf Tinder, auf Facebook und in seinen Whatsapp-Chats. Besonders aufschlussreich waren dabei die Chats mit seinen männlichen Freunden, denen er detailliert von seinen Eroberungen berichtete. Aus ebenjenen Chats erfuhr ich auch, dass mir der Handybesitzer den liebevollen Kosenamen „die Alte in Salzburg“ zugedacht hatte. Offensichtlich wurde dieser Kosename in der Konversation mit einem seiner Wingmänner (den ich zu allem Übel auch noch kannte). Dieser eine Wingman nämlich war es, der mal kurz meinte „Gewissen“ spielen zu müssen: „Und was ist eigentlich mit der Elsa?“. Der Handybesitzer stellte sich erst mal blöd und fragte: „Was soll mit ihr sein?“ – „Wär’s nicht praktischer, die los zu werden?“ – „Nein, ist doch nett. Außerdem kriegt die Alte in Salzburg ja sowieso nichts mit hahaha“ – „Mann, Alter, du lässt auch nichts aus!“ – „Ja, wer kann, der kann!“

Ich habe dieses Gustostückerl an Konversation auch der A. und der E. vorgelesen, die daraufhin je ein Stamperl Eierlikör ge-ext haben und spätestens ab da wenn schon nicht produktiv zur Rache beigetragen haben, mich allerdings auch nicht mehr abgehalten haben. Die E. hat nur ein bisschen hilflos in ihr Eierlikörstamperl gemurmelt, dass ich es nicht übertreiben soll… wegen dem Karma. Die A. war zwar nach wie vor der Meinung, dass der Trottel es nicht mal verdient hätte, dass man sich seinetwegen irgendwelchen Ärger einhandelt, aber so überzeugt klang sie nach den Offenbarungen über das Doppelleben meines Ex auch nicht mehr. Und so hielt mich also keine von beiden ernsthaft auf, als ich, ganz getreu den Worten von Herrn Handybesitzer „Wer kann, der kann“,  anfing, ein paar Textnachrichten, FB-Statusberichte und Einladungen in seinem Namen zu verschicken. Auch seine Profile auf Tinder, Xing und Linked erfuhren eine kleine Aktualisierung der Marke: Fräulein Stern ist jetzt mal richtig grantig.

Und ja, ich hatte wohl damit gerechnet, es sogar intendiert, dass meine kleinen Spielereien auf seinem Handy, ein wenig Schwung, um nicht zu sagen Chaos, in das Leben des Handybesitzers bringen würden, allerdings hatte ich nicht gedacht, dass ich mich zwei Wochen später deswegen bei meinem Anwalt, der Herr Q nun mal nach wie vor ist, würde einfinden müssen. Und wie gesagt, dass ihm ich mit Espresso-bepatzter Bluse in einer Angelegenheit meinen Ex betreffend gegnüber sitzen müsste, war so auch nicht geplant. Übrigens war es genauso wenig geplant, dass ich bei den Worten „Fräulein Stern, so sieht man sich wieder“ sofort ob der sonoren Q-Stimme quasi einen „Ohrgasmus“ bekam. Es half auch nicht, dass mir Herr Q bei diesen Worten von hinten die Hände auf die Schultern legte und mir einen Kuss auf die linke Wange drückte, die ich seither übrigens beim Waschen immer tunlichst auslasse, um diesen Kuss, so lange es geht, zu konservieren. (Sie dürfen mich gerne für sentimental halten.)

Heillos überfordert von aufkommenden nostalgischen Gefühlen saß ich ihm dann gegenüber, meinem Herrn Q, und obwohl ich diese Unterhaltung die letzten Tage des Öfteren (um nicht zu sagen ständig) in meinem Kopf durchgespielt hatte, kam mal wieder alles ganz anders. Anders als in meinem Kopf, in dem ich mir vorgestellt hatte, dass ich souverän und selbstbewusst auftreten würde,  saß ich ihm gegenüber und fühlte mich zunehmend unter seinem strengen Blick wie ein kleines Kind, dem gleich wegen irgendeines Vergehens die Leviten gelesen werden.

Und so ähnlich kam es dann auch. Zuerst musste sich Herr Q. aber mal einlesen in die Leviten, die mir ein Wiener Anwalt vor einer Woche per Einschreiben im Auftrag des Handybesitzers zugestellt hatte. Die Lektüre des Briefes verursachte mitteltiefe Falten auf Herrn Qs Stirn und, was ich mit etwas Genugtuung bemerkte, auch das eine oder andere Mal ein kurzzeitiges Zucken um seine Mundwinkel, die ein Lachen andeuteten.

„Wann hast du eigentlich mal vor erwachsen zu werden, Fräulein Stern?“, mit dem Satz blickte Herr Q vom Brief auf und mir direkt in die Augen. Ein Blick, der sofort jegliche eloquente Antwort, die ich mir in meinem Kopfszenario meine Verteidigung betreffend zurechtgelegt hatte, löschte.

Herr Q hatte aber ohnehin nicht vor, mich zu Wort kommen zu lassen, sondern fasste noch einmal gekonnt, meine Vergehen zusammen, indem er mir zusammenfasste, was mir die Wiener Anwälte so alles zum Vorwurf machten: „Eins muss man dir lassen, Elsa, zu wenig Einfallsreichtum kann man dir nicht unterstellen. Es ist eine Sache, ein Xing-Profil so umzuarbeiten, dass man als Unbeteiligter den Eindruck bekommt, dein Ex hätte unter dem Pseudonym „Bunny Melone“ eine Karriere als Darsteller in einschlägigen Filmchen hinter sich, es ist aber noch mal ein ganz anderes Kaliber, wenn man seine Biographie um eine Geschlechtsumwandlung erweitert. Ich verstehe auch ganz gut, dass er nicht unbedingt begeistert war von der FB-Statusmeldung, in der es um erektile Dysfunktion aufgrund der Einnahme von Haarwuchsmitteln ging und davon, dass du sämtlichen seiner männlichen Freunde in seinem Namen herzzerreißende Liebeserklärungen geschickt hast. Ich denke, die Tatsache, dass du alle seine aktuellen und verflossenen Affären zu seiner Geburtstagsparty eingeladen hast, war dann noch der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Schönes Chaos, das du da angerichtet hast!“ Als Herr Q nach dieser Zusammenfassung vom Brief aufsieht und wieder ein Hauch eines Schmunzelns um seinen Mund zu erahnen ist, schaut es nur ganz kurz fast so aus, als wäre er ein klein wenig stolz auf mich. Allerdings wird er gleich wieder ernst und geschäftlich: „Es wird jedenfalls eher schwer hier zu argumentieren, dass du im Affekt gehandelt hast, dafür hast du zu viel Zeit und kriminelle Energie in die Sache gesteckt. Und so wie ich dich kenne, bereust du es ja auch nicht!?“

Wo er Recht hat, hat er Recht, der Herr Q. Hätte er mir zusätzlich Genugtuung unterstellt, als ich beim Lesen des anwältlichen Schreibens aus Wien erfahren habe, was meine Geburtstagseinladungen und Liebeserklärungen für ein fulminantes Ergebnis erzielt haben, hätte er genauso ins Schwarze getroffen. Da hatte der Herr Handybesitzer mit Sicherheit einiges zu tun, als zehn der fünfzehn geladenen Affären da plötzlich an seinem 35. Geburtstag auf der Matte standen. Insgeheim bin ich schon ein bisschen stolz auf mich. Sollte das Karma mal offene Stellen für Karmaengel ausschreiben, müsste ich mich glatt bewerben gehen.

Herr Q hat anscheinend einen siebten Sinn für meine gedanklichen Schulterklopfer und meint plötzlich wieder sehr professionell: „Elsa, das ist nicht sonderlich witzig. Du kannst froh sein, dass diese Anwälte in Wien nicht mehr als Winkeladvokaten sind!“ Den Zusatz: „Du kannst froh sein, dass du mich hast, denn ich bin hundertmal besser als die“ hat sich der Herr Q hörbar dazu gedacht – so viel zu meinem siebten Sinn die Gedanken des Herrn Q zu erahnen.

„Wie dem auch sei, sie werden sich hoffentlich damit zufrieden geben, dass du eine Unterlassungserklärung unterschreibst, damit sowas in Zukunft nicht mehr vorkommt“,  und damit unterbreitet er mir ein vorgefertigtes Papier zur Autogrammstunde.

Als Herr Q merkt, dass ich mit meiner Unterschrift zögere, geht seine linke Augenbraue skeptisch in die Höhe: „Elsa? Ist da vielleicht noch etwas von dem ich wissen sollte?“

Wahrscheinlich wäre das der richtige Zeitpunkt gewesen, Herrn Q zu beichten, dass dem Herrn Handybesitzer möglicherweise noch ein paar andere Überraschungen bevorstehen werden. Also je nachdem, wie es um den Wohnungsmarkt in Wien gerade so steht und wieviele Leute Interesse an einer Open-House-Wohnungsführung in seinen 90 Quadratmetern im zweiten Bezirk haben, wenn die Wohnung für sagen wir schlappe 350€ warm angeboten wird… Gottseidank kam ich nicht dazu, Herrn Q über mein Wohnungsinserat in Kenntnis zu setzen, denn der hatte noch anderes mit mir vor…

 

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Eine Antwort zu Wiedersehen – oder warum karmische Rachegelüste selten nach Casablanca führen

  1. birgitjaklitsch schreibt:

    Sollte ich jemals herausbekommen, dass mein Mann mich betrügt, dann so und nicht anders. Eierlikör steht im Schrank….

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