Ver-lobung – oder warum das noch lange kein Grund zum Feiern ist


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Ich weiß ja nicht, wie das bei Ihnen ist, aber ich kann bei Zugfahrten immer sehr gut nachdenken. Man könnte auch sagen: reflektieren. Also auf er Zugfahrt zurück nach Salzburg war der Ausflug nach München im Rückblick doch interessant gewesen.

Die interessantesten Details am Rande, ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

  1. Ich bin jetzt mit Herrn Q verlobt.
  2. Herr Q ist jetzt mit mir verlobt.
  3. Herr Q und Fräulein Stern (das bin ich!) sind jetzt verlobt.

Und jetzt noch mal langsam für alle, denen vielleicht so wie mir, ob dieser Verkündung doch erst mal das „Ladl“, wie man bei uns so schön sagt „hinuntergefallen ist“:

Eine halbe Stunde nach der entwürdigenden Autogrammstunde zur Unterlassung der Ausführung sämtlicher zukünftiger Rachegedanken in Bezug auf den Handybesitzer in Herrn Qs Büro, sitze ich in einem kleinen Bistro und versuche meine neue Bluse (ein preislich nicht ganz günstiges Vergnügen, aber ich kann mich ja nicht mit Espressobefleckter Bluse gegenüber von Herrn Q in ein Bistro setzen – der kleine Ausfallschritt in den Hugo Boss Store auf dem Weg von der Qschen Kanzlei zum Mittagessen, ist also total gerechtfertigt!) nicht gleich wieder mit Spaghettisoße anzupatzen. (Erinnern Sie mich bitte das nächste Mal daran, dass man besser keine Bolognese bestellt, wenn man ein weißes Oberteil trägt, das die Kreditkarte gerade mit 90€ belastet hat).

Es hilft im Übrigen nicht unbedingt bei der Mission „Bluse fleckfrei halten“, dass mir Herr Q gegenüber sitzt und mir mit Schwung Rotwein nachfüllt, sobald ich mein Glas auch nur ansatzweise geleert habe, aber wem sag ich das? Sie kennen die Situation sicher alle und können sich hineinfühlen… also in die Situation, wenn man nach zwei Jahren dem Mann bei Rotwein gegenüber sitzt, der einem das Herz nicht einmal sondern umgerechnet fünfmal gebrochen hat, den man nie wirklich vergessen konnte, weil man irgendwo tief im Inneren immer gewusst hat, dass er der eine Einzige ist, für den man die beste Version seiner selbst werden will. Der Einzige, neben dem man nicht einschlafen will, weil kein Traum schöner sein kann, als die Wirklichkeit neben ihm im Bett zu liegen. Der Einzige, mit dem man sich vorstellen kann noch mit 80 Händchenhaltend durch einen Park zu spazieren, auch wenn beides (Händchenhalten und Spazieren) durch die benötigten Rollatoren schon etwas erschwert wird. Weil er in Summe eben genau DER Einzige ist.

Ich unterstelle ihm trotzdem unverfrorene Absicht wegen dem Wein. Er weiß nämlich a) sehr genau, wie zittrig meine Hände werden, wenn er mir in die Augen schaut und wie schwer Rotwein aus weißen Blusen zu waschen ist und b) wie ich auf Rotwein reagiere (der Spruch „in vino veritas“ trifft bei der Kombination von Sternderl und Rotwein bereits nach zwei kleinen, damenhaften Schlückchen zu – heißt: ich werde gesprächiger als ein Wasserfall und komme zuweilen auf ganz kuriose Ideen).

Trotzdem ist es nicht meine Idee gewesen, also das Ding mit der Verlobung. Das ist ganz alleine auf dem Mist von Herrn Q gewachsen.

Es war in etwa mittig im Lunch. Nachdem wir den höflichen Smalltalk durch hatten und ich Herrn Q eine Kurzfassung meines Lebens der letzten zwei Jahre mit dem Handybesitzer, inklusive der Details die die Racheaktion ausgelöst hatten, erzählt hatte, lehnte der sich etwas nachdenklich zurück, runzelte die Stirn und schaute mir direkt in die Augen, wie nur Herr Q es kann: „Glaubst du eigentlich manchmal, dass das alles Schicksal ist?“

Rhetorische Pause. Herr Q ist Spezialist darin rhetorisch zu pausieren, wenn es gar nicht passt. Soll heißen, wenn er solche Sätze in den Raum stellt, die mein Hirn überfordern, weil sie so aus dem Nichts kommen und gleichzeitig alles und nichts bedeuten können, dann wartet er einfach, ohne weitere Erklärung.

Ich bin es gewohnt, dass Herr Q so etwas macht. Ich war es gewohnt, dass Herr Q, nach so einer rhetorischen Bombe, einen Moment wartet, meine Reaktion genießt (in diesem Fall ist mein Gesicht genau an der Stelle eingefroren, an der mir der Rest einer Spaghettinudel aus dem Mund hängt und meine Augen in etwa die Größe von zwei Vollmonden haben – quasi erschrockenes Duckface mit Nudel) und dann in schallendes Gelächter ausbricht. Diesmal aber, lehnt er sich nach vorne, sein Gesicht ist nur mehr Zentimeter von meinem entfernt und er legt nach: „Ich habe oft an dich gedacht in den zwei Jahren, Elsa. Zu oft vielleicht. Ich habe mich immer gefragt, was du gerade machst, immer wenn ich einen Stern gesehen habe und auch wenn ich keinen Stern gesehen habe. Ich frage mich ernsthaft, ob es so kommen musste, das alles… damit wir uns wieder gegenüber sitzen. Jetzt. Hier.“

Schockstarre. Ich glaube, so fühlt es sich an, wenn man stirbt. An meinem inneren Auge ziehen die prägendsten Momente zwischen Herrn Q und mir wie in einem Filmtrailer vorbei: Das erste Mal, als ich in Herrn Qs meerwasserblauen Augen ertrunken bin, der erste Kuss, Herr Q in Boxershort auf seinem Flokati und ich neben ihm, die Irensche Champagnerdusche, Herr Q mit Sachertorte im Gesicht (die ich nach ihm geworfen hatte), Herr Q auf den Stufen des MdM perplex von einer öffentlichen Szene, die ich ihm fälschlicherweise gemacht habe, Herr Q in Handschellen in meinem Schlafzimmer, nachdem ihn ein übereifriger Wachtmeister für einen Einbrecher gehalten hat, letztendlich Herr Q, der mich auf seiner Housewarmingparty küsst, obwohl seine Freundin im Esszimmer nebenan eine Variation von Schokolade kredenzt und Herr Q, der sich umdreht und wortlos geht, nachdem ihm ein Mr. Harmley den Parmaschinken namens Elsa weggeschnappt hat.

„Elsa?“ Ich muss wohl länger mit Nudel im Mund völlig entgeistert dagesessen haben… „Elsa, sag etwas!“ Die Qsche Bitte holt mich aus meiner Nahtoderfahrung zurück in die Wirklichkeit, die ein Teil von mir für einen sehr abstrusen Traum hält. Daher sage ich das Einzige, was mir in der Situation adäquat erscheint: „Sag mal, willst du mich verarschen?“

Diese rhetorische Watschn sitzt. Herr Q lässt sich in seinen Sessel zurückfallen: „Nein. Nein, ich will dich nicht „verarschen“, Fräulein Stern.“

„Was dann?“, ich weiß auch nicht, warum ich plötzlich so richtig grantig auf den Q bin und die Stimme erheben muss. Kurzschluss in den Synapsen, würde ich tippen. „Was dann, Q? Was willst du eigentlich von mir? Du warst immer der, der gegangen ist, dem ich nie genug sein konnte, so wie ich bin, dem ich nachlaufen musste, der sich für andere entschieden hat, muss ich dich daran erinnern?“

„Was ich will? Dich!“ Ich hab Herrn Q noch nie in einem öffentlichen Rahmen so laut erlebt. Die Tatsache alleine täuscht aber nicht über die Inhaltsebene des Gesagten hinweg. Mich? Er will mich?

„Sag das noch mal.“, und diese Worte kommen leiser und drohender aus meinem Mund, als ich das eigentlich vorhatte.

„Du willst, dass ich das noch mal sage? Gut! Ich will dich! Ich will diese eine Frau, die mir nicht aus dem Kopf geht, weil sie immer in den richtigen Momenten das Falsche sagt, sie immer dann wegläuft, wenn es ernst wird, sie nie weiß, was sie eigentlich will; sie immer Chaos und Drama dem vorzieht, was eigentlich gut für sie wäre, nur damit ihr nicht langweilig wird. Mir ist klar geworden, dass ich das will, aber du… du weißt es noch immer nicht!“

Wenn das jetzt eine Liebeserklärung war, dann war sie eindeutig zu laut, zu aggressiv und zu … negativ formuliert! Was soll denn das bitte heißen? Ich wüsste nicht, was ich will? Ich bin so knapp davor, Herrn Q den Rest meiner Spaghetti Bolognese ins Gesicht zu werfen. Hat der sie noch alle?

„Ich weiß verdammt noch mal ganz genau, was ich will!“

„Dann sag es! Sag, was du willst!“

Ich hätte einfach nur „Dich“ sagen müssen. Aber dieses eine kleine Wort wollte mir nicht über die Lippen kommen. Ich weiß nicht, warum. Ich hab zwei, dreimal Anlauf genommen „D..“, „D…“, aber es wollte nicht. Irgendetwas blockierte in mir. Irgendetwas in mir glaubte immer noch, dass irgendwo gleich jemand aus den Buchsbäumchen um das Bistro herum springen und „Versteckte Kamera“ rufen würde.

„D.. Das werde ich dir ganz sicher nicht sagen!“, wie ein kleines Kind hab ich dazu meine Arme vor der Brust verschränkt, komm mir bloß nicht zu nahe, Herr Q, du tust mir nur weh!

„Wie du willst, Elsa!“, mit diesen Worten steht Herr Q auf und knallt eine kleine, blaue Schatulle auf den Tisch, ganz knapp neben meinem Spaghettiteller bleibt sie liegen. „Nimm dir Zeit! Überleg dir einmal in deinem Leben, was du wirklich willst!“

Mit zitternden Händen nehme ich die Schatulle in die Hand und klappe sie ganz langsam auf… Darin befindet sich ein Zettel: „Willst du mich heiraten?“ steht darauf und darunter sind zwei Kästchen zum Ankreuzen: „Ja“ und „Nein“ und unter dem Zettel blitzt, nicht ein Ring, sondern eine Kette mit einem silbernen Sternenanhänger, der mittig von einem hochkarätig glitzernden Stein geziert wird.

„Ja, eine Kette… die kann man nicht so leicht verschlucken“, fühlt sich Herr Q bemüßigt mich an den Abend im Kuschelhotel zu erinnern, an dem ich in Anwesenheit eines Napoleons den Verlobungsring, der eigentlich für jemand anderen gedacht war, in Panik „verschluckt“ habe.

Und weil ich nichts sage, nimmt Herr Q die Kette aus der Schatulle und legt sie mir um den Hals.

„Ein Jahr, Fräulein Stern. Ich warte ein Jahr auf deine Antwort. Hab Spaß in diesem Jahr, genieß die Freiheit, leb dich aus in diesem Jahr, mach alles, was du machen musst, damit du endlich mal weißt, was du willst. Ich will dich nicht retten und ich will nicht dein Lückenbüßer sein. Such dir andere Lückenbüßer oder such jemanden, der dich mehr lieben kann als ich. Und wenn du ihn in einem Jahr nicht findest, dann komm zurück zu mir. Man muss das, was man liebt, loslassen.“ Und mit diesen Worten ließ mich Herr Q, der eindeutig zu viel Saint Exupéry gelesen hat, los. Und ich knallte Fresse voraus auf den Boden der Realität, nur diesmal war er gepflastert von zuckersüßen rosa Wattewölkchen, die nach Happy End in einem Jahr schmeckten.

 

 

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2 Antworten zu Ver-lobung – oder warum das noch lange kein Grund zum Feiern ist

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