Motivations-Analyse – oder: Warum Herr Q lieber todkrank sein Erbe verwettet, als mich zu heiraten


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„Und dann bist du aufgewacht und dein Bett war nassgeschwitzt!“, war der Kommentar der A., als ich ihr zurück in Salzburg beim Brunch von Herrn Qs zugegeben etwas eigenwilligem Heiratsantrag erzählte.

„Genau, und das da“, als Gegenbeweis halte ich der A. meine Sternenkette unter die Nase, „hat mir das Sandmännchen umgebunden!“ Und nur um auf Nummer sicher zu gehen, lege ich ihr noch den dazugehörigen Zettel auf den Tisch und bin wahrscheinlich das erste Mal in meinem Leben froh darüber dass Herr Q alles, aber auch wirklich alles, sogar Heiratsanträge, schriftlich aufsetzt.

„Hm“, macht die A. nachdenklich und geradewegs so, als hätte ich ihr davon erzählt, dass ich von Außerirdischen entführt worden bin und als hätte ich ihr als Beweis dafür einen Brocken Mondgestein vorgelegt, der sie zu sehr an einen schnöden Granitstein aus dem Mühlviertel erinnert, als dass sie mich auch nur ansatzweise ernst nehmen könnte.

„Und wieso um alles in der Welt kommt er ausgerechnet jetzt drauf, dass“, und den nächsten Teil der Frage versieht die A. mit Luftanführungszeichen, „er nicht ohne dich leben kann? Immerhin habt ihr euch jetzt drei Jahre nicht gesehen!?“

Gut Frage, nächste Frage. Natürlich habe ich mir diese Frage seit dem Wiedersehen mit Herrn Q mittlerweile auch tausendfach gestellt und das obwohl, oder vielleicht gerade weil ich weiß, was die A. nicht weiß, nämlich, dass das letzte Treffen vor der Ver-lobung keine drei Jahre sondern ungefähr zwei Jahre her ist. Die A. weiß auch nicht, was damals passiert ist und weswegen ich Herrn Q damals offiziell Hausverbot auf Lebenszeit in meinem Herzen erteilt habe.

„Glaubst du, dass er irgendwie krank ist?“, fragt die A., die jetzt ernsthaft nach plausiblen Gründen für den Heiratsantrag nachzugrübeln scheint.

„Ach so, du meinst also, jemand, der mich heiraten will, muss schon geisteskrank sein, oder was? Na danke auch!“

„Naja, vielleicht nicht gleich geisteskrank“, überlegt die A. hörbar weiter, weil sie den gekränkten Zynismus in meiner Stimme überhört hat, „aber vielleicht ist er ja todkrank und hat nicht mehr lange zu leben…?“

„Aha und in so einer Situation denkt er sich dann „Jetzt ist’s auch schon wurscht“, oder wie?“

„Genau!“, und die A. sagt das so, als hätte sie gerade einem kleinen Kind einfühlsam aber erfolgreich beigebracht, dass es das Christkind nicht gibt.

Zugegeben der Gedanke genauso wie ca. 50 andere Erklärungen dafür, dass mich Herr Q ausgerechnet jetzt und überhaupt zu seiner Mrs Q machen will, war mir auch schon gekommen…

„Oder er hat eine Wette verloren, oder muss heiraten, weil das als Klausel im Testament von irgendeinem reichen Onkel steht und er sonst das Familienvermögen nicht erbt!?“, strahlt die A. jetzt, weil sie sich auf dem sicheren Weg glaubt, Herrn Qs wahre Motivation aufzudecken.

„Ja, genau“, gebe ich so trocken es geht zurück, „alles ist glaubwürdiger, als dass er vielleicht wirklich gemerkt hat, dass ihm ohne mir etwas fehlt… Danke auch!“

„Sternderl! So war das doch gar nicht gemeint!“, endlich wird der A. ansatzweise bewusst, was sie da eigentlich die ganze Zeit unterstellt. „Sternderl nicht, ich mein doch nur… Überleg doch mal selber! Wie lange geht das mit ihm und dir schon so? Acht Jahre? Zehn Jahre? Wie oft hat er dir schon mehr oder weniger glaubwürdig vermittelt, dass er jetzt so weit ist und sich einlassen will und dann war’s wieder nix, weil ihm jemand anderer „dazwischengekommen“ ist? Und wie oft hat er dir wehgetan? Und jetzt auf einmal soll alles gut werden? Ein Happy End mit dem Q, weil eine gute Fee ihm eine mit dem Zaunpfahl übergeprackt hat? Entschuldige, aber das ist wirklich nicht glaubhaft! Ich mein’s doch nur gut mit dir!“

Die A. hat irgendwie recht. Gerade deswegen regt mich das, was sie sagt, ja auch so auf!

„Ich wünschte, die E. wäre da, die ist wenigstens nicht so direkt wie du! Wo ist sie überhaupt?“

„Frag nicht, irgendein Schamenen-Feng-Shui-Seminar im Südburgenland oder so… und sie würde dir wahrscheinlich was ganz Ähnliches sagen, nämlich, dass du gerade jetzt viel zu verwundbar bist, um dich wieder mit dem Q einzulassen. Sie würde halt nur vorher ein paar von ihren Karten auf den Tisch legen und so tun, als würde sie draus vorlesen.“

„Zumindest würde sie mir ein bissl konstruktiver weiterhelfen! Was soll ich denn jetzt tun?“

„Mein Gott, Elsa, mach doch einfach das, was er gesagt hat. Egal, ob er das mit dem Antrag ernst gemeint hat oder nicht, zumindest bei allem anderen muss ich ihm Recht geben: Leb doch einfach mal! Du hast dich die letzten zwei Jahre von diesem Wiener-Pseudo-Casanova sowas von einsperren lassen, du warst doch gar nicht mehr du selber und IQ-Punkte hast du auch abgebaut in Gesellschaft dieses Proleten! Vielleicht würde dir ein Kurs auf der Uni mal wieder guttun? Oder meinetwegen irgendein Volkshochschulkurs „Ausdruckstanz für Anfänger“ oder „Töpfern“ so als Einstieg?“

„Entschuldige, ich bin ja keine vierzig und muss mich vor der Midlife-Krise noch gschwind selbst verwirklichen!“

„Nein, Elsa, aber du bist 32 und weißt noch immer nicht, wer du eigentlich bist und was du eigentlich willst, da hat der Q schon recht. Du hast heute eine Viertelstunde überlegt, ob du lieber einen Cappuccino oder einen Café Latte bestellen sollst – das ist, weder in diesem noch in irgendeinem anderen Alter, normal! Und wenn du wirklich in einem Jahr mit dem Q auf immer und ewig glücklich sein willst, dann tu doch bitte ihm und dir den Gefallen und probier vielleicht tatsächlich vorher aus, ob nicht vielleicht ein Anderer „richtiger“ sein könnte als er! Was Besseres als dieses Jahr kann dir doch gar nicht passieren! Tob dich aus, vielleicht verliebst du dich ja in jemanden, der besser ist als der Q und dich von deiner Besessenheit kuriert! Und wenn nicht: Bitte, dann kannst du ja besessen bleiben, es gibt sicher auch schlechtere Back-up-Pläne als den Herrn Q. Tu nur bitte allen und damit meine ich vor allem dir den Gefallen und mach was aus dem Jahr!“

Ich geb’s an dieser Stelle ungern zu, aber der Arschtritt-Pep-Talk von der A. hat gewirkt. Sie hat vermutlich recht, irgendwas muss ich aus dem Jahr machen für mich, für Herrn Q, für uns. Nur was? Gut, dass ich das ja nicht selber entscheiden muss…

„Übrigens, da fällt mir ein“, sagt die A. geheimnisvoll und schiebt mir ein Kuvert über dem Tisch zu: „Die Tickets nach Barcelona aus deinem Überreste-Haufen…“

„Oje, nein, die hab ich ganz vergessen, na, bitte A.! Ich mag da nicht hin… das wäre doch SEIN Geburtstagsgeschenk gewesen!“

„Genau, das hab ich mir auch gedacht, dass da nicht hin sollst! Drum hab ich’s umgebucht! Du fliegst jetzt vier Tage ganz wo anders hin – Schottland – Business Class! Du brauchst dich nicht zu bedanken, tu’s einfach!“

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