Don’t leave your Elsa unattended – oder warum in 22 Stunden 25 Minuten und 33 Sekunden zu viel passieren kann


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Irgendjemand hätte Herrn Q vorwarnen müssen. Irgendjemand hätte ihm sagen müssen, dass es keine gute Idee ist, mich in die Freiheit zu entlassen. Irgendjemand hätte eine Durchsage machen müssen, so wie auf dem Flughafen, nur statt „Don’t leave your luggage unattended“, hätte man ihm sagen müssen: „Don’t leave your Elsa unattended!“. Ganz unter uns (denn ich weiß, Sie erzählen es nicht weiter): Ich bin gerade grantig auf Herrn Q, denn er hätte dies auch wissen müssen, ohne dass man es gehaucht durch einen Lautsprecher in die Abflughallen der Welt hinausposaunt. Genauso wie er hätte wissen müssen, dass der Elsa-Koffer einen Anhänger dran hat: „Fragile, please handle with care“. Den hat er auch überlesen, anscheinend. Anders ist es nicht zu erklären, dass er mir auf meine Nachricht vor Abflug aus Salzburg erst mal 22 Stunden, 25 Minuten und 33 Sekunden lang nicht geantwortet hat.

Und das hat er jetzt davon. In 22 Stunden, 25 Minuten und 33 Sekunden kann nämlich viel passieren. Vor allem in Schottland. Möchte man nicht meinen, immerhin ist Schottland nicht Ibiza, aber es war so. Nach 22 Stunden, 25 Minuten und 33 Sekunden hatte Fräulein Stern, und ich sag das jetzt nicht um anzugeben, bereits 12 Dates hinter sich. Fragen Sie nicht! Dieses schottische Speed-Dating-Event  war alles die Idee von der A.! Mein Plan A für Schottland war ja eher gewesen, dass ich mich, rein der Neugierde halber, mal in so einen mystischen Steinkreis stelle und gschwind in die Vergangenheit reise. So in etwa habe ich das Herrn Q auch geschrieben, als ich in Salzburg gerade in der Business Lounge saß und auf meinen Flug wartete:  „Ich flieg jetzt nach Schottland, wenn ich nicht zurückkomme, bin ich durch einen magischen Steinkreis in die Vergangenheit gereist und stecke im 18. Jahrhundert fest, wo mich ein äußerst attraktiver, schottischer Clan-Leard, der aussieht wie Sam Heughan, vor den einfallenden Briten beschützen muss… Willst du das eigentlich wissen?“

Es war eine simple Ja-Nein-Frage (mit Anspielung auf die Serie „Outlander“, die Herr Q höchstwahrscheinlich nicht ge-netflixt hat)… Darauf hätte ich eine Antwort erwartet… zeitnah. Aber hier ist die Diskrepanz, die mich seit jeher schon so wahnsinnig gemacht hat bei Herrn Q: Diese eklatante Diskrepanz nämlich zwischen dem, was er sagt und tut und auf Zettel schreibt (wir reden hier nach wie vor von dem Spontan-Überrumpelungs-Heiratsantrag) und dem, was er dann macht: rhetorisch pausieren oder auch einfach mal nicht kommunizieren. Dabei weiß jeder, der seinen Watzlawick gelesen hat, dass man nicht nicht-kommunizieren kann. Schon gar nicht kann man das, wenn man, so wie Herr Q, die Nachricht sehr wohl 10 Minuten, nachdem sie geschickt wurde, gelesen hat und sich dann trotzdem für eine Antwort noch 22 Stunden, 15 Minuten und 33 Sekunden lang Zeit nimmt. Am liebsten hätte ich ihn…! Stattdessen hab ich den gesamten Flug nach Frankfurt und dann auch auf dem Anschlussflug nach Edinburgh darüber nachgegrübelt, was er wohl gerade macht…

Was macht Herr Q ein Jahr lang, in dem er wartet? Macht er das Gleiche, was er mir vorgeschlagen hat? Denkt er nach? Herrgott, er wird doch wohl nicht nachgedacht haben, was er wirklich will und es sich dann anders überlegt haben?!? Oder lebt er sich auch noch ein bisschen aus? Denkt er sich: „Gut, die Elsa, die hab ich jetzt erst mal auf einen Selbstfindungstrip geschickt, in der Zwischenzeit kann ich ja auch noch ein bisschen Spaß haben. Wo war noch gleich die Telefonnummer von Irene?“? Vielleicht ist er ja gerade bei Irene oder Natasha oder vielleicht verliebt er sich gerade rettungslos in jemand ganz anderen und hat mich schon vergessen? Ich sage Ihnen, die Reise nach Edinburgh war, und das sage ich als gebranntes Kind auf Flugreisen (wer’s nicht glaubt, kann’s HIER nachlesen) absolut unentspannt! Vor allem auch deswegen, weil man nicht mal in der Business Class gscheites Wlan über den Wolken hat und sich die Stewardess nach dem zweiten Whiskey schon stur gestellt hat und nicht mehr nachschenken wollte.

Das erste also, das ich tat, nachdem ich schottischen Boden unter den Füßen hatte, war, meine mobilen Daten anzuschalten und meine Nachrichten zu überprüfen. Und mit jeder Nachricht, die da auf meinem Handy erschien und die nicht von Herrn Q war, passte sich meine Stimmung dem dunkelbunten Himmel über Edinburgh an. Zugegeben, es mag auch daran gelegen haben, dass die meisten Nachrichten von meiner Mutter waren, die sich im Fünf-Minuten-Takt erkundigte, ob ich schon gut gelandet wäre / eh meine Strickjacke eingepackt hätte bzw. mir mitteilte, dass sie die Karten für den „Jedermann“ jetzt organisiert hätte und ob der Handybesitzer eh frei bekommen und nach Salzburg kommen würde…

Nein, ich habe meiner Mutter noch nicht gebeichtet, dass ich wieder Single, aber irgendwie doch verlobt bin. Glauben Sie mir, wenn Sie ihre Tochter wären, hätten Sie das auch noch nicht getan! (Und wer’s nicht glaubt, den/ die lade ich herzlich ein sich HIER einen Einblick zu verschaffen.) Das steht mir also auch noch bevor, spätestens beim traditionellen jährlichen Festspielbesuch, bei dem der Handybesitzer dieses Jahr mit Abwesenheit glänzen wird. Ich hab kurz überlegt, ob es vielleicht eine gute Idee wäre, Herrn Q quasi als Überraschungsgast mitzubringen, so nach dem Motto: „Schau mal liebe Mama, wer wieder da ist und mich heiraten will!“, aber nachdem sich der Überraschungsschwiegersohn-in-Spe nicht bei mir gemeldet und mich damit in eine Sinnkrise der anderen Art gestürzt hatte, beschloss ich Mama Stern nur kurz zu schreiben, dass ich mittlerweile gelandet wäre und aber wegen der horrenden Kosten jetzt mein Handy ausschalten würde.

In Wirklichkeit tat ich das natürlich nicht. Stattdessen starrte ich in Erwartung einer Nachricht von Herrn Q so gebannt auf mein Handy, dass ich fast in ein Taxi gelaufen wäre – ja eh, Linksverkehr, musste ich mich auch erst mal wieder dran gewöhnen, genauso wie an die Tatsache, dass Schotten, wie auch Engländer, etwas an sich haben, das ich seit jeher äußerst anziehend finde. Ich hab zwar keine Ahnung, was das genau ist, aber eventuell ist es was Genetisches oder sie mischen irgendwas in ihr Bier, das sich dann ausgeschwitzt mit den Pheromonen verbindet, was mich dann mich olfaktorisches Fetischkind dann irgendwie besonders anzieht.

Insofern war es vermutlich ganz gut, dass Herr Q nicht kommunizierte. Oder nicht oder eben erst, als es schon zu spät war… 22 Stunden 25 Minuten und 33 Sekunden zu spät wachte ich dann nämlich endlich von Herrn Qs personalisiertem Nachrichtenton auf und zwar in meinem Hotelbett umgeben von einer Wolke aus schottischem Testosteron. Und als hätte Herr Q schon so etwas in die Richtung vermutet, lautete seine Nachricht: „Guten Morgen, Fräulein Stern. Ich kann nicht behaupten, dass es mir egal wäre, wenn du gerade im Bett von einem schottischen Leard aufwachen würdest, wenn du das hier liest, aber ich gönne dir alles, was dich glücklich macht. Das mit dem 18. Jahrhundert habe ich nicht verstanden… Trink nicht zu viel Whiskey und pass auf dich auf! Ich bin die nächsten zwei Wochen beruflich in Berlin. Irene ist so nett und lässt mich bei sich wohnen.“

Bähm! Hätten mich nicht zwei starke, schottische Arme festgehalten, wäre ich glatt aus dem Bett gefallen. Insofern waren die Arme doch nicht so schlecht… fragt sich nur, wie ich in die wieder reingeraten bin und die vielleicht noch viel drängendere Frage: Wie ich aus dieser Umarmung wieder rauskomme?

 

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