Re-bound-Zynismus-Hygiene – oder warum arthritische Platzhirschen, Hobbit-Hotelierssöhne & Co zu den internationalen Phänomenen beim Speed-Dating zählen.


Bevor jetzt wieder jemand schreit: „Nein, wie frivol, das Fräulein Stern! Ist keine 24 Stunden in Schottland und wacht schon neben einem Schotten auf! Und dann schreibt sie das auch noch öffentlich ins Internet!“, lassen Sie mich bitte erklären, wie es dazu kam (und Ihnen vorher noch sagen, dass Sie sich wie meine Mutter anhören! Falls Sie meine Mutter sind: Mama, du sollst hier nicht mitlesen!! Ernsthaft jetzt!) Wie kam’s?

Genaugenommen ist es in erster Linie die Schuld von Herrn Q und dann auch noch die von der A. Wenn der Herr Q nämlich seinen Pflichten als Verlobter-in-spe nachgekommen wäre und mir auf meine Nachricht früher geantwortet hätte,  dann wäre es gar nicht so weit gekommen, dass ich grantig auf ihn gewesen wäre und ich in Folge dieses Grants auf die A. gehört hätte.

Die A. meinte nämlich mir abseits der Business-Class-Flüge noch einen besonderen Gefallen tun zu müssen und hat mich, weil ihr nichts Gscheiteres eingefallen ist, bei einem schottischen Speed-Dating angemeldet. Sie hat mir diese Anmeldung verständlicherweise verschwiegen, weil sie gewusst hat, was sie erwartet hätte, wenn sie mir das Speed-Dating life und in Farbe auf’s Aug gedrückt hätte: Meuchelmördern ist ein Hilfsausdruck dafür, was ich mit ihr gemacht hätte.

Wie bereits erwähnt, war mein Plan A ja eher das Ding mit dem Steinkreis und der Zeitreise… (ich hab mir vor dem Abflug nach Edinburgh auch extra noch mal die ersten zwei Staffeln Outlander reingezogen – rein zu Recherchezwecken versteht sich, nicht, weil ich einen heimlichen kleinen Fangirl-Crush auf Sam Heughan hab!)

Gut, den Plan A konnte ich mir aufpinseln, denn die A. hatte einen Plan B – Speed-Dating in schottischer Pub-Amosphäre, mit lauter Schotten, die nicht so aussahen wie Sam Heughan. „Sternderl, du brauchst Re-bound-Sex! Sonst wirst du zynisch.“, war die lakonische Antwort der A., als ich sie gefragt habe, ob ihr jemand ins Hirn g’schissn hat. Die Argumentation, dass ich sonst zynisch werde, hat mich außerdem an die Snickers-Werbung erinnert, nur anstatt mir einen Schokoriegel  in den Mund zu stecken, glaubt die A., dass ich mir lieber einen Klaus… also, Sie wissen, was ich meine. Auf die berechtigte Frage „Wie bitte?“ kam ein mehrseitiger WhatsApp-Aufsatz von ihr zurück mit geschätzt über 50 Gründen, warum „Re-bound-Sex“ rein psychohygienisch und überhaupt das einzig Richtige für jemanden „in meiner Situation“ sei. Ich hab nicht nachgefragt, was sie mit „meiner Situation“ genau meint. Ich hab nur eins gewusst: Wenn ich mich entscheiden muss zwischen Herrn Q und 12 Schotten, dann würde ich mich immer für ihn entscheiden… allerdings nicht, wenn er sich nicht zuvor entscheiden kann, ob er mir auf eine Nachricht antwortet oder nicht!

Und so saß ich nach einem kurzen Zwischenstopp im Hotel nicht wirklich erwartungsvoll, aber doch ein wenig aufgeregt in einem Pub der gediegeneren Sorte. Dort erklärt mir dann eine Mitzwanzigerin mit mondänem, lackschwarzen Pagenkopf gleich überaus freundlich, wie das schottische Speed-Dating funktionieren sollte. Und es ist jetzt eh nicht so, dass es anders funktioniert, als ein österreichisches Speed-Dating. Als Dame wird man also an einen Tisch gesetzt und kriegt eine Nummer. Und weiters kriegt man einen Zettel in die Hand gedrückt, auf dem man die Männer aufnotieren und ihnen ein Kreuzchen bei „Yes“ oder „No“ verpassen kann. Und jetzt dürfen Sie dreimal raten, an was mich diese Ja / Nein Kasterl erinnert haben… nein, nicht daran, dass ich beim wöchentlichen Lottoschein den Joker ankreuzen soll! Natürlich an Herrn Qs Heiratsantrag und auch daran, dass er mir fehlte. Er fehlte mir plötzlich so schrecklich, dass ich am liebsten aufgestanden und gegangen wäre und einen Flug nach München genommen hätte… andererseits: Wenn er nicht auf eine Ja/Nein-Frage antworten kann, dann stürze ich mich sicher nicht in Unkosten und buche meinen Flug um! Außerdem hatte der Pagenkopf was dagegen, dass die Damen abhauen. Es sind nämlich ob der etwas reifer als angekündigten Herren schon ein paar Frauen abhanden gekommen, die ich, wenn ich mir das Angebot so von Weitem anschaue, gerade beneide, weil sie die richtige Entscheidung getroffen haben.

Leider, so der Pagenkopf, wären kurzfristig ein paar Teilnehmer ausgefallen und so musste ein klein wenig umdisponiert werden. „Umdisponiert“ definierte sich als altersgemischte Gruppe von Flirtwilligen zwischen 25 und 65, wobei die Herren in der Runde allesamt deutlich über 45 waren.  Sie können mir jetzt gern vorhalten, dass ich oberflächlich bin, aber beim dritten Schotten, der geraden, wenn auch schon arthritischen Schrittes auf die Fünfzig zuging und als Eröffnungssatz mit lechzenden Blicken in meinen Ausschnitt was von wegen das sei ihm jetzt wirklich ganz zu blöd und peinlich, dass die Speed-Dating-Agentur das mit den Altersgruppen anscheinend falsch geplant hatte… sagte, hab ich dann kurzerhand eine Beschwerde-WhatsApp an die A. formuliert. Die hatte leider kein Verständnis. „Wenn’s dir nicht passt, dann such dir doch selber einen adäquaten Schotten, bei dem du rausfinden kannst, was er unter seinem Rock hat!“, war die beleidigte Antwort der A.

Die A. ist also keine Hilfe, was den verpatzten Abend betrifft, den ich mit 11 „Dates“ aus der Kategorie „ganz schlimm“ verbringen musste. Hier nur ein paar Highlights, die sich, das ist glaub ich eine internationale Regel bei solchen Veranstaltungen, immer unter den männlichen Kandidaten von Speed-Datings ausmachen lassen:

  1. Der Platzhirsch: Er ist nur deswegen Single, weil er „eh jede haben kann“ (oder es zumindest versucht – auch ein Zeichen von Verzweiflung, wenn man mich fragt). Meistens besitzt der Platzhirsch einen fahrbaren Untersatz der Marke „Vollproll“, hat einen Fuchsschwanz am Rückspiegel hängen und ist sich sicher, dass ihn alleine das schon als „Traummann“ qualifiziert. Nicht anders ist es zu erklären, dass er einem nach dem obligaten Eröffnungssmalltalk gleich ein paar Fotos von sich und seinem Gefährt unter die Nase hält und fragt, ob man nicht geneigt wäre, auf eine kleine Spritztour mitzukommen.

Das weibliche Pendant zum Platzhirsch ist übrigens das Trutscherl. Sie ist nur deswegen Single, weil sie „eh jeder haben kann“. Das Trutscherl ist eine stereotype Blondine, zumindest im Geiste blond geblieben, auch wenn die mahagoniefarbene Tönung ein schönes Ergebnis erzielt hat und ihren IQ zumindest optisch um die eine oder andere Nuance aufwertet. Das Trutscherl und der Platzhirsch finden erfahrungsgemäß im Laufe des Abends zueinander, weil’s einfach passt.

2) Der Freak: Bei den Freaks handelt es sich um unauffällige Herren. Meistens haben diese  einen schrecklich öden Beruf, den sie mit schrecklich ausgefallenen Hobbies auszugleichen versuchen. Getreu dem Motto: „Von Hobby zu Hobbit ist‘s ned weit“ traf ich an diesem Abend in Schottland auf einen Herren namens Scott von Beruf Steuerberater und in der Freizeit begeisterter Fantasy-Rollenspieler. Und zwar nicht nur virtuell, sondern auch ganz in real. Eine seiner sexuellen Fantasien, so meinte er, sich die Nickelbrille auf seiner knolligen Hobbitnase zurechtrückend, wäre es, von einer amazonenhaften Zelda-Prinzessin dominiert zu werden. Das „No“ auf meinem Speed-Dating Lottoschein, war selten schneller angekreuzt!

3) Der Frisch-Geschiedene: Es ist reiner Masochismus, der ihn eine Veranstaltung wie diese nur 3 Wochen nach der Scheidung und dem Sorgerechtsverlust an der geliebten Gigi (einer nordsiamesischen Faltenkatze) besuchen lässt. Wahlweise ist der Geschiedene besonders zynisch was das Vorhaben sich neu zu verlieben betrifft, oder aber er heißt Sean und bricht einfach ungehemmt in Tränen aus, weil ihn die liebevoll arrangierten Plastikblümchen daran erinnert, dass seine Ex-Frau ihn mit dem Gärtner des Nachbarn betrogen hat. Es hilft im Übrigen nicht, die Vase zu entfernen, da weitere Gegenstände den Tisch säumen, die assoziativ alte Wunden aufbrechen lassen (loderndes Teelicht – der Feuerwehrmann, der das lodernde Feuer der Leidenschaft bei seiner Ex entfachte, anstatt es zu löschen, zu Fächern aufdrappierte Stoffservietten – das Leintuch, so wie es dalag, als die Ex mit dem Briefträger drauflag und der Sean früher als geplant von Geschäftsreisen nach Hause kam.) Es ist nicht leicht, den Sean zu trösten, v.a nachdem mein Vorrat an Papiertaschentüchern aufgebraucht ist und ich ihm die Fächerserviette zum Schneuzen anbiete, ist es ganz aus und vorbei mit ihm.

4) Der Hotelierssohn: Er klingt nach einer „guten Partie“, hat den Titel allerdings nur daher, dass er mit seinen 43 Jahren noch immer im „Hotel Mama“ wohnt – es is halt so praktisch so lang er noch nicht die Richtige gefunden hat und die Mietpreise sind ja auch so horrend, das darf man nicht vergessen, da ist’s zu Haus schon günstiger. Schauderhaft das Bild, das sich bietet, als die Hotelbesitzerin das Speed-Date unterbricht, den Sohn flüsternd zur Seite zieht und ihm einsagt, was er auf seinem Zettel anzukreuzen hat.

5) Der Fetisch-Knabe: Er hält sich für Mr. Grey, allerdings zeichnen sich seine 50 Shades nur unter den geröteten Augen ab, die daher rühren, dass er zu viel stimulierende Videos auf einschlägigen Internetseiten konsumiert hat. Weil er öffentlich nur ungern zu seinen Vorlieben steht und nicht erkannt werden möchte (sein soziales Umfeld würde das nicht goutieren), kommt er zum Speed-Event in voller Lack-Montur inklusive schwarzer Batman-Maske, die mir die Frage entlockt, ob er eh eine gute Anreise aus Gotham-City gehabt hat.

Sie sehen also: Es blieb mir im Endeffekt gar nichts anderes übrig, als meinen Frust nach dieser Veranstaltung an der Bar in einem Cider zu ertränken und dem eifrig nachschenkenden Barmann mein Herz auszuschütten. Und da das Herz des Fräulein Stern gerade an diesem Abend total voll war, dauerte das. Es dauerte bis zur Sperrstunde und dann sah sich der Barmann irgendwie verantwortlich und hat mich armes, weil alleinreisendes und mich in der fremden Stadt nicht auskennendes Sternderl, in mein Hotel gebracht. Und nur um sich zu vergewissern, dass ich auch wohlbehalten ins Bett komme, hat er mich ins Zimmer begleitet, der Dan. Und nur um zu verhindern, dass ich nachts aus dem Bett falle, hat er sich zu mir gelegt, der Dan. Und nur weil er dann eh schon mal da war, hat es sich dann eben ergeben, dass er am nächsten Morgen neben mir aufgewacht ist, der Dan…

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