Schottische Séance mit Hund – oder warum Nessie im Steinkreis abtaucht und Herr Q nicht in Frieden ruht


Wenn Sie jetzt glauben, das Speed-Dating von der A., das Aufwachen neben einem Schotten und die Nachricht des Herrn Q, dass er für zwei Wochen bei Irene einzieht, wären jetzt schon die Highlights meiner Schottlandreise gewesen, dann darf ich Sie hiermit eines Besseren belehren.

Immerhin hatte sich ja nicht nur die A. angetragen, mir meinen Schottland-Aufenthalt angenehm zu gestalten (die Betonung liegt auf gestalten und NICHT auf angenehm), nein auch die E. hat ihr Schäuferl dazu beigetragen. Und was für ein Schäuferl, man könnte glatt von einem Schaufelbagger der anderen Art reden.

Nachdem ich die Einladung vom Barmann Dan auf ein frisch frittiertes Snickers zum Frühstück (nein, das ist KEIN Euphemismus für irgendwas sondern: Ja, sowas gibt’s in Schottland tatsächlich zum Essen!) ausgeschlagen habe, hat der sich ein bisschen beleidigt verzupft. Er hat noch eine Einladung ausgesprochen, die mich wohl animieren sollte, ihn am Abend wieder im Pub aufzusuchen, nur leider hatte ich dafür keine Zeit, denn die E. hatte schon etwas anderes geplant. Die E. nämlich hatte gegoogelt und recherchiert und herausgefunden, dass Edinburgh „the most haunted city“ in ganz Großbritannien ist und hat mich deswegen „um meine feinstoffliche und übersinnliche Wahrnehmung zu sensibilisieren“ auf Geisterjagd geschickt, nicht ohne mir vorher noch eine schöne Bustour durch die Highlands mit Abstecher zum Monsterfangen nach Loch Ness zu buchen. Wie sagt man so schön? Wenn man solche Freunde hat, braucht man keine Feinde mehr.

Ich saß also kurz nach dem Frühstück (Aspirin mit Kaffee), in einem Bus mit lauter anderen Touristen und ließ mich bei anhaltendem Nieselregen und anhaltender Dudelsackbeschallung durch die Buslautsprecher durch die Landschaft kutschieren. Zumindest hatte ich im Bus, während die schottischen Hügel so vor den Fenstern an mir vorüberzogen, Zeit mir eine Antwort auf Herrn Qs Irene-Botschaft auszudenken. Ich habe kurz auch überlegt, ihn anzurufen, den Q, und ihm zu sagen, was ich davon halte, dass er sich zwei Wochen bei einer Frau einquartiert, die sich vor nicht ganz drei Jahren in einem Verzweiflungsmanöver mit ihm verloben wollte und mit der er seither in einer Beziehung mir zweifelhafter Natur war. Andererseits hatte ich irgendwie das Gefühl, dass mir Herr Q eventuell an der Stimme anmerken könnte, dass ich selber jetzt so rein technisch auch nicht gerade die Treue in Person war, was die Sache mit dem Dan anging. Nochmal andererseits kenne ich den Dan aber  nicht schon jahrelang und habe daher keine gemeinsame Vergangenheit mit ihm. Und außerdem „gönnt mir der Q ja alles, was mich glücklich macht“.

Bei Ankunft in Fort Augustus, wo das Boot zur Nessie-Besichtigung ablegte, hatte ich aber nach zweistündiger Grübelei schließlich eine Antwort erdacht, von der ich sicher war, dass sie Herrn Q zumindest das eine Mal dazu anregen würde, mir umgehend zu antworten. Eloquent wie selten zuvor in meinem Leben textete ich also folgende WhatsApp Nachricht: „Wenn du bei Irene einziehst, bist du für mich gestorben“ und zwar ohne Satzzeichen! Z’Fleiß! Nur um danach auf Nadeln zu sitzen, weil es auf dem vermaledeiten Ausflugsdampfer keinen gescheiten Empfang gab. Nur am Rande möchte ich erwähnen, dass ich selten mit so vielen komischen Leuten in einem Boot gesessen hab, die mittig vom See allesamt davon überzeugt waren, wirklich ein See-Monster gesehen zu haben. Die Aufregung war groß, die Handykameras waren überall und ich bin jetzt auch zuversichtlich, dass es einem der Anwesenden mit Sicherheit gelungen ist, den absoluten Beweis für die Existenz von Nessie aufgenommen zu haben. Und wenn schon nicht das, dann haben zumindest ganz viele Touristen an dem Tag ein schönes Foto von einem vor sich hintreibenden Baumstamm gemacht. Auch was, von dem man seinen Ekeln noch erzählen kann: „Damals in Schottland haben deine Oma und ich einem Baumstamm beim Schwimmen zugeschaut und ihn mit einem urzeitlichen Ungetüm verwechselt.“ – herzlichen Glückwunsch!

Zurück an Land und auf der nächsten Station der Highland-Rundreise, nämlich in  Inverness schließlich habe ich wieder genug Empfang, um zu merken, dass der Q sich nicht gemeldet hat geschweigedenn die Nachricht überhaupt gelesen hat, was mich allerdings in Inverness nur so peripher tangiert hat. Ich war dort nämlich auf der ernsthaften Suche nach einem Schotten, der zumindest entfernt so ausschaut wie Sam Heughan, dem Jamie aus Outlander. Auf diese originelle Idee bin ich leider nicht als Einzige gekommen. Das hab ich spätestens gemerkt, als ich im Souvenirshop vor einem leeren, weil ausverkauften Regal an „House Frasier“ Merchandise Fanartikeln stand. War irgendwie nicht mein Tag… der Steinkreis war auch bereits besetzt und bot allein schon deswegen keine Gelegenheit, um den Plan mit dem Reisen in die Vergangenheit ernsthaft umzusetzen. Auf der Rückfahrt nach Edinburgh war ich also reichlich desillusioniert von meinen Outlander-Fantasien und noch mehr desillusioniert von meiner Handyakkulaufzeit. Geschwächt von meinem anhaltenden Gestarre auf den Bildschirm und dem Aufrufen der WhatsApp-App, um zu überprüfen, ob der Herr Q meine Nachricht schon gelesen hat (hat er nicht), hat der Akku nämlich w.o. gegeben und zwar kurz bevor der Bus bei einer Whiskey-Destillerie Halt gemacht hat. Und ich muss ja sagen, wenn der Ausflug bis dahin auch nicht so recht nach meinem Geschmack war, die Degustation in der Destillerie und der Whiskey waren’s dann doch. Leicht angedüdelt, weil Whiskey einfach zu stark ist für jemanden, der sonst nur dem Eierlikör frönt, aber formidabler Laune bin ich dann wieder in Edinburgh angekommen.

Allerdings hatte ich keine Zeit vor dem nächsten Programmpunkt noch ins Hotel zu eilen und das Handy aufzuladen. Auf die Nessie-Desillusion und die Steinkreis-Session folgte nämlich noch ein Gänsehaut-Abenteuer der anderen Art. Nach dem Motto: „Die Geister, die ich rief, die werd ich nicht mehr los“ hat mir die E. noch eine schöne Gespenster-Tour durch den Mary King’s Close eingebrockt. Das ist so ziemlich der am meisten von Geistern heimgesuchte Ort im Zentrum von Edinburgh, der für Touristen gegen einen moderaten Selbstkostenanteil von 15 Pfund zugänglich ist. Und ja, es war schon gruselig, irgendwie, in diesen Katakomben artigen Gängen herumgeführt zu werden, wo im Jahre schieß mich tot, das hab ich mir jetzt wirklich nicht gemerkt, die Pestopfer eingesperrt wurden.  Und neben den gruseligen Anekdoten, die vom Guide dargebracht wurden, gab das auch historisch sehr interessante Einblicke – Bildungsauftrag also erfüllt. Allein die Tatsache, dass bei meiner Führung kein echter Geist zugegen war, der einem kalte Schauer über den Rücken hätte laufen lassen, trübte diese  Erfahrung dann doch ein bisschen. Da hatte ich mir deutlich mehr erwartet, aber vielleicht lag’s ja auch einfach nur an mir und meiner nicht vorhandenen Sensibilität für Seelen, die keinen Frieden finden.

Diese Sensibilität sollte an dem Abend aber eh noch gestärkt werden. Die E. hat mich nämlich, weil das gibt’s in Schottland zu Hauf, zum Abschluss des Thementages: „Monster und Geister“ bei einer Séance mit international renommierten Medium eingebucht. Das „international renommiert“ und auch das „seriös“ versprach zumindest der Flyer von Madame Estelle. Die schweren Brokatvorhänge in dem alten viktorianischen Salon mit knisterndem Kamin und die mysteriös flackernden Kerzen, mit denen dieser  Schauplatz der Séance ausgeleuchtet war, versprachen zumindestens vom Ambiente her eine kleine Zeitreise zur Jahrhundertwende, in denen Séancen ja schwer in Mode waren. Ich vermute, dass hier später sicher auch noch eine Nebelmaschine zum Einsatz kommen wird, die sich vermutlich hinter den Vorhängen versteckt. Leider kann ich nicht nachschauen, weil außer mir auch schon die anderen Séance-Teilnehmer zugegen sind und ich will ja hernach nicht als Schuldige dastehen, wenn es heißt, dass die Kontaktaufnahme zum Jenseits daran scheitert, dass eine Person in der Runde nicht an den ganzen Hokuspokus glaubt.

Die große Wanduhr neben dem Kamin schlägt Punkt elf Uhr, als die Anwesenden gebeten werden um den großen Mahagonitisch Platz zu nehmen und das Medium Madame Estelle in wallendem, seidenen Morgenmantel mit einem solchen Pathos ins Zimmer schwebt, dass ihr alleine dafür ein Oscar gebührt hätte. Nachdem sich das Medium auf ihrem Platz eingerichtet hat (ich hab das Glück ihm genau gegenüber zu sitzen), werden alle Anwesenden aufgefordert sich die Hände zu reichen, damit die Verbindung zum Jenseits hergestellt werden kann. Dann soll man die Augen schließen und sich konzentrieren. Ein bisschen stört mich bei der Konzentration, dass ich a) gar nicht weiß, worauf ich mich eigentlich konzentrieren soll und b) das Medium mir gegenüber plötzlich sehr schwer zu atmen beginnt. Also, wenn ich nicht mehr gewusst hätte, dass ich mich bei einer Séance befinde, Sie hätten mir in dem Moment auch erzählen können, dass ich im Zoo einem Elefantenbullen bei der Zeugung eines Elefantenbabys zuhöre, ich hätte das ungschaut geglaubt.

Dann plötzlich spricht das Medium mit heiserer Stimme: „Dolores? Hier ist ein Theo, der mit Dolores sprechen möchte.“

Dolores ist geschätzt 86, wirkt sehr distinguiert, zittert aber am ganzen Leib, als sie hört, dass ihr Name aufgerufen wird: „Theo, mein Liebster?“

Und wenn Sie jetzt sagen: Aber bitte, das ist doch sehr romantisch, eine alte Dame und ihre große Liebe, wahrscheinlich waren sie viele Jahre verheiratet oder haben sich, noch tragischer, überhaupt nie geheiratet, weil das Schicksal es nicht gut mit ihnen meinte, dann möchte ich Sie nur der Vollständigkeit halber darauf aufmerksam machen, dass es sich bei Theo um den Border Collie von Dolores handelte, der kürzlich das Zeitliche gesegnet hat. Also Entschuldigung, dass ich da laut und ausdauernd lachen musste, als das Medium Dolores die Nachricht von Theo in theatralischer Weise mit einem lang gezogenen Jaulen und ein paar angehängten Wuff-Wuffs überbrachte.

Das hat mir natürlich böse Blicke aus der Runde eingebracht. Wenn Blicke töten könnten, dann hätte ich ob der Augen von Madame Estelle, bald selber über sie mit meinen Hinterbliebenen kommunizieren können. Mein Lachanfall war wahrscheinlich auch der Grund, warum wenig später fast niemand mit mir Mitleid hatte, als ich aus meiner Ohnmacht wieder aufgewacht und einem hysterischen Weinkrampf erlegen bin, weil der nächste verstorbene Gesprächspartner mir heute morgen noch sehr lebendig eine WhatsApp geschrieben hat. Kurz vor meiner Ohnmacht war da ein Windstoß von ich weiß nicht woher, Madame Estelle zuckte kurz, riss dann ihre Augen soweit auf, dass man hätte meinen können, die Augäpfel fallen gleich heraus, starrte genau mich an und sagte mit tiefer, männlicher Stimme: „Elsa, ich bin’s, Herr Q“

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