Die Geister, die ich rief – oder: Warum ich Herrn Q jetzt mal richtig umbringen möchte


Herr Q ist tot! Anders ist es nicht zu erklären, dass er bei einer Seance durch ein Medium mit mir spricht. Allerdings habe ich gar nicht mitgekriegt, was er mir sagen wollte. Ich bin ja umgefallen. Und sonst hat dort keine Deutsch verstanden. Waren ja alles Schotten bei der Seance! Da hätte man sich einmal nur einen deutschen Touristen am Urlaubsort gewünscht und nix!

Und das Schlimmste ist: Ich habe Herrn Q umgebracht! Ich habe ihm ja sogar noch geschrieben, dass er für mich gestorben ist, wenn er bei Irene einzieht! Und dann stirbt der einfach! Ist auch das erste Mal, dass er das tut, was ich ihm anschaffe und dann ist es genau das Verkehrte.

Ich muss auf jeden Fall sofort ins Hotel! Ich muss dort mein Handy aufladen! Ich muss herausfinden, was passiert ist! Vielleicht hab ich ja Glück und Herr Q ist nur in so einer Art Koma, wo die Seele nur teilzeit abwesend ist vom Körper und er kommt zurück. Nur dann ist immer noch nicht klar, ob er auch zurück zu mir kommt.

Himmelherrschaft, warum ist denn auch das Taxi so langsam!? Im Hotel selber verfluche ich die Akkuladezeit noch mehr als den Taxifahrer, der meine „It’s a matter of life and death, literally“ überhaupt nicht verstanden hat und das lag eindeutig am Verstehen Wollen und nicht an meiner Aussprache.

Als das Handy geladen ist, muss erst mal wieder ein Netz her. Meine Güte, das dauert. Zur nervlichen Beruhigung hab ich die Mini-Bar geplündert: Da gibt’s ja wieder alles, außer Eierlikör. Dann muss es eben ein Whiskey sein. Mein ganzer Körper zittert, als ich die Nummer von Herrn Q wähle. „Der gewählte Gesprächspartner ist nicht verfügbar“ – Was? Nicht mal die Mailbox? Mit jedem weiteren Anruf, der so beantwortet wird, steigt bei mir die Panik. Was, wenn der Herr Q auf seinem Flug nach Berlin abgestürzt ist und er und sein Handy nur noch zwei Häufchen Asche sind?

In dem Moment, in dem ich schon mit einem Bartwisch unterwegs bin, um Herrn Qs Überreste gedanklich vom Boden zusammenzukehren, plingt eine Nachricht auf meinem Handy. Sie ist von Herrn Q, versendet vor drei Stunden. Es ist seine Antwort auf mein: „Wenn du bei Irene einziehst, bist du für mich gestorben.“

Ich kann gar nicht hinschauen. Aber ohne Hinschauen liest es sich so schlecht, da haben Sie Recht. „Elsa, sei nicht kindisch!“ steht da, sonst nichts! Wenn das die letzte Nachricht sein sollte, die Herr Q mir lebendig geschickt hat, dann kann ich auf einmal verstehen, dass er dringend aus dem Jenseits mit mir sprechen wollte.

Plötzlich läutet das Handy! Mich hat’s so geschreckt, dass ich den Rest Whiskey fast verschüttet hätte. Es ist die E., die sich erkundigen will, wie die Séance so gelaufen ist. Völlig wirr versuche ich der E. zu erklären was passiert ist, die Wörter, die mir über die Lippen kommen, machen aber so gar keinen Sinn: „Der Herr Q, bei der Séance, dem ist was passiert! Der meldet sich auch nicht, nur aus dem Jenseits! Und dann war da dieser Hund und ich hab gelacht und ich werde nie wieder lachen, wenn der Q wirklich tot ist. Und ich hab ihn umgebracht und er hat das nur kindisch gefunden!“

„Ui.“, sagt die E. „Ui, Sternderl der Reihe nach. Jetzt schnauf erst einmal ganz tief durch! Oder vielleicht schnaufst am besten in ein Sackerl? Du hörst dich nämlich so an, als würdest gleich hyperventilieren. Ganz ruhig!“ und dann hechelt mir die E. was vor und ich versuche ihr das genau nach zu atmen.

Gefühlte Ewigkeiten später habe ich er E. dann einen chronologischen Erfahrungsbericht der Ereignisse des Abends vermitteln können.

„Elsa, hast du wirklich bei der Séance gelacht?“ fragt die E. besorgt. Also wenn das ihre einzige Sorge ist! Der Q ist meines Wissens nach tot und sie fragt, ob ich gelacht habe.

„Ohoh“ sagt die E. nur, als ich das bejahe. Was soll denn das heißen? „Elsa, man darf bei einer Séance nicht lachen! Du darfst es dir doch mit dem Medium nicht verscherzen! Kein Wunder, dass dir die Madame Estelle dann eine Nachricht vom Q überbringt!“

„Aber die wusste doch gar nichts vom Q! Die konnte doch gar nicht wissen, dass ich einen Herrn Q habe / hatte…! Ich hab doch bis dahin überhaupt nicht an diesen Blödsinn mit der Geisterbeschwörung geglaubt!“ versuche ich einigermaßen rational zu argumentieren.

„Ja, Elsa, schon… DU hast ihr ja auch nichts gesagt, aber ICH sollte dir jetzt vielleicht was sagen…“

„Nein, jetzt nicht! Der Q ruft gerade an. Also sein Handy!“

Ich bin so nervös, dass ich den Anruf vom Handy des Herrn Q zuerst einmal aus der Leitung schmeiße und die E. gleich mit.

Als ich zurückrufe und mein Herr Q sich meldet, bleibt mein Herz fast stehen: „Du bist nicht tot!? Gottseidank! Du bist nicht tot!“

Herr Q gibt sich verwundert: „Nein!? Ich bin nicht tot, auch wenn mich das kindische Fräulein Stern gerne zum Teufel geschickt hätte.“ Ok, er ist nicht tot! Aber er ist grantig. Das erkennt man an seinem Ton.

„Ich bin einfach nur froh, dass du lebst! Wo und mit wem ist mir ganz egal, Hauptsache, lebendig!“ ich kann mich auf einmal nicht mehr zurückhalten und fange an zu weinen.

„Elsa, was ist denn mit dir los? Hast du Drogen genommen? Jetzt beruhige dich bitte! Ist ja alles in Ordnung!“

Ja, jetzt ist alles in Ordnung. Herr Q lebt, puh. Korrektur: Alles war genau 20 Sekunden lang gut, denn im Hintergrund bei Herrn Q schaltet sich eine melodiöse Frauenstimme dazwischen: „Schahatz!? Das Sushi ist da! Leg jetzt mal das Handy weg und lass uns feiern – Auf deinen Einzug!“

Ich möchte ungern von Eskalation sprechen, aber im Zusammenhang mit dem weiteren Gesprächsverlauf scheint es mir doch das einzig richtige Wort. Dabei habe ich mich zu Beginn noch wirklich zusammengerissen bei der Frage, warum Herr Q da von einer Frau ge-schatzt wird, nicht völlig auszuflippen. Ich bin wirklich erst eine Nuance lauter geworden, als Herr Q so tat, als wäre das das Normalste von der Welt. Der Hinweis von ihm, dass ich nicht immer alles überdramatisieren soll und dass das erstens anstrengend und zweitens kindisch ist, hat schon gar nicht zu meiner Beruhigung beigetragen. Schließlich hat Herr Q mit den Worten: „Wir reden ein anderes Mal darüber, wenn du dich beruhigt hast!“ das Gespräch beendet und mich völlig gefühlsverwirrt zurückgelassen.

Herr Q ist zwar nicht tot, aber für mich stellt sich die Frage, ob er vielleicht nur als gefühlloser Zombie wiederauferstanden ist. Und ob ich so einen heiraten will, muss ich mir noch gut überlegen!

In der letzten Nacht in Schottland habe ich auf jeden Fall wild geträumt. Ich wurde von drei Geistern heimgesucht, dem Geist der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Alle drei erschienen  mir beim Speed-Dating und sahen so aus wie Herr Q. Der Geist der Vergangenheit war mir dabei noch am sympathischsten. Der war so, wie ich Herrn Q in Erinnerung hatte und fragte mich, ob ich ihn heiraten will. Der Geist der Gegenwart kam in Begleitung von einer blonden Irene zum Speed-Dating und ließ sich die ganze Zeit über von ihr mit Sushi füttern. Der Geist der Zukunft war irgendwie sehr blass und nuschelte unverständliches Zeugs. Ich glaube gehört zu haben, dass er gerne mein Hirn gegessen hätte.

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