Dezentes Empfangskomitee – oder warum Trennungsbeichten ganz schlecht zu Latte Machiavelli passen


Zurück aus Schottland erwartete mich Salzburg von seiner charmanten Seite – nämlich mit dem ortstypischen Schnürlregen und meiner Mutter als Empfangskomitee am Flughafen. Und wenn Sie jetzt sagen: Ist doch nett, so ein Chaffeurdienst, gerade wenn’s regnet und man von einer (psychisch) anstrengenden Schottlandreise zurückkommt, dann möchte ich noch mal DEZENT darauf hinweisen, dass meine MUTTER mich abgeholt hat. Und dezent ist damit gar nichts. Nicht das selbst gestaltete Schild „Herzlich Willkommen daheim, Elsa-Antoinette“ in einer Dimension, die bei mir die Frage aufwirft, wie die Mutter das in den Kofferraum von dem elterlichen Auto gebracht hat und auch nicht der Familienanhang, den sie zum Flughafen mitgenommen hat, der da meinen Vater und meine Tante Henriette beinhaltet. Outfitmäßig haben es sich die beiden Damen nicht nehmen lassen, sich angesichts des Ausflugs in die Stadt gegenseitig zu übertrumpfen. Tante Henriette hat ein flamingo-farbenes Kostüm bestehend aus Bleistiftrock und Blazer an, meine Mutter schaut in ihrem grell-orangen Hosenanzug mit Schulterpolstern ein bisschen so wie eine Grapefruit auf Steroiden aus. Mein Vater hat sich in fünf Meter Abstand von der übrigen Familie hingestellt, um nicht mit den zwei „Hühnern“ in Verbindung gebracht zu werden. Wenn man als Frau Anfang dreißig von so einer Familie am Salzburger Flughafen in Empfang genommen wird, dann wünscht man sich ad hoc, dass der Zauberstab, den man sich im Harry Potter Fanshop in Edinburgh noch vor Abflug gekauft hat, wirklich funktionieren würde und einen weg-apparieren könnte.

Kaum bin ich aus der elektronischen Schiebetür getreten, fängt das Gegacker auch schon an: Auf der einen Seite ist meine Mutter, die alles über die Reise wissen will, im Detail und überhaupt warum ich denn ganz alleine und ohne den Handybesitzer wieder ankomme (ich hatte „vergessen“ ihr zu sagen, dass der Handybesitzer gar nicht mit war). Auf der anderen Seite Tante Henriette, deren einziges Gesprächsthema wie immer ihre perfekte Tochter und deren perfekte Familie ist: „Und die Zwillinge, Elsalein, die zwei kleinen Zwutschkis, schau!“ und damit hält sie mir ihr Handy mit allen möglichen Fotos ihrer zwei Enkel unter die Nase. Ich finde es an dieser Stelle noch immer unpackbar, dass meine Cousine Helene ihre zwei Babys Hadrian-Hakon  und Hagen-Henrik taufen lassen durfte. Ich will nicht wissen, wie hoch die Bestechungssumme für den Standesbeamten war, der beide Augen wegen Kindesmisshandlung durch Namensgebung zudrücken musste. Aber möglicherweise kennen die unsere Familie dort auch schon und es gibt „Mengenrabatt“.

Meine Mutter ist naturgegeben seit der Geburt der zwei Kleinen noch mehr darauf erpicht, ihrer Schwester, die bei der Erziehung ihrer verheirateten Tochter alles richtig gemacht hat, eins auszuwischen. Leider mache ich ihr da seit Jahren einen Strich durch die Rechnung, weil ich mich als unverheiratbar und unbefruchtbar herausstelle. Die Tante Henriette ihrerseits genießt es richtig, den Umstand meiner Umstandslosigkeit meiner Mutter bei jeder sich bietenden Gelegenheit unter die Nase zu reiben. In meiner Funktion als Zentrum des geschwisterlichen Hickhacks habe ich da schon einiges aushalten müssen, aber die Flughafenszene bei Ankunft in Salzburg war mal wieder ein besonderes Highlight.

Meinem Papa stecke ich auf dem Weg zum Auto heimlich den mitgebrachten Whiskey zu und bereue  sofort, dass ich ihn nicht gebeten habe, mir aber auch einen Schluck aufzusparen. Denn ich muss auf der Fahrt zwischen den zwei Konkurrenzgeiern auf der Rückbank sitzen, weil die Lagerung des mitgebrachten Schildes und meines Koffers das Fassungsvermögen des Kofferraums sprengt und mein Koffer jetzt den Beifahrersitz in Anspruch nimmt. Über meinen Kopf hinweg zanken sich nun meine Mutter und Tante Henriette darüber, wer die bessere Tochter hat. Meine Mutter tut das in völliger Ignoranz meiner Anwesenheit. „Naja, die Elsa hat dafür einen Doktortitel. Macht eben Karriere mein Mädel!“

 „Als was denn, bitte?“, fragt die Tante Henriette nicht ganz zu Unrecht. „Nur weil sie auf der Uni Linguini ist?“

„Sie ist LINGUISTIN, Henriette, LINGUISTIN! Linguini sind italienische Nudeln!“ hat meine Mutter enerviert ausgerufen.

„Das wüsste ich aber“, hat die Tante Henriette bockig gemeint und mal wieder nicht eingesehen, dass sie da zwei Fremdwörter vertauscht hat. Das ist so eine Angewohnheit von ihr. Von der Wahrheit ist die Tante Henriette zwar nicht allzu weit entfernt, allerdings koch ich seltener Nudeln als Kaffee für meinen Chef. Es heißt zwar immer „Genderforschung“ bei uns, aber von der Emanzipation der Herren Akademiker in der Teeküche keine Spur. Ich sage das natürlich nicht laut, ich hab gelernt mich zu hüten.

Als der Papa auf den Weg zu meiner Wohnung abbiegen will und ich mich schon freue, dass ich dieses Auto bald verlassen und mich in meinen eigenen vier Wänden auf die Couch schmeißen kann, um diese Reise zu verdauen, durchkreuzt meine Mutter meine schönen Pläne, indem sie den Papa anweist uns alle ins Sacher zu fahren, damit wir dort gepflegt Kaffee trinken gehen können.

Im Sacher selber ist Fremdschämen der Stufe 5 angesagt. Meine Mutter bestellt sich einen EXpresso und Tante Henriette einen Latte Machiavelli. Ich kann nicht anders und muss eine Anna Sacher bestellen (das ist ein Kaffee mit Eierlikör), der Papa genehmigt sich einen Fiaker und ist froh, dass die Mama bist jetzt noch nicht herausgefunden hat, dass der mit Kirschwasser gestreckt ist.

Glauben Sie mir, man braucht Alkohol, sonst übersteht man so einen Nachmittag im Kaffeehaus mit meiner Mutter und meiner Tante nicht. Vor allem, weil die Tante Henriette wieder ihr Handy herausholt und alle am Tisch Anwesenden mit den Babyfotos von Hagen-Henrik und Hadrian-Hakon beglückt. Hadrian-Hakon und Hagen-Henrik mit Schnuller, Hagen-Henrik und Hadrian-Hakon ohne Schnuller, Hagen-Henrik und Hadrian-Hakon beim Schlafen, Hadrian-Hakon und Hagen-Henrik in der Babyhängematte… Auch meine Mutter kann bald nicht mehr und wechselt das Thema. Leider macht sie das denkbar unglücklich.

„Ist ja Recht, Henriette, aber jetzt mal was anderes. Elsa-Antoinette, wann kommt denn der T. aus Wien? Und hast du ihm eh gesagt, dass Abendgarderobe obligat ist beim Jedermann? Vielleicht macht er dir ja dieses Jahr einen Heiratsantrag auf dem Domplatz! Ich hätte ihm das letztes Jahr schon vorgeschlagen, aber da hat’s ja dann geregnet und überhaupt, aber heuer soll das Wetter ja strahlend sein!“

„Ja, Mama, also, das ist jetzt so eine Sache mit dem T….“ Raus damit, Elsa, du kannst es ja nicht ewig verheimlichen, dass der Handybesitzer Vergangenheit ist!

Ich sehe schon, wie sich die Gesichtsfarbe der Mama verzupft und die Tante Henriette ist auch hellhörig geworden und hat ihr Handy schon weggelegt, damit ihr ja nix entgeht.

„Also, der T. und ich, wir sind… also ich würde jetzt konkret nicht mehr von zusammen reden.“

„Was soll denn das heißen?“ ertönen zwei Stimmen im Kanon. In der Stimme meiner Mutter schwingt Entsetzen mit, bei der Tante Henriette bezieht sich die Frage wahrscheinlich eher auf das Fremdwort im Satz.

„Also wir sind weniger zusammen, als viel mehr jetzt wieder jeder für sich alleine beziehungsweise bin ich mir relativ sicher, dass er nicht alleine sondern wahrscheinlich mit einer seiner Affären… aber auf jeden Fall wird er nicht zum Jedermann kommen dieses Jahr.“ (und auch in keinem der Folgejahre, ergänze ich leise für mich, aber der Mama wollte ich diese Prognose nicht zumuten).

Die Mama ist ganz weiß im Gesicht.

„Elvira, geht’s dir nicht gut?“, schaltet sich die Tante Henriette ein und bemüht sich nicht einmal die Schadenfreude in ihrer Stimme irgendwie zu unterdrücken.

„Doch, doch“, meint die Mama und schluckt hörbar. „Doch, ganz gut. Ich hab den sowieso nie leiden können, Elsa! Wie der einmal beim Abendessen den Rotwein ausgeleert hat. Ich hab den Fleck noch immer nicht aus der Tischdecke herausgebracht. Und entschuldigt hat er sich auch nicht dafür! Da hast du wirklich was Besseres verdient“, das klingt ziemlich gefasst für meine Mutter. „Und außerdem: Ich weiß auch schon genau, wer dich stattdessen zum Jedermann begleiten wird!“

Bitte nicht! Ich war so kurz davor, der Mama von meiner Ver-Lobung mit Herrn Q zu erzählen. Jetzt geht das wieder los: diese ewige Verkuppelei! Wenn ich Glück habe blufft die Mama wegen dem Jedermann-Date nur wegen der Tante Henriette, verwetten möchte ich darauf aber nichts. Was die Verlobung angeht, weiß ich gar nicht, ob die noch aktuell ist. Seit der Herr Q nämlich wiederauferstanden ist und mit Irene Sushi gegessen hat, habe ich nichts mehr von ihm gehört…

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Eine Antwort zu Dezentes Empfangskomitee – oder warum Trennungsbeichten ganz schlecht zu Latte Machiavelli passen

  1. birgitjaklitsch schreibt:

    Großartig geschrieben, ich habe sehr gelacht. Ich wünschte, ich könnte als Zukunftsprognose versprechen, dass die Mama zukünftig einfach einmal zufrieden wäre. Aus eigener Erfahrung, muss ich leider Nein sagen. Ich freue mich tierisch auf weitere Texte. 😀

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