Sonntags im Hause Stern – oder warum meine Mutter mich zu einer Wallfahrt mit Photosynthese zwingt


Ich würde Ihnen ja gerne Ihre Illusion lassen, die Sie vermutlich von einem typischen Sonntagmorgen im Hause Stern haben. Vermutlich denken Sie sich: Das Fräulein Stern wird irgendwann um halb neun von Sonnenstrahlen wachgekitzelt, kräuselt kurz ihr Näschen und ist dann in froher Erwartung des Tages gleich frisch und munter auf den Beinen. Sie fällt vom Bett direkt auf ihre Yogamatte und beginnt den Tag mit einer kleinen Meditation und den fünf Tibetern, hüpft dann agil und elegant wie eine Raubkatze unter die Dusche und taucht 5 Minuten später absolut strahlend und blendend aussehend in ihrer Küche auf, wo sie sich ein Frühstück bestehend aus heißem Zitronenwasser und deliziösem Avocado-Vollkorntoast an Chiapudding zaubert. Dieses wird bei strahlendem Sonnenschein auf dem Balkon eingenommen und dazu blättert Fräulein Stern im Feuilleton einer großformatigen Intellektuellenzeitung. Nach dem Frühstück schlägt sie ihr Bullet-Journal auf, malt meditative Kringel hinein und arbeitet ihre To-Do Liste ab, die da z.B. einen Museumsbesuch oder einen Stadtspaziergang beinhaltet.

Verabschieden Sie sich bitte von dieser Vorstellung, ich habe das schon vor einigen Jahren getan und seither sehen Sonntage so aus, wie Sonntage eines 32-Jährigen Singles nun mal ausschauen:  

Man wacht verkatert irgendwann um die Mittagszeit auf, zieht sich die Bettdecke über den Kopf, um die Augen vor dem gleißenden Sonnenlicht zu schützen, dreht sich noch einmal um und schlummert noch zwei, drei Stunden, bevor man sich dezent gehandicapt von leichtem Schädelgebrumme auf ins Bad macht, vor dem eigenen Spiegelbild erschrickt und befindet, dass das einzig probate Mittel gegen die schwarzen Panda-Augenringe nur eine Bearbeitung im Photoshop wäre. Man kann das mit der morgendlichen Hautroutine also auch gleich bleiben lassen. Geduscht wird trotzdem, die Gerüchte, dass heiße oder kalte Duschen am Morgen die Lebensgeister wecken hat sich nämlich hartnäckig gehalten. Desillusioniert von der Unwirksamkeit der Dusche gegen die altersbedingte Gelenksversteifung und den Halbschlaf, der noch immer das Hirn vernebelt, schlurft man in die Küche, wo das fulminante Sonntagsfrühstück meist aus einem Kaffee mit Aspirin besteht. Wenn man Glück hat, findet man irgendwo noch ein trockenes Scheiberl Toastbrot und einen Rest Nutella – mehr möchte man seinem Magen auch nicht zumuten und so lange Avocado nicht wie Nutella schmeckt, kommt mir das auch nicht auf’s Brot. Anstelle der To-Do-Liste für den Tag, versucht man lieber herauszufinden, was genau am Vorabend passiert ist, weil sich da Erinnerungslücken auftun. Den Rest des Tages verbringt man im Pyjama auf der Couch und netflixt sich durch ein bis zwei Staffeln irgendeiner Serie.

Ja, so sehen Sonntage aus. Wenn man Glück hat.

Wenn man Pech hat, beginnt ein Sonntag so wie der Sonntag nach meiner Rückkehr aus Schottland, nämlich mit Sturmgeläute an meiner Haustür um 6:45 Uhr in der Früh, also quasi mitten in der Nacht. Die Pechsträhne verlängert sich, wenn man es tatsächlich aus dem Bett schafft. Die Motivation dazu besteht freilich ausschließlich darin, dass man sich vorgenommen hat den Störenfried lange und qualvoll umzubringen. Leider ist Muttermord aber überhaupt nicht gut für’s Karmakonto. Auch nicht, wenn sich die Mutter mit den Worten: „Auf, auf, Elsa-Antoinette, die Sonne scheint!“ an einem vorbei in die Wohnung zwängt. Ich kann mich gerade noch beherrschen und davon absehen, der Mutter patzig zu entgegnen, dass mir die Sonneneinstrahlung um 6:45 Uhr wurscht ist, weil: ich bin ja keine Pflanze, die Photosynthese machen muss.

Aber ganz ehrlich, ich kenne mich nicht aus! Es war meines Wissens nach (aber da müsste ich jetzt wohl erst in meinem non-existenten Bullet-Journal nachschauen – wieso hab ich sowas eigentlich nicht?) kein Termin an diesem Sonntag mit meiner Mutter vereinbart, schon gar nicht mitten in der Nacht. Und noch mal schon gar nicht kann ich mich daran erinnern, mit meiner Mutter irgendwas geplant zu haben, das Wanderrucksäcke und Nordic-Walking-Stöcke involviert. Mit diesen Accessoires wedelt mir die Mutter nämlich gerade vor der Nase herum und mahnt mich zur Eile. Als ich höre, was die Mutter mit mir vorhat, überschlage ich noch mal schnell im Kopf, ob sich ein Muttermord nicht vielleicht doch karmisch rechnen würde: Mutters Plan für meinen Sonntag beinhaltet nämlich eine Wallfahrt nach Maria Plain, um die katholischen Heiligen gnädig zu stimmen und ihr endlich einen Schwiegersohn zu bescheren, der mit zum „Jedermann“ geht. „Ich hab gestern noch mit unserem Herrn Pfarrer gesprochen, Elsa-Antoinette. Der hat zwar gemeint, der Jakobsweg wäre da eher empfehlenswert, aber der geht sich bis nächsten Donnerstag nicht mehr aus. Also hab ich mir gedacht: Wir pilgern heute nach Maria Plain und beten dort einen Rosenkranz für dich!“

Aha. Hat sich die Mama das so gedacht? Und der Pfarrer hätte ihr eigentlich den Jakobsweg empfohlen. Hätte ich auch gemacht, wenn ich unser Pfarrer gewesen wäre, dann wäre ich die Mama nämlich mal geschätzte acht Wochen los gewesen.

„Ich geh sicher nicht wallfahrten!“ hätte ich der Mama entgegenhalte sollen, hab’s aber nicht geschafft in meinem akut verkaterten Zustand. Zudem hätte es wahrscheinlich wenig bis gar keinen Eindruck auf meine Mutter gemacht. Schlimmstenfalls hätte eine töchterliche Verweigerung der Schwiegersohn-Wallfahrt noch eine oder mehrere sehr zeitintensive Predigten aus der Reihe: „Elsa-Antoinette, eine Karte für den Jedermann kostet 175 Euro, da lass ich keine verfallen nur weil du schon wieder einen Schwiegersohn vergrausigt hast“ eingebracht. Freilich, man hätte argumentieren können, dass die Karte auf dem Schwarzmarkt möglicherweise das Doppelte eingebracht hätte, aber wie ich meine Mutter kenne, hätte sie den Gewinn sofort wieder in eine Mitgliedschaft bei so einer „seriösen“ Partnervermittlung im Internet investiert und mir dann vermutlich wieder so einen Napoleon auf den Hals gehetzt, wie das eine Mal im Wellness-Hotel. Da nehme ich lieber einen dreistündigen Morgenspaziergang nach Maria Plain in Kauf.  Dass das nur mal wieder ein Abenteuer der anderen Art werden würde, muss ich Stammlesern dieses Blogs wohl kaum erklären. Lesen Sie daher nächste Woche an dieser Stelle nach, wie sich so eine Pilgerfahrt mit meiner Mutter gestaltet und entscheiden Sie dann gerne selber, ob Sie mir bei einem etwaigen Muttermord gerne als Komplize zur Verfügung stehen möchten.

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2 Antworten zu Sonntags im Hause Stern – oder warum meine Mutter mich zu einer Wallfahrt mit Photosynthese zwingt

  1. birgitjaklitsch schreibt:

    Meine Unterstützung hast Du 😀
    Wenn Du auf der Flucht vor der Österreichischen Polizei mit einem Untertauchquartier in Norddeutschland Vorlieb nehmen würdest, kriegen sie Dich niemals.
    LG Birgit

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