Mutter-Martyrium – oder warum die heilige Elsa-Antoinette drei Ave Elvira gegen ihre Hashtagallergie beten geht


Es gibt ja Menschen, die sind in der Früh schon so penetrant gut gelaunt, dass sie meinen sich  unbedingt auf andere Menschen, welche sich lieber der ausgedehnten Morgenmuffeligkeit hingeben, positiv auswirken zu müssen. Meine Mutter zum Beispiel ist so eine morgendliche Frohnatur, die sich an einem Sonntag (!) um 06:45 Uhr (!!) in den Kopf gesetzt hatte, dass ich mit ihr eine Wallfahrt nach Maria Plain machen soll. Santiago de Compostella war ihr dann doch ein bisschen zu weit, um um einen Schwiegersohn zu bitten, der sie als Schwiegermutter-in-spe und mich als Ehefrau-in-spe zu den Salzburger Festspielen begleitet. Da liegt Maria Plain allein geografisch schon näher und auch überaus idyllisch auf einer wunderbaren Anhöhe, von der aus man die ganze Mozartkugelstadt in ihrer vollen sommerlichen Pracht bewundern kann.

Die schöne Aussicht freilich kann nach einem zweistündigen Spaziergang mit meiner Mutter in Nordic Walking Montur dorthin auch nicht wirklich entschädigen. Denn während „normale“ Pilgerfahrer (wobei meiner Meinung nach der Begriff „normal“ in Zusammenhang mit Pilgerfahrern ohnehin sehr weitgedehnt und strapaziert wird) sich in selbstreflektierter Schweigsamkeit üben, hat meine Mutter, mit Verlaub, die ganze Zeit über die Klappe offen. Die Predigten, die ich über mich ergehen lassen muss, gleichen einem Martyrium der anderen Art und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass ich mich nach dieser Pilgerfahrt für eine Heiligsprechung qualifiziere. Die heilige Elsa-Antoinette – zu Tode verkuppelt von ihrer Mutter, Fürsprecherin aller alleinstehenden über dreißig jährigen Frauen – ich sehe schon vor mir, wie man kleine Holzstatuen von mir anfertigt und in den Herrgottswinkeln aufstellt…

Bevor aber jetzt wieder jemand schreit: „Blasphemie“, hier nur ein kleiner Auszug aus dem Sermon, den ich auf der Pilgerfahrt ertragen musste: Zum Einen darf ich mir anhören, dass meine Mutter nicht umsonst 48 Stunden in den Wehen gelegen hat, um mich auf die Welt zu bringen, wenn jetzt ihre wunderbaren Gene nicht weitergegeben werden. Zum Anderen wird mir vorgerechnet, wie lange ich noch Zeit habe, um einen Mann zu finden, der mich heiratet, bevor meine biologische Uhr stehenbleibt. Außerdem wird dezent darauf hingewiesen, wie viel Geld die Mama über die Jahre in Gmundner Service für die Aussteuer investiert hat und dass sie schon gerne noch gesehen hätte, wie dieses bei einer Tauffeier von einem Enkelkind die Tafel ziert. Immerhin bis auf eine Mokkatasse und einen Eierbecher ist das Service mittlerweile für 18 Leute komplett.

Mutter äußert hernach absolutes Unverständnis, warum ich es bis dato noch nicht geschafft habe, unter die Haube zu kommen und hat mit dem nächsten Atemzug sogar die Tante Henriette im Verdacht, einen Fluch über mich gebracht zu haben, weil die vor ein paar Jahren in Kenia war und die Mama einmal eine Dokumentation über Vodoo-Priester in Afrika gesehen hat. Meine Mutter wird sich diesbezüglich aber eh noch an ihren Herrn Pfarrer wenden, falls die Pilgerei nichts hilft. Ab dem Zeitpunkt habe ich nichts mehr gesagt, aus zweierlei Gründen: Nr. 1 – mir fehlten schlicht die Worte und Nr. 2 – mir ist beim Aufstieg auf den Pilgerberg auch ein bissl die Puste ausgegangen.

Den Aufstieg auf den Berg, auf dem die barocke Wallfahrtsbasilika steht, hat meine Mutter außerdem noch damit gestaltet, dass sie mir alle möglichen und unmöglichen Männer aus meiner Vergangenheit wieder schön reden wollte. „Also, Elsa-Spatz, ich weiß ja von der Frau Notar, dass ihr Sohn auch noch immer Single ist.“ (Und nach wie vor schwul, liebe Mama – aber ich hab nix gesagt, sondern nur „Hmhm“ gemacht) „Der Arthur ist ja jetzt leider wieder vergeben“, kommentiert die Mutter den Beziehungsstatus des einen Cousins, mit dem sie mich tatsächlich auch einmal verkuppeln wollte. „Hast du eigentlich noch mit deinem Anwalt von damals Kontakt, diesem Herrn Winkler?“ (Ich kann nicht glauben, dass die Mutter sogar den Winkler als Jedermann-Gast in Erwägung zieht, nach allem, was sich der vor drei Jahren geleistet hat. Da muss die Verzweiflung wirklich sehr groß sein) „Und der Schauspieler? Warum hat das mit dem Schauspieler eigentlich nicht hingehauen?“, fragt die Mutter plötzlich und reißt eine gefährliche alte Wunde auf, die mir ein gewisser Mr. Harmley, seines Zeichens Schauspieler, zugefügt hat. Leider kann ich der Mama schwer erklären, dass die Sache mit Mr. Harmley und mir seinerzeit wegen eines unautorisierten Q-Kusses auf einer Housewarmingparty auseinander gegangen ist. Die Mutter interpretiert mein Schweigen so halb richtig, tätschelt mir mit einem Nordic-Walking-Stock die Schulter und meint: „Keine Sorge, Elsa-Antoinette, ich hab da schon eine Idee.“  Bitte nicht!

Bei der Basilika auf dem Berg angekommen, schwöre ich feierlich, dass ich ganz oft in die Kirche gehen werde, solange meine Mutter nur bitte einfach mal die Ideen ausgehen könnten. Mama zerrt mich allerdings ins Kirchenschiff und verfrachtet mich in eine Bank ganz vorne. Sie selber zündet ein Kerzerl an und setzt sich dann zu mir, wahrscheinlich um ein paar Ave Maria zu beten. Aber nein. Meine Mutter ist immer für Überraschungen gut und zieht anstelle eines Rosenkranzes ihr Handy aus der Tasche: „So und jetzt machen wir ein Selfie, Elsa-Spatz – mach keine Falten, schau freundlich! Das ist für meinen Instagram-Feed.“

Bitte was? Die Mama hat viermal zum Selfie ansetzen müssen, so oft musste sie mich ermahnen, ob ihres Statements keine Runzeln zu machen.

Wenn Sie jetzt auch gerne wüssten, was meine Mutter auf Instagram macht, dann darf ich sie aufklären, so wie die Mama das mit mir gemacht hat, als wir wenig später bei einem Kaffee im nahegelegenen Wallfahrergasthaus saßen: Meine Mutter, Elvira Stern, hat seit über einem halben Jahr einen Instagram Account mit mittlerweile ca. 5 000 Followern und denen präsentiert meine Mutter jetzt als Story des Tages ein Foto von mir und ihr im Kirchenschiff von Maria Plain mit der Caption: „Mutter-Tochter-Pilgerfahrt – wir sind dann mal weg.“ Die Frage, ob sie mich taggen darf, muss ich leider verneinen… Seien Sie mir nicht böse, aber ich habe umgerechnet 15 Follower auf Instagram… und ich glaube einer davon ist Herr Q, aber ich bin da auch ehrlich nicht versiert. Sagt einem ja auch keiner, dass man als Millenial seit Neuestem auch mit der eigenen Mutter in Konkurrenz darum steht, wer mehr Insta-Follower hat. Auf jeden Fall hat mir die Mama versprochen, dass sie sich jetzt mal unter ihren Followern um ein Date für mich zum Jedermann umschauen wird. Ich möchte angesichts so einer Drohung gerne weinen, aber noch mehr brennt mir die Frage unter den Nägeln, warum meine Mutter so eine große Anhängerschaft auf Instagram hat. Und als ich es dann herausgefunden habe, kann ich es nicht glauben.

„Wieso hast du das gar nicht gewusst?“, fragt mich am Abend die A. am Telefon.

„Nein! Woher auch?“, hab ich verständnislos gefragt.

„Da ist deine Mama die österreichische Version von Marie Kondo, die den Leuten auf Youtube erklärt, wie sie ihre Wohnung ausmisten und putzen und ihre Wäsche zusammenlegen müssen… und du weißt gar nichts davon? Arg!“

„Wieso weißt du was davon und sagst mir nix?“

„Sternderl, du musst echt ein bissl mehr auf Instagram! Vergiss jetzt mal deine Hashtagallergie, die dir der Harmley verpasst hat und fang noch mal neu an! Und außerdem: Seit ich meine Blusen so bügle, wie deine Mama das vormacht, sind die immer tippitoppi faltenfrei! Du solltest dir da echt mal was von ihr abschauen!“

Uiui, die A. hat keine Ahnung, wieviele Hackln sie mir mit dieser Aussage ins Kreuz haut. Und: Ich glaube auch nicht mehr an Zufall, dass mir an diesem Sonntag schon das zweite Mal jemand in meiner Harmley-Wunde herumstochert. Der hat mich vor nicht ganz drei Jahren mit dem #sleepingbeauty und #parislove gebrandmarkt und mir genau damit jegliche Lust darauf vermiest, mich je wieder im sozialen Medium Instagram blicken zu lassen. Und außerdem ist es einfach nur peinlich, wenn ich daran denke, dass meine Mutter mehr Follower hat als ich… und zwar sehr viel mehr, noch dazu hat sie einen Follower, um den ich ihr aus diversen Gründen neidisch bin… und der fängt mit H. an und hört mit armley auf und hat mit ein bisschen Glück dass Story-Foto von Mutter und mir beim Schwiegersohn-Pilgern nicht gesehen.

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