Harmley, Klappe, die Erste – oder warum ich mich nur von Eierlikör davon überzeugen lasse, dass ich nicht bei der Versteckten Kamera bin.


Wenn man, so wie ich in dieser lauen Sommernacht auf dem Mönchsberg, urplötzlich und völlig unvorbereitet von seiner Vergangenheit in Form eines im deutschsprachigen Raumes aus Kino, Funk- und Fernsehen bekannten Schauspielers heimgesucht wird, dann kann man darauf auf zweierlei Arten reagieren:

a) Man erinnert sich daran, wie es das letzte Mal ausgegangen ist, als man eine Liaison mit ebenjenem Mann hatte und hält platonisch-freundschaftlichen Anstandsabstand, geht nicht auf seine amourösen Avancen ein und verabschiedet sich nach etwas unverfänglichen Smalltalk der Marke „So ein Zufall sich hier zu treffen, wie geht es dir immer? Was gibt es Neues? Und sonst so?“  möglichst schnell, zumindest schnell genug, um nicht in Versuchung zu kommen, sich erneut auf irgendwelches emotionales Glatteis zu begeben, auf dem man wieder spektakulär auf’s Goscherl fallen könnte.

b) Man beschließt der Versuchung gar nicht erst die Chance zu geben anzuklopfen, indem man ihr einfach von selber in die Arme rennt, die Gedanken an die Konsequenzen eines solchen Manövers ungeachtet den Mönchsberg hinunterschmeißt und sich von Mr. Harmley noch auf einen Martini oder zwei in seine Hotelbar einladen lässt, um über die guten alten Zeiten zu plaudern und alles das zu machen, was sich sonst noch so ergibt, wenn man mal gerade dabei ist Vergangenheit aufzuarbeiten.  

Sie kennen mich mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass die Stichworte Martini und Versuchung eine Kombination sind, der ich nicht entgehen kann. Das ist ein genetische Sternderldefekt und ebendieser ist der Grund, warum ich nicht einfach nach Hause gehen kann, wenn mich ein Mr. Harmley fragt, ob ich auf dieses rein zufällige Wiedersehen nicht gerne mit ihm anstoßen möchte.

Stop! Sie kennen mich nicht gut genug. Oder vielleicht kannten Sie ein früheres Ich von mir gut genug oder vielleicht lag es einfach nur daran, dass ich an jenem Abend schon zu viel Eierlikör getankt hatte, aber irgendetwas war sehr verdächtig an dem Szenario, so verdächtig, dass ich sehr abrupt aufgesprungen bin, als sich Mr. Harmley zu mir gesetzt hat und mir etwas davon erzählen wollte, was das denn für ein wunderbarer und vor allem absolut zufälliger Zufall wäre, mich hier zu treffen. Ich bin also aufgesprungen und habe sehr laut über die Dächer von Salzburg gefragt (brüllen ist ein so wenig damenhafter Ausdruck), wo hier eigentlich die versteckte Kamera ist und wer sich diesen ganzen Scheiß ausgedacht hat. Denn ganz ehrlich: Das absolut Letzte, was ich an diesem Tag brauchen kann, ist ein Ex, der aus mir völlig schleierhafter Motivation aus der Versenkung auftaucht! Da ich also an dieser Stelle nicht an irgendwelche Zufälle glauben kann oder möchte, habe ich begonnen jeden Winkel, in dem ich versteckte Kameras vermutet habe, wie wild abzusuchen. Ernsthaft: So erpicht darauf, etwas zu finden, war ich das letzte Mal mit fünf bei der Osternesterlsuche im Kindergarten.

Mr. Harmley hat sich das Schauspiel mit etwas Sicherheitsabstand auf der Mauer sitzend eine Zeit lang angeschaut, hat mich dann aber in einem Moment, in dem ich überzeugt davon war, in einem Gebüsch nicht unweit vom Abhang eine Kameralinse entdeckt zu haben, doch mal schnell davor bewahrt den Berg hinunter zu kugeln. Er hat das denkbar geschickt gemacht, indem er meinen Eierlikörflachmann vor sich hergetragen hat wie ein Löwendompteur ein Steak beim Einfangen eines entlaufenen Raubtiers. Ich gebe es ungern zu, aber dieses Manöver hat funktioniert. Wenig später sitze ich wieder neben ihm auf meiner Mauer, wir trinken abwechselnd stillschweigend aus meinem Flachmann, obwohl es Mr. Harmley jedes Mal deutlich schüttelt, wenn er einen Schluck nimmt, verzeiht er keine Miene und trinkt tapfer weiter Eierlikör bis die Flasche leer ist und wir beide, Mr. Harmley und ich voll genug sind, das alles irgendwie lustig zu finden. „Ernsthaft, Elsa, das erste, woran du denkst, wenn du mich siehst, ist, dass es sich um einen Streich bei der versteckten Kamera handeln muss?“ Ok, zugegeben, im Nachhinein betrachtet, ist das schon sehr absurd. Fast so absurd wie das plötzliche Auftauchen von Mr. Harmley, aber jetzt, wo er’s sagt, kann ich drüber lachen.

Und dann passiert etwas sehr Eigenartiges dort oben auf meiner Mauer: Auf die so halb ernst gemeinte Frage, ob’s mir sonst aber eh gut geht, erzähle ich Mr. Harmley aus mir unerfindlichen Gründen alles, was sich in den letzten Wochen in meinem Leben so getan hat. Angefangen vom Handybesitzer über meine Racheaktion, den Heiratsantrag von Herrn Q, den Ausflug nach Schottland, bis hin zu Herrn Qs Irene WG und meiner Rückkehr nach Salzburg. Ich erzähle alles ohne Beistrich, ohne Punkt und ohne Mr. Harmley dabei anzuschauen.  Mr. Harmley hat sich alles angehört, kein einziges Mal unterbrochen und erst als ich fertig war, habe ich gemerkt, dass er mir seine Jacke um die Schultern gelegt hat und wahrscheinlich war mir deswegen in dem Moment das Gegenteil von kalt. Es könnte theoretisch auch daran gelegen haben, dass er seinen Arm um mich gelegt hat und mir mit dem Daumen über meine Wange gestreichelt hat. „Da hast du ja einiges erlebt, Mamsell Stern.“, war der Kommentar von Mr. Harmley bevor er mir einen Kuss auf die Stirn gedrückt hat.

„Und bei dir so?“, hab ich nach einer halben Ewigkeit gefragt, in der ich mir überlegt habe, was so ein Stirnkuss eigentlich zu bedeuten hat.

„Erzähl ich dir ein anderes Mal.“, hat der Mr. Harmley gemeint „Jetzt will ich mir erst einmal den Himmel mit dir anschauen, Mamsell Stern“. Und just in dem Moment ist eine Sternschnuppe über dem Domdach  verglüht. Und obwohl es für meinen Geschmack schon fast zu viele Zufälle waren, musste der eine an diesem Tag wahrscheinlich auch noch sein, der nämlich, dass sich Mr. Harmley und ich in dem Moment das Gleiche gewünscht haben. Keiner hat’s gesagt, aber als wir uns angesehen haben, wussten wir es trotzdem.

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