Gewissensfragen – oder warum die Geschichte der Selbsterkenntnis wie eine Tamponwerbung aus den 90zigern daherkommt.


Die Beziehung zwischen Mr Harmley und mit ist (seit jeher) eine Beziehung voller Missverständnisse. Und auch heute noch ist dieses Thema für beide (also sowohl Mr. Harmley als auch mich) ein Tabu. Deswegen ist es mir wichtig, hier ein paar Dinge aufzuklären. Und: Ja, ich weiß, dass ich jetzt klinge, wie der Werbeslogan für Damenhygieneprodukte aus den 90ern. Lassen Sie mich die Werbung trotzdem weiter zitieren, irgendwie passt das so schön: „Ein Mr. Harmley nämlich, bleibt nicht außen vor wie irgendein andere Mann, nein, er reißt das Herz des Fräulein Stern immer genau dann heraus, wenn es am verletzlichsten ist. Man sieht es nicht kommen, man spürt es erst, wenn es zu spät ist und nach außen hin bleibt er der Saubermann und feuchte Traum einer jeder desperaten Schwiegermutter.“ Naja, oder so ähnlich eben.

Zur Veranschaulichung möge die folgende Szene dienen, die sich so oder ähnlich am Morgen nach der Sternschnuppennacht auf dem Mönchsberg zugetragen hat:

„Und, was wird das jetzt mit uns?“

Ich hab mich ob der Frage von Mr Harmley mal kurz ganz dezent an meinem post-koitalen Frühstückskaffee in seinem Hotelzimmer verschluckt und musste aufpassen, dass ich in meinem Hustenanfall a) nicht ersticke und b) nicht seine wirklich schöne Couch mit Kaffee vollspucke – immer elegant, das Fräulein Stern, ich weiß…

Aber ich meine: Wie? Wie meint er das denn? Was will er denn jetzt hören? Müsste ich als Frau nicht diese Frage stellen? (Und zwar: Zuerst mal sicherheitshalber nur als Umfrage in meinem erweiterten Freundes- und Bekanntenkreis, dann eventuell noch als Leserbrief an Dr. Sommer und wenn man die Ergebnisse ausgewertet hat und sich sicher ist, dass man damit niemanden auch nur annähernd überfordern oder verschrecken könnte, vielleicht ganz subtil und vorsichtig demjenigen, von dem man es wissen will?)

Ganz ehrlich: Ich hab mir doch keine Gedanken gemacht!! Ich hatte damit zu tun, einfach mal das zu genießen, was war und das inkludierte eine ziemlich intensive Nacht des Wiedersehens und jetzt soll ich, weil ihm das so spontan einfällt, nach dieser zweiten unverbindlicher Ansichtsphase mit Potenzial auf eventuell mehr, so plötzlich eine Prophezeiung die Zukunft betreffend aus dem Ärmel schütteln? Wer bin ich denn? Kassandra?

In dem Moment hab ich zum ersten Mal annähernd verstanden, wie Männer sich manchmal fühlen. Und, was noch viel schlimmer ist, ich hab ähnlich eloquent wie Männer dies gerne tun, auf die Frage reagiert: „Ähm, bitte? Wie meinst du das jetzt?“ – gute Taktik, mit Gegenfragen gewinnt man immer Zeit. Zeit, sich zu überlegen, was man von dem äußerst attraktiven Exemplar der Gattung Mann, das da nackt neben einem liegt, eigentlich will. „Einen Ehering, Familie und Kinder!“ schreit die Erziehung von Mama Stern irgendwo aus den Untiefen meines Unterbewusstseins. Ich hab die Stimme gleich mit einem kräftigen Schluck Kaffee ertränkt. Geht ja gar nicht! Obwohl er gute Gene hat… glaub ich zumindest… ich müsste nachfragen, ob die Zähne immer schon so gerade waren, oder ob da ein Kieferorthopäde nachhelfen musste…

„Elsa?  Weichst du mir aus?“

Mist! Notiz an mich selber: Billige verbale Ablenkungsmanöver ziehen nicht, wenn der Mann, den man abzulenken versucht, beruflich was mit Schauspielerei und auch Kommunikation im weitesten Sinn am Hut hat.

Ich versuche mich zu sammeln… wenn schon nicht verbal, dann vielleicht oral? Ich probiere also mein „Nein…“ so lasziv wie möglich klingen zu lassen und widme mich der eingehenden mündlichen Erkundung seiner Brust.

Leider lässt sich Mr. Harmley auch davon nicht beeindrucken. Er nimmt mein Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger und hält meinen Kopf so, dass ich ihm direkt in seine unglaublich melancholischen Augen schauen muss: „Was suchst du eigentlich bei mir, Mamsell Stern?“

Ich könnte jetzt, weil da bin ich echt schon geübt drin (die Frage stellen Männer nämlich immer öfter immer früher, wenn ich mit ihnen zu tun habe, nur um da den Erwartungshorizont abstecken zu können), einen linguistisch-philosophischen Diskurs anzetteln, in dem ich erkläre, dass ich sicher nichts suche, weil suchen impliziert, dass man was verloren hat und dass ich mich sowieso und überhaupt viel lieber finden lasse, weil das der weitaus optimistischere Ansatz ist. Aber wenn man in solche meerwasserblauen Augen schaut, dann vergisst man seine universitäre Ausbildung nur zu gern und jegliche Eloquenz vertschüsst sich – also bei mir zumindest. Und daher ist das Einzige, was mir einfällt, die Wahrheit: „Ich…ich hab keine Ahnung!“ und ein bisschen niedergeschlagen von meiner eigenen Ahnungslosigkeit, lasse ich mich neben Mr. Harmley auf die Couch fallen…

Anstrengend sowas… so eine Selbsterkenntnis. Man glaubt ja immer zu wissen, was man will… also ein Happy-End… aber woher soll ich denn jetzt schon wissen, dass ich ausgerechnet mit Mr Harmley ein Happy-End will? Vor allem, wenn doch noch nicht einmal ausdiskutiert ist, ob sich nicht doch noch ein Happy-End mit Herrn Q ausgehen könnte?

Hilfe!

 „Elsa, hörst du mir eigentlich zu?“

Nein, ehrlichgesagt habe ich nicht zugehört. Und darum traf mich die nächste Aussage von Mr Harmley wahrscheinlich auch so unvorbereitet: „Also, dann ist es in deinem Sinne, dass wir diese Nacht unser kleines Geheimnis bleiben lassen?“

Ankündigung in eigener Sache: Die nächste Folge des Sternderlblogs mit der Fortsetzung der Harmley-Jedermann-Q-Geschichte gibt es aus zeitlichen Gründen leider erst am 17.11.

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