Rest-Life-Crisis – oder warum mich meine Mutter auf dem Schachbrett mit einem weißen Alfonso matt setzt.


Ich kann mich ja nicht mehr genau daran erinnern, was ich erwartet habe, als meine Mutter meinte, sie würde ein Date für den traditionellen Jedermann-Besuch organisieren. Auf jeden Fall habe ich mal wieder den Fehler gemacht, sie zu unterschätzen. Das fing schon beim Outfit an, in dem sie pünktlich am Nachmittag nach dem missglückten Hamley Tête-à-Tête vor der Tür stand: Ein bisschen erinnert das Ensemble, das sie für das kulturelle Highlight des Jahres in der Familie Stern aus dem Kasten geholt hat an Ascot-Pferderennen meets Raffaello-Werbung. Weiße Marlene-Hose, weißer, breitkrempiger Sonnenhut, weißer Blazer… ich muss zweimal hinschauen… weißer Blazer, unter dem nur die Spitzen eines BHs hervorlugen. Ihr Dekolleté und ihr Gesicht sind noch dazu in sowas wie Ägyptische Erde gefallen – der Kontrast zum Weiß des Outfits ist alles andere als natürlich. Außerdem trägt meine Mutter knallroten Lippenstift und hat auch beim Augen-Make-up nicht gespart. Sind das falsche Wimpern? Meine Mutter schaut aus, als wäre sie in den Malkasten einer Drag-Queen gefallen.

„Ich hab gar nicht gewusst, dass wir heute zum Fasching gehen.“, ist das Erste, was mir bei ihrem Anblick leider etwas zu hörbar über die Lippen kommt.

„Elsa-Antoinette, könntest du mir heute bitte einen Gefallen tun und deine flapsigen Bemerkungen lassen und dich auch sonst mal ausnahmsweise nicht daneben benehmen? Das wäre mich wichtig. Und wie schaust du überhaupt aus?“

Hm, im Gegensatz zu meiner Mutter habe ich mich (dem Anlass meiner Zwangsverkuppelung mit einem Date der Marke Mama-sucht-aus) ganz in schwarz gehüllt. Schwarzes Etuikleid, schwarze Strümpfe, schwarze Schuhe, schwarze Sonnenbrille. Wenn man die Mama und mich nebeneinander betrachtet, sehen wir sicher aus wie zwei verfeindete Damen auf einem Schachbrett.

„Naja, jetzt kann man auch nichts mehr machen“, gibt sich meine Mutter geschlagen und mahnt mich zur Eile: „Der Alfonso wartet schon auf uns!“ Täuscht mich das oder breitet sich beim Namen „Alfonso“ eine rosige Röte unter den drei Schichten Ägyptischer Erde ab?

Alfonso also. Pfff. Ich hatte noch nie ein Blind-Date dessen Name mich an Pizza und Ildefonso-Schokolade gleichzeitig erinnerte. Aber andererseits war dieses Date sowieso mal was ganz anderes, nämlich mit Mutter Stern als Anstandswauwau. Wobei ich noch nicht genau weiß, ob sie wirklich laut bellen würde wenn mir Alfonso zu nahe tritt. Mit Schaudern erinnere ich mich an das Worseness Wochenende, bei dem mir meine Mutter zu stimulierenden Lektüre den 50 Shades Schinken ins Nachtkastl gelegt hat, in der Hoffnung, dass mit die Lektüre dieses literarischen Verbrechens hilft den Napoleon, den sie mir damals als potenziellen Ehemann vermitteln wollte, zu verführen. Es kann also auch sein, dass der Anstandswauwau eher dann Laut gibt, wenn für ihren Geschmack zu wenig Zwischenmenschliches passiert.

Als die Mutter und ich um die Ecke der Neuen Residenz biegen, wo sich das Festspielvölkchen schon vor der Vorführung des Jedermanns versammelt, fällt mir leider sofort ein Exemplar von Mann ins Auge, den ich für das wahrscheinliche Blind-Date halte: Ein untersetzter Mittdreißiger in Karohemd und Sacko, der verlegen von einem Fuß auf den anderen tritt und kurzsichtig (die Nerdbrille auf der Nase hilft nicht) auf seinem Handy herumdrückt. Ich bin gerade dabei mich innerlich auf eine lange Jedermann-Aufführung einzustellen, in der ich mich höflich aber trotzdem ablehnend jenem Karohemd gegenüber verhalten werde, da ertönt es von hinten eine rauchige, sonore Männerstimme: „Elvira, mi vida!“ und ich traue meinen Augen nicht.

Eine braungebrannte Mischung aus Mario Adorf und Konrad Lorenz im weißen Leinenanzug schlingt seine Arme um meine kichernde Mutter und gibt ihr einen Kuss auf die Wange. Es handelt sich bei dem Herren mit vollem weißen Haar und weißen Vollbart um Alfonso, wie mir die Mutter erklärt, deren Teint sich von ägyptischem Braun in Rostbraun umgefärbt hat.

Ich glaube, ich bin im falschen Film: Hat meine Mutter ernsthaft vor, mich mit einem 70-Jährigen Latino-Gigolo zu verkuppeln, der sich nach der Begrüßung meiner Mutter, die mir reichlich intim erscheint, meine Hand schnappt, mir einen Kuss auf den Handrücken haucht und mich mit: „Und du bist sicher die wundervolle Tochter Elsa. Du und deine Mutter könnten Schwestern sein!“ begrüßt. „Wollen wir, die Damen?“, bietet Alfonso meiner Mutter und mir jeweils einen Arm zum Einhaken an. Während meine Mutter das Angebot annimmt, verstehe ich die Welt nicht mehr.

Das Verständnis wird auch nicht besser, als wir drei Stunden später den Domplatz nach der Jedermann-Aufführung wieder verlassen.

„Was für eine Inszenierung! Absolut göttlich, diese Buhlschaft und der Moretti erst!“, ist meine Mutter ganz angetan. Ich für meinen Teil hätte ja erstens schwören können, dass meine Mutter gar nichts von der Aufführung mitbekommen hat, so sehr war sie damit beschäftig mit Alfonso zu flirten und zweitens ist jede Aufführung des Jedermanns jedes Jahr für mich gleich langweilig und zäh. Wenn Sie mich fragen: Hofmannsthal – völlig überbewertet! Aber ich habe gelernt mich zu hüten und sowas laut vor meiner Mutter zu sagen, die jedes Jahr ein halbes Vermögen für Karten zu diesem Event ausgibt.

„Wie wäre es noch mit einem schönen Glas Wein?“, gibt Alfonso den charmanten Bonvivant.

Die Antworten von meiner Mutter und mir kommen wie gleichzeitig aus der Pistole geschossen, leider hätten sie unterschiedlicher nicht ausfallen könne. Während die Mutter mit einem euphorischen „Ja, gerne, was für eine schöne Idee!“ zustimmt, bringe ich ein nicht minder energisches: „Nein, danke!“ hervor. Es wird jetzt definitiv Zeit für ein Mutter-Tochter-Gespräch unter vier Augen, also ziehe ich die Mama unter dem Vorwand, das kurz mit ihr zu besprechen, auf die Seite.

„Was genau ist das hier, Mama?“

„Also, Elsa, das ist der Domplatz… das weißt du doch“, gibt sich meine Mutter unschuldig.

„Nein, ich meine diesen Alfonso! Du kannst mich doch nicht ernsthaft mit einem Date verkuppeln wollen, das doppelt oder vielleicht sogar dreimal so alt ist wie ich!“

„Also, Elsa, wirklich! Der Alfonso ist erst 72 und natürlich will ich dich nicht mit ihm verkuppeln! Obwohl ich ihn auf der Suche nach einer Verabredung für dich kennengelernt habe. Aber, was soll ich sagen? Manchmal kommt es eben anders als geplant.“ Und mit diesen Worten winkt die Mama dem Alfonso zuckersüß über meine Schulter hinweg zu.

„Sag einmal, weiß der Papa von deinen „Verabredungen“?“

„Also, Elsa-Antoinette, das ist jetzt ein Thema, das ich weiß Gott lieber in aller Ruhe mit dir besprochen hätte, aber wenn du’s unbedingt wissen willst: Dein Papa und ich… ich fürchte, wir haben uns auseinander gelebt.“

Ja, richtig, meine Eltern haben anscheinend eine handfeste Ehekrise, die von meiner Mutter damit begründet wird, dass mein Vater sie einfach nicht mehr stimuliert – auf welche Art auch immer, so genau wollte ich’s gar nicht wissen. Auf jeden Fall lässt sie sich jetzt lieber von einem Alfonso Wein einschenken und sich von dem Kribbeln, das das er bei ihr hervorruft stimulieren. Auch da wollte ich dann nicht mehr genauer nachfragen! Ich hoffe, dass das alles nur ein Anfall von akuter Rest-Life-Crisis bei ihr ist.

Das einzig Positive an der Sache ist, dass mich die Mutter in ihrem eigenen hormonellen Ausnahmezustand, wenigstens nicht mehr verkuppeln will. Oder doch?

„Elsa-Antoinette, ich weiß wirklich nicht, was du hast! Gönn mir doch auch mal was! Ich will auch noch ein bisschen leben! Und du hast doch jetzt sowieso eine schöne Liaison mit dem Herrn Schauspieler!“

Ich wollte ja eigentlich gar nicht nachfragen, für meinen Geschmack habe ich an diesem Tag schon wieder viel zu viel erfahren, das ich gar nicht wissen wollte, aber anscheinend war das Zusammentreffen mit Mr. Harmley doch nicht so ganz zufällig, wie ich mir gerne eingeredet hätte. Ich habe zwar keine Ahnung, wie sie es gemacht hat, aber meine Mutter hatte da definitiv ihre Finger im Spiel, wie sonst hätte sie von mir und Mr. Harmley wissen können?

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