All I want for Christmas – oder warum Anfang Dezember Wunder gegen einen akuten November hilft


Ich bin ja so froh, dass ab heute Dezember ist! Und das hat mehrere Gründe. Der gewichtigste darunter ist allerdings, dass ich die letzten Wochen unter akutem November litt. Keine Angst, das ist (normalerweise) nicht ansteckend, aber trotzdem muss ich Sie warnen, denn ein Fräulein Stern mit akutem November ist kein schöner Anblick! Es ist also durchaus positiv, dass ich mich in so einem Zustand nur ganz ungern außer Haus wage. Viel lieber verstecke ich mich mit einem großen Glas Nutella und den Resten des Allerheiligenstriezels unter einer Decke und verbringe den Tag damit, mich durch die Angebote der „Black Friday Week“ zu scrollen.

Sie haben natürlich Recht: Unreflektierter Konsum und Impulskäufe in Kombination mit Nussnougatcreme sind selten die Lösung für die Probleme, vor denen man sich gerne unter einer dicken Decke versteckt. Sie helfen zum Beispiel nicht, wenn man gerade, so wie ich, im Begriff ist, ein Scheidungskind zu werden, dessen Mutter sich in einem Anfall von Rest-Life-Crisis mit einem Pseudo-Latino-Konrad-Lorenz namens Alfonso für zwei Wochen nach La Gomera absetzt und dessen Vater ob dieser Tatsache wie vom Donner gerührt das Elternhaus in ein Messirefugium erster Güte verwandelt, weil er Zeit seines Lebens nie gelernt hat, wie man einen Haushalt ohne zugehörige Hausfrau in Ordnung hält. Nach wie vor möchte ich die Aussicht auf eine mögliche Scheidung im Hause Stern ganz weit von mir wegschieben, allerdings muss ich mich wohl langsam mit der Tatsache anfreunden, dass ich dieses Jahr eine Weihnachtswaise sein werde. In vier Wochen ist Weihnachten, eine Versöhnung meiner Eltern bis dahin ist sehr unwahrscheinlich und ich weiß daher zum ersten Mal seit 32 Jahren nicht, was ich an diesem Fest der Feste machen soll. Möglicherweise werde ich einsam und alleine in meiner eigenen Wohnung feiern müssen und mir die Licht-ins-Dunkel-Gala mit einem Trinkspiel der Marke „Bullshit-Bingo“ versüßen müssen. Es wird keine Kekse geben (außer ich backe selber welche und auch dann bin ich nicht besonders zuversichtlich, dass es tatsächlich essbare Kekse werden). Es wird kein Gezanke über den Weihnachtskarpfen geben, den mein Vater, seit ich denken kann, immer eigenmächtig durch Frankfurterwürstel ersetzt. Es wird keinen schön geschmückten Baum geben, dessen Grad der Schieflage Anstoß zu einer weiteren elterlichen Diskussion geben wird. Niemand wird mich rügen, dass ich dieses Jahr wieder nicht „Alle Jahre wieder“ auf der Blockflöte zum Besten gebe und niemand wird versuchen mich beim alljährlichen Spendenanruf in der Licht ins Dunkel Zentrale mit einem der adretten Herren vom Bundesheer zu verkuppeln. Ich hätte nie gedacht, dass mir alle diese liebgewonnenen Weihnachtstraditionen einmal fehlen würden.

Ich hätte eher gedacht, dass ich diese Weihnachtstraditionen einmal gegen eigene Familientraditionen ersetzen könnte. Zum Beispiel damit, dass ich den Weihnachtskarpfen anbrennen lasse, dann von Herrn Q in die Arme genommen werde, der mir sagt: „Nicht so schlimm, Fräulein Stern, du hast zumindest nicht den Champagner anbrennen lassen.“, mir postwendend ein Glas reicht und mich damit auf das Eisbärenfell vor dem flackernden Kamin zieht. Und erst nach dem Eisbärenfell-Intermezzo würde die Tanne schief stehen, aber dieser Umstand würde uns beim postkiotalen Kuscheln sowas von egal sein…

Kann ich mir auch aufpinseln diese Traditionen. Herr Q hat bis jetzt keine Anstalten gemacht, mich auch nur zu fragen, was ich zu Weihnachten mache. Bei meinem Glück wird er Weihnachten in Gesellschaft von einer gewissen Irene verbringen und mit ihr statt des Karpfens gleich Sushi essen. Und das Schlimmste: Ich bin nicht mal ganz unschuldig daran. Schuldig daran, dass Herr Q vielleicht nicht ganz zu Unrecht ein bisschen verärgert ist, ist Mr. Harmley, der es zwei Wochen nach der zufälligen Begegnung auf dem Mönchsberg nicht lassen konnte und die Welt da draußen via Tweet und Insta-Post mit einem Foto von uns beiden (aufgenommen während ich in seinem Hotelbett schlief) wissen ließ, dass es eine „Re-union mit #sleepingbeauty gegeben hat. Machte natürlich Schlagzeilen das Bild, weil bis dahin nämlich keiner wusste, dass seine Beziehung zu einer Kollegin aus dem Schauspielbusiness, Geschichte war. Nicht mal die Kollegin selber. Seither werde ich in regelmäßigen Abständen von Anrufen aus den Redaktionen diverser Klatschblätter terrorisiert. Und eins kann ich Ihnen flüstern: Die sind noch penetranter und anstrengender als die Anrufe, die man aus ihren Abo-Abteilungen bekommt!

Sie sehen also: Insgesamt sind wir hier weit weg vom Status Alles in Ordnung. Und vielleicht verstehen Sie jetzt, warum ich es den November über vorgezogen habe, mich unter einer Decke zu verstecken. Aber jetzt ist ja endlich Dezember! Und das heißt auch: Es ist die Zeit der Weihnachtswunder! Und so lange mir nicht die Realität wieder eine schöne Watschn vepasst bin ich optimistisch, dass sich alle meine Probleme wie bei einem echten Weihnachtswunder in Luft auflösen werden! Alleine schon deswegen, weil ich gestern beschlossen habe, wieder ans Christkind zu glauben. Genauso wie ich das als Kind getan habe und jedes Jahr wieder brieflich mit dieser engelsgleichen Instanz in Kontakt getreten bin, einen Bestellzettel an Wünschen aufgeschrieben habe  und dann geschworen habe, dass ich alles auch wirklich verdient habe, weil ich eh brav war.

Die Aussicht auf die Erfüllung dieser Wünsche ist in diesem Zustand kindlicher Naivität  weniger daran geknüpft, ob es etwas auch real möglich ist. Man darf also an Wunder glauben. Genau wie früher, als der Glaube ans Christkind die Erfüllung der Positionen auf dem Wunschzettel nicht von den ökonomischen Verhältnissen der Eltern abhängig machte. Konnten nicht alle Wünsche erfüllt werden, dann wurde pädagogisch höchst wertvoll auf die Selbst- und Eigenverantwortlichkeit hingewiesen und zwar mit den Worten: „Dann musst du halt nächstes Jahr etwas braver sein, liebe Elsa-Antoinette“. Ich glaube, das war so der Zeitpunkt, zu dem ich anfing die Karmatheorie als Glaubensrichtung ins Auge zu fassen. Wobei schon damals die Frage dominierte: Was hab ich denn jetzt schon wieder falsch gemacht, dass ich anstatt des gewünschten Barbie Wohnmobils nur einen kratzigen Wollpullover im Norwegerstyle bekommen habe?

Aber kindliche Traumata hin oder her, ich habe mich gestern Abend mit einer heißen Rumschokolade hingesetzt und einen Brief an das Christkind verfasst. Ich glaube inspiriert hat mich dazu Mariah Careys Weihnachtsohrwurm „All I want for Christmas. Irgendwie hatte ich, geprägt durch Eltern, die sich jahrelang wehrten auch nur einen Wunsch von meiner Wunschliste zu erfüllen und stattdessen immer mit irgendwelchem ökologisch nachhaltigem Klimmbimm daherkamen, den Eindruck, beim Christkind noch was gut zu haben.

Rückblickend hätte ich meine „Forderungen“ wohl etwas subtiler zum Ausdruck bringen sollen. Der Satz: „Und wenn dieses Jahr zu Weihnachten nicht alles wieder in Ordnung ist mit meinen Eltern und dem Herrn Q und dem Mr. Harmley und überhaupt, dann kriegst du das in Form eines kratzigen Norwegerpullovers sowas von zurück“ war vielleicht etwas zu direkt. Aber diese Direktheit war vor allem dem Rum in der Schokolade und einem höheren Grad an Verzweiflung geschuldet, man muss das also schon verstehen.

Den Brief, in dem ich überdies noch argumentativ darlegte, warum eine weitere Ignoranz meine Weihnachtswünsche betreffend ein juristisches Nachspiel haben würde, habe ich dann in der Nacht, frankiert mit einem Hello Kitty Glitzerpickerl, auf mein Fensterbrett gelegt. Am nächsten Morgen war ich leicht verkatert (die Schokolade mit Rum war im Laufe des Abends angesichts des zur Neige gehenden Vorrats an Kakao immer mehr zu Rum mit Schokolade geworden) und der Brief war weg…

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