50 Shades of Krampus – oder warum meine Retter nie in Rüstung sondern immer maximal als Nikolaus in einem weißen Schafspelz daherkommen.


Ich habe ein Nikolaus-Trauma. Dieses Trauma stammt aus meiner Kindheit und hat in erster Linie mit den Begleitern vom Nikolaus zu tun, die da mit Ruten und Masken um den 5. Dezember herum aus ihren Höllenlöchern gekrochen kommen und kleinen Elsas, die ihr Zimmer nicht aufräumen wollten, damit gedroht hatten, sie in die Kraxe zu stecken und mitzunehmen. Pädagogisch der völlig falsche Ansatz, wenn Sie mich fragen, aber in den 80gern hat man das noch nicht so differenziert hinterfragt. Meine Eltern zumindest nicht, die waren der Meinung: Ein bisschen Androhung von Höllenfeuer durch ein bis zwölf Kramperl, die man gemeinsam mit einem Nikolaus pro Jahr so ins Wohnzimmer schneien lässt, tun dem Kind (also mir) gut. Besonders eine Szene, in der die Mama mit dem Krampus im Gang steht und ihm einen Fünfziger (damals noch Schilling) in die Hand drückt, und dafür vom Krampus eine Extrarute bekommt, habe ich sehr, sehr lange nicht aus dem Kopf bekommen!

Kein Wunder also, dass ich Krampusse meide wie der Teufel das Weihwasser. Und deswegen halte ich mich auch tunlichst von ihnen fern, verbarrikadiere mich jedes Jahr um den 5. Dezember herum in meiner Wohnung und stecke meinen Kopf in eine Flasche Eierlikör.

Eigentlich wäre das auch der Plan für das Jahr 2019 gewesen. Eigentlich. Un-eigentlich musste ich dieses Jahr meine Wohnung verlassen, um mich auf’s Land zu meinem Papa zu begeben, der (jetzt schon drei Wochen als Strohwitwer) ohne meine Mutter kurz davor war an seinen eigenen Kochkünsten zu verhungern. Eigentlich würde man denken, dass sich ein am Hungertuch nagender Vater über die Kochkünste seiner Tochter i Form von vegetarischem Linsendahl freut. Un-eigentlich hatte der Papa weder benutzbares (d.h. nicht angepatztes) Geschirr in der Küche noch augenscheinlich Gusto auf vegetarische von seiner Tochter zubereitete Kost. Überhaupt ähnelte das elterliche Wohnhaus eher einem Messi-Refugium und mein Vater ähnelte einer um Jahrzehnte gealterten sehr unvorteilhaften Version seiner selbst. Die Trennung von meiner Mama, die sich noch immer mit ihrem Alfonso auf La Gomorra… ähm La Gomera sonnt, tut ihm gar nicht gut. Und nur weil mir mein Vater in diesem Zustand wirklich leid tat und ich zugegeben auch nicht ein gesamtes Wochenende damit verbringen wollte, ihm seine Küche aufzuräumen, ließ ich mich von ihm dazu überreden, das gemeinsame Abendessen auf dem Christkindlmarkt einzunehmen. Lukullisch versprach sich mein Papa ein Festmahl bestehend aus Steckerlfisch, Leberknödel und Bauernkrapfen und ich versprach mir vorher nicht zu weit in die Glühweintasse zu fallen.

Eins hatte mir der Papa natürlich wohlweislich verschwiegen, nämlich den Auftritt einer Horde Krampusse, die mittig in meiner dritten Tasse Glühwein mit Kuhglockengeläute und Pyroeffekten auf dem Christkindlmarkt einfielen.

Ein Tipp von mir: Wenn man sich schon (freiwillig oder unfreiwillig) auf einen Kramperllauf begibt, dann tut man gut daran, dies nicht unbedingt in einer kleinen, ländlich gelegenen Gemeinde zu tun, in der man aufgewachsen ist und sich alleine deswegen in Gefahr begibt, weil es rein theoretisch sein könnte, dass sich unter den Krampusmasken bekannte Gesichter verstecken, die meinen noch die eine oder andere Rechnung mit einem offen zu haben. Und dazu zählen alle möglichen Rechnungen, angefangen von einem verpatzten Wichtelgeschenk in der Volksschule über ein falsch (nämlich bei „Nein“) gesetztes Kreuzerl auf dem Zettel „Willst du mit mir gehen?“ in der Adoleszenz. Es sind solche und andere Rechnungen, deretwegen ich mir wenig später umringt von drei ganz grausigen Gesellen fast in die Hose mache. Und jetzt noch ein Tipp von mir, weil Sie’s sind: Wenn man schon auf einem Krampuslauf mit seiner Vergangenheit in Form von drei nachtragenden Kramperln konfrontiert wird, dann zieht man besser vier Lagen Hosen an und nicht nur, so wie ich, Rock mit Strumpfhose. Man täte außerdem gut daran, mit einer Begleitung auf den Christkindlmarkt zu gehen, hinter der man sich verstecken kann und nicht mit einer, die sich gerade den vierten Steckerlfisch schmecken lässt, wenn die Ruten der Krampusse auf einen niederhageln. Man täte auch gut daran, das Ausdauertraining im Fitnessstudio nicht immer geschwänzt zu haben, weil einem das zumindest die Chance gegeben hätte, vor den rachesüchtigen Perchten davonzulaufen. All diese Konjunktive helfen einem in der akuten Not natürlich überhaupt nicht weiter. Gar nicht!

Das Einzige, das helfen könnte, wäre ein Ritter in schimmernder Rüstung, der Prinzessin Sternderl aus ihrer höchsten Not rettet und mit ihr gemeinsam auf einem stolzen weißen Schimmel das Weite sucht. Aber so einer kommt natürlich nie dann, wenn man ihn gerade braucht. Ich sehe meine Waden schon am nächsten Tag – 50 Shades of Krampus – grün und blau gestreift und kann in dem Moment den BDSM-Trend, der Leute dazu bringt, sich gegenseitig beim Sex mit Ruten, Peitschen und Gürteln zu bearbeiten, noch weniger nachvollziehen als eh sonst schon. Und noch während ich in meiner Schockstarre den grässlichen Fratzen gegenüber stehe und darauf warte, dass sie mir im besten Fall nur die Haube über die Augen ziehen und vielleicht zwei-, dreimal auf mich einschlagen, kommt tatsächlich sowas wie ein Ritter zu meiner Rettung. In meinem Fall ist es freilich keiner in schimmernder Rüstung, sondern mehr sowas in Richtung Albino-Krampus. Ein prächtiger, 2m großer Percht in weißem Fell und mit riesigen Widderhörnern auf dem Kopf, dessen Augen rot glühen und der noch furchteinflößender daherkommt als seine kleinen Kollegen in schwarz. Und ausgerechnet der kommt geradewegs auf mich zuggestapft, bleibt kurz vor mir stehen, packt mich dann und wirft mich über seine Schulter, als wäre ich ein alter Kartoffelsack, bevor er mit mir (seiner Beute) über den Christkindlmarkt vorbei an meinem noch immer in Steckerlfisch vertieften Papa stapft. Natürlich habe ich versucht mich zu wehren, aber wehren Sie sich mal gegen einen 2m-Krampus! So leicht ist das nicht! Schon gar nicht, weil alle Besucher des Christkindlmarktes anscheinend der Meinung sind, dass diese „Einlage“ geprobt ist und ich gar nicht wirklich in Gefahr bin. Ich kann also noch so viel um Hilfe schreien, mit den Beinen zappeln und mit den Fäusten auf dem Rücken von Albino-Percht herumtrommeln, das Einzige, was passiert, ist, dass ganz viele Leute Fotos von meinem nur mehr so halb vom Rock bedeckten Hintern machen.

Erst als der Percht, der mich da auf seinen Schultern herumschleppt, auf meine Fausthiebe wiederholt mit: „Sternderl, Sternderl, hör auf, des kitzelt!“ antwortet, erkenne ich die Stimme: Der Nikolaus!

Ja, wenn Sie sich jetzt wundern, warum Fräulein Stern ausgerechnet von einem Nikolaus spricht, wenn sie eigentlich einen Krampus meint, dann haben Sie Recht: Im ersten Moment klingt das sehr paradox. ABER: Der Krampus heißt wirklich Nikolaus und war mit mir vier Jahre in derselben Volksschule. Und die ganzen vier Jahre und noch länger war ich in ihn verknallt. Heimlich versteht sich. Und jetzt, da er mich hinter dem letzten Punschstandl des Christkindlmarktes absetzt und sich seine Maske vom verschwitzten Gesicht zieht, weiß ich auch wieder warum. Wenn Keanu Reeves seit seiner Rolle in Speed nicht gealtert wäre, dann würde er auch heute noch so ausschauen, wie der Nik das jetzt tut.

„Sternderl, Sternderl, du traust dir was!“, kommentiert der Nik nur tadelnd das Wiedersehen und schüttelt sich seine verschwitzten Haare aus dem Gesicht. „Wartest da auf mich? Ich muss noch ein paar Kollegen verhauen gehen, aber dann hätt ich Durst. Bist ja schwerer als du ausschaust…“

Danke! Allein für den Kommentar hätte sich der Nik eine Einladung auf ein Bier im einzigen Pub der Gemeinde eigentlich schon wieder nicht mehr verdient, aber irgendwie muss ich mich ja doch erkenntlich zeigen für meine Rettung vor den Krampuskollegen. Und so sitze ich also wenig später einem umgezogenen und geduschten Nikolaus gegenüber und versuche mein Krampustrauma aufzuarbeiten, indem wir gemeinsam in Erinnerungen an unsere „Jugend“ schwelgen. Und irgendwann, so kurz vor Mitternacht, ist mir dann auch herausgerutscht, dass ich nur seinetwegen jahrelang ein Poster von Keanu Reeves an der Wand über meinem Bett hängen hatte.

„Das hätt ich aber unglaublich gern mal gesehen“, sagt der Nik nur und ich bereue sowas von, dass ich das Poster nicht mehr dort hängen habe, als er mir tief in die Augen schaut, bevor er mich küsst.

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