Geburtstagsrituale – oder warum ich Colin Firth mit einem Nudelkochtopf nachmachen kann


Jedes Jahr kurz vor meinem Geburtstag (der liegt praktischerweise so nah an Weihnachten, dass das mit dem Feiern und den Geschenken immer in einem Aufwaschen geht) krieg ich Besuch. Besuch von meiner sehr guten Freundin K. Jedes Jahr um dieselbe Zeit wird’s daher immer lustig im Hause Stern, weil die K ein sehr verrücktes Henderl ist.

Jedes Jahr kurz vor Weihnachten kommt also die K. Jedes Jahr kurz vor Weihnachten machen wir zwei eine lustige Pyjamaparty. Jedes Jahr kurz vor Weihnachten muss ich daher meinen Vorrat an Prosecco, Popcorn und Gummibärli aufstocken. Jedes Jahr kurz vor Weihnachten räume ich außerdem Relikte aus längst vergangenen Zeiten aus dem Schrank, die ich immer nur jedes Jahr kurz vor Weihnachten, wenn die K kommt, brauche. Dazu gehören:

1. eine Auswahl an Mädelsabend-tauglichen DVDs. Unsere All-time-Favorites sind: Bridget Jones I und II (wegen dem jungen Colin Firth, der im zweiten Teil ein nasses Hemd trägt), Pride and Prejudice BBC Edition (wegen dem jungen Colin Firth, der zu Beginn der zweiten Halbzeit ein nasses Hemd trägt) und unser beider absoluter LIEBLINGSfilm: Love Actually (auch wegen dem jungen Colin Firth, der etwa mittig im Film ein nasses Hemd trägt)

2. Tarotkarten (man muss wissen, dass die K und ich in unserer Pubertät irgendwie beide einen Hang zum Esoterischen hatten, den ich mittlerweile mehr oder weniger erfolgreich hinter mir gelassen habe, die K ist da aber immer noch a bisserl spiritueller ang’haucht)

Wie jedes Jahr kurz vor Weihnachten, war das Hallo auch diesmal groß, als die K bei mir vor der Tür stand. Obwohl wir uns nur selten sehen, schwimmen wir trotzdem gleich wieder auf derselben Wellenlänge. Und apropos schwimmen: Nachdem die K und ich ein lukullisches Abendessen bestehend aus sämtlichen Junk-Food-Vorräten aus meiner Tiefkühltruhe zu uns genommen haben, kommen wir zu unserem alljährlichen Lieblingsprogrammpunkt: Wir schauen einem jungen Colin Firth beim Baden zu.
Und das geht so:
DVD rein – Szenenauswahl gedrückt – langsames Vorspulen – Standbild – langsam weiterlaufen lassen – Standbild- laaaaaaaaaangsam weiterlaufen lassen – Standbild – Gedenkminute zum Anschmachten und Abbusseln des Fernsehers einlegen – Zurückspulen und das Ganze von vorne.

Eine Stunde und zwei Flaschen Prosecco später muss ich den von Lippenstiftküssen total zugeknutschten Fernseher mit einem Microfasertuch putzen.
Dabei hör ich mir von der K g’scheide Tipps an, wie man ihrer Meinung nach im echten Leben einen Colin Firth findet. Die K kann zwar in der Theorie gscheid reden, aber selber gefunden hat sie ihn auch noch nicht, den Colin Firth ihrer Träume.

Theorie 1 lautet: Man muss seine Vergangenheit hinter sich lassen, um etwas Neues beginnen zu können.
Da redet sich die K leicht, sie hat ja keinen Herrn Q.

Theorie 2 lautet: Man darf als Frau nie den Fehler machen, und gleich beim ersten Date mit einem Mann ins Bett steigen, wenn man vorhat, eine ernste Beziehung einzugehen.
Diese Theorie meint die EK allerdings nur halb ernst, und erst recht, nachdem ich ihr von meinem quasi Klassentreffen mit dem Mr. Krampus vor einer Woche erzählt habe.

Theorie 3 schließlich lautet: Man muss viele Frösche küssen, bevor sich einer in einen richtigen Prinzen verwandelt.
Auch hier kann ich der EK nicht uneingeschränkt recht geben und verbessere: Man muss nur vielleicht den richtigen Frosch mehrmals küssen, bevor er sich in einen Prinzen verwandelt. Und dabei denke ich an Mr. Harmley, der sich ohne sein Wissen in meiner Fantasie plötzlich in ein grünes, quakendes Etwas verwandelt hat.

Nachdem ich also so ziemlich alle Theorien der K entkräften konnte, ist sie erst einmal schockiert von dem Beziehungswirrwarr, in dem ich mich gerade befinde und schreit, suchend um sich blickend: „Wo sind die Karten? Her mit den Karten!“

Die K meint die Tarotkarten, die vor ihr auf dem Tisch liegen. Als sie sie „gefunden“ hat, werden sie mir sofort gelegt.

„Elsa, du hast a schlechtes Karma“ diagnostiziert die K fachmännisch aus den Karten lesend.

„Super, und was mach ma da dagegen?“

Die K ist heute um keine Schnappsidee verlegen und hat sofort einen Einfall, wie man mein Karma und gleichzeitig auch meine Aura von den schlechten Einflüssen reinigen kann.
„Du hast doch da so eine Kiste!? Hast die noch?“

Oje, ich weiß, welche Kiste die K meint, aber die will ich nicht unterm Bett hervorkramen… Schon gar nicht, wenn ich nicht weiß, was die K damit anstellen will. Aber leider, die K kennt mich zu gut, wuselt sofort in mein Schlafzimmer und kommt, wenige Minuten später fündig geworden, mit meiner Ex-Kiste zurück. Der Inhalt der Kiste, alle möglichen Erinnerungen und Fotos aller meiner gesammelten Ex-Freunde, wird daraufhin völlig unzeremoniell und mit dem Kommentar: „Böse! Böse! Böse!“ auf meinen Couchtisch gekippt.
Weiters werde ich von der K aufgeklärt, dass es nach Fengshui wohl eine ganz grausige Idee war, die Kiste und damit meine Ex-Freunde unter meinem Bett zu lagern. „Da ist es kein Wunder, dass du schon so lange keinen Mann mehr im Bett hattest!“ Aso, DARAN hat’s also gelegen…ja, wenn ich das früher gewusst hätte!

„Und jetzt?“ Ich fürchte mich gerade ein bisserl vor der K, die mit Feuereifer meine Ex-Freunde chronologisch zu sortieren beginnt.

„Jetzt brauch ma einen Kupferkessel.“

„Willst du meine Ex-Freunde kochen, oder wie? Wo soll ich denn auf die Gache einen Kupferkessel herzaubern?“

Aber die K ist schon auf dem Weg in die Küche, aus der ich wenig später das Pling-plang aneinanderschlagender Kochtöpfe höre. Schließlich kommt sie mit dem Nudelkochtopf zurück. „Der tut’s auch!“

„Und jetzt?“

„Und jetzt werden wir deine Ex-Akten ein für alle mal schließen. Feuerzeug bitte!“

Oje, ich wusste bis dato nix von der pyromanischen Veranlagung der K und ich will auch wirklich nicht, dass sie diese in meinem Wohnzimmer auslebt. Bei aller Liebe, das ist mir zu gefährlich. Also verlegen wir die Verbrennungsaktion auf meine Terrasse. Und da wandert ein Foto nach dem anderen brennend in den Nudelkochtopf. Die K und ich stehen neben diesem Opferfeuer und beweihräuchern uns gegenseitig feierlich mit der Asche meiner Ex-Freunde.

Nachdem meine Ex-Freunde buchstäblich in Flammen aufgegangen sind und nur noch ein Häufchen Asche übrig ist, meint die K ganz in ihrem Element: „So, und jetzt müssen wir die Asche nur noch ins Meer schütten.“

Die K is lustig!
„Ein anderes fließendes Gewässer tut’s auch“ antwortet sie auf meine skeptisch hochgezogene Augenbraue.

Meine Augenbraue zieht sich weiter hoch. „Ja, mein Gott, ihr werdet’s doch hier irgendwo eine Latschn haben oder so was!“ die K klingt leicht frustriert angesichts meiner nicht wirklich vorhandenen Hilfsbereitschaft.

„Mein Nachbar hätt einen Goldfischteich!?“

„Herrschaft, Elsa, a bissl größer muss des schon sein!“

Hm, da hat sie recht… Ich wär auch wirklich nur ungern am Ableben der nachbarlichen Koi-Karpfen schuld gewesen, wenn die sich an der Asche verschlucken.

Mir fällt spontan nur eins ein: „Es gäbe da noch in der Nähe einen Fischweiher…“

„Ja fabelhaft! Da gemma jetzt hin“

Oje, die K ist in ihrem Enthusiasmus nur sehr schwer aufzuhalten und so stiefeln wir des nächtens zur Geisterstunde mit einem Nudelkochtopf voller Ex-Asche durch die frisch verschneite Landschaft.

Angesichts des anhaltenden Schneefalls ist es ein bisserl schwierig den Fischweiher zu finden. Noch dazu scheint er zugefroren zu sein. Ich will aber trotzdem meinen guten Willen zeigen und stapfe beherzt voran durch die Wiese zum Weiher bis…

„Ah, Scheiße!“ ein Knacks, ein Batsch, ein Blubb-blubb-blubb. Da steh ich, Elsa Stern, der gerade vor Schreck der Nudeltopf aus der Hand gefallen ist und nun munter im Karpfenweiher versinkt, mitten im Gatsch vom Weiher und langsam aber sicher sickert das Weiherwasser in meine Stieferl. Super! Des hat’s gebraucht!

Die K ist bei meinen Versuchen aus dem Schlamm zu kommen keine rechte Hilfe, weil sie sich vor lauter Lachen rücklings hat in den Schnee fallen lassen und mich unter Gelächter dazu einlädt, es ihr gleich zu tun und einen Schnee-Engel zu machen.

Oje!
Auf dem Heimweg habe ich alle Mühe die K daran zu hindern in den Vorgärten, die wir passieren, auch ihre Marke, sprich ihren Schnee-Engel, zu hinterlassen.

Am nächsten Tag hab ich die Arme leicht kränkelnd in den Zug gesetzt und mich dran erinnert, warum’s mir jedes Jahr kurz vor Weihnachten doch ganz recht ist, dass wir uns nicht sooooo oft sehen.

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