Alle Jahre wieder – oder warum ich mich ins Vanillekipferlkoma mampfe


Weihnachten im Hause Stern ist seit jeher ein gewöhnungsbedürftiges Event, d.h. es gibt jedes Jahr die alten Traditionen, die auf neue unkonventionelle Weise gebrochen werden.
Beispiele gefällig? Bitteschön:

Jedes Jahr wird als Hauptgang von meiner Mutter groß ein Karpfen angekündigt. Vor der Zubereitung wird mein Vater losgeschickt, um ebenjenes Ungetüm beim Fischhändler des Vertrauens zu erwerben. Jedes Jahr kommt mein Vater nicht mit dem angeschafften Karpfen zurück, sondern mit 4 Paar Frankfurterwürsteln. Die väterliche Argumentation: preislich lag der Karpfen außerhalb seines Investitionsvolumens, Frankfurter wurden früher immer traditionell als Einlage in die Nudelsuppe gereicht („Wir ham ja nix ghabt, nix hamma ghabt nach dem Krieg“) und zu Weihnachten gehört es sich nicht, dekadent sein zu wollen. Auf diese Weise riskiert mein Vater jedes Jahr den Weihnachtsfrieden. Meine Mutter ist stinksauer und verweigert daraufhin die Zubereitung der Würstl. Mein Vater kocht die Würstl deshalb selber und lässt sie (alle Jahre wieder, er lernt es nie) aufplatzen. Ich halte mich alle Jahre wieder aus dem Disput raus und bin froh, dass die gängigen Fast-Food-Ketten und Döner-Standl auch an so hohen Feiertagen wie Weihnachten geöffnet haben. Dieses Jahr gab’s also Heilig Abend einen FishMac und, weil ich ja nicht so bin, ein paar Chicken Nuggets für den Papa. Die Mama ist wie jedes Jahr so angefressen auf den Papa, dass sie nix mehr essen mag.

Die Bescherung beschert Streitthema Nummer 2: Einer von meinen Elternteilen ist nämlich immer der Meinung, dass ausgemacht war, dass sich gegenseitig nichts mehr geschenkt wird. Derjenige andere Elternteil, der somit leer ausgeht, ist eingeschnappt, dem Weihnachtsfrieden willen wird das aber so künstlich wie’s geht überspielt. Jedes zweite Jahr, also immer, wenn meine Mutter Geschenketechnisch übergangen wird, versucht diese vom Geschenkedilemma abzulenken, indem sie in den Raum wirft, dass sie sich ja eh nur eins wirklich wünscht, nämlich einen Schwiegersohn nebst Enkelkindern, womit ich dann den schwarzen Peter aufgebrummt bekomme.

In der Regel folgt darauf dann eine Predigt meiner Mutter, in der es um meine alternden Eierstöcke geht und darum, dass sie nicht 48 Stunden in den Wehen gelegen hat, um dann mitansehen zu müssen, wie ihre wunderbaren Gene nicht weitergeben werden. Mein Vater hält sich währenddessen gedanklich die Ohren zu und ich mache mir eine mentale Notiz, dass ich nächstes Jahr dem Papa prophylaktisch Ohropax schenken werde.

Danach fallen in beliebiger Reihenfolge meist folgende Stichworte, die den Weihnachtsfrieden weiter gefährden: (Mama:) „Ich glaub, der Baum steht schief“, (Papa:) „An diesen Keksen könnte man sich Zähne ausbeißen“, (Mama:): „Was? Du spielst heuer nicht „Stille Nacht“ auf der Blockflöte vor?“ (Mama:) „Wer zündet jetzt den Baum an?“, darauf Papa „Der Baum hat 50 Euro gekostet, es wär mir lieber, wenn wir nur die Kerzen anzünden könnten, das käme auch brandschutzversicherungstechnisch billiger.“ (Mama:) „ Zerreiß das Papier nicht, dann kann ich es morgen wieder aufbügeln“ (man muss wissen: Meine Mutter verwendet mit Hingabe jedes Jahr dasselbe Geschenkspapier, sie macht das seit ich auf der Welt bin und hat es vorher auch schon gemacht. Das älteste Papier datiert aus dem Jahre 1968, es ist also quasi antik und wird von meiner Mutter fast wie eine Reliquie verehrt.)

Nach der ersten Strophe von Stille Nacht und einer Runde raten, wie die zweite Strophe geht, bereite ich mich mental meist auf meinen großen Weihnachtsauftritt vor. Und nein, wir sprechen nicht von einem „One-Man-Hirtenspiel“, sondern viel mehr von der dramaturgisch höchst ausgeklügelten Veranstaltung: „Elsa-Antoinette Stern freut sich über ihre Weihnachtsgeschenke und ist total überrascht“. Neben den seit einigen Jahren obligaten Energiesparlampen bescheren mir meine Eltern wie jedes Jahr ein schönes Flanell (– weil das ist warm und damit verkühl ich mir die Nieren nicht)-Nachthemd vom Palmers und einen Kugelschreiber der Marke den haben mir die Leute vom Blinden-/Tierschutz- oder sonstigem –Verein aufgeschwatzt. Jedes Jahr lege ich eine Oscarverdächtige Vorstellung hin, heuchle aufrichtige Überraschung und Freude über die Präsente, bevor ich vom Papa unterbrochen werde, der vor der Christmette dann doch noch gern ein bissl „Licht ins Dunkel-Gala“ geschaut hätte, schaltet demonstrativ den Fernseher ein und moniert gleich, dass er jetzt wegen uns die Sängerknaben verpasst hat.

Wie jedes Jahr greift meine Mutter beim ersten Spendenaufruf zum Telefon. Und eins können Sie mir glauben: Die 20 Euro, die sie jedes Jahr spendet, die sind hart verdientes Geld. Egal, welcher Promi abhebt, meine Mutter beschränkt sich nicht darauf, ihm den Spendenbetrag zu nennen und ein frohes Fest zu wünschen, nein, meine Mutter wäre nicht meine Mutter, wenn sie nicht jedes Jahr wieder fragen würde, ob nicht zufällig einer dieser netten Herren vom Bundesheer in der Nähe noch Single ist, sie hätte da nämlich eine Tochter, die noch zu haben wäre.
Mittlerweile kennen Peter Rapp, Dagmar Koller und Andreas Goldberger die Leidensgeschichte von meiner Mutter, nur bis jetzt war es leider keinem möglich mich zu vermitteln, weswegen meine Mutter jedes Jahr wieder 20 Euro „umsonst“ ausgibt.

Für mich ist das alle Jahre wieder das Stichwort mich mit einem Teller Kekse und einem Glas Milch in mein Zimmer zu verziehen, wo ich mich dann ins Vanillekipferlkoma mampfe und von einem Weihnachten träume, das irgendwie anders ist.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser ein fröhliches Weihnachtsfest!

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s