Das Ding mit dem Aufhören – oder warum mich Mantras und Kamillentee nicht vor der Versuchung schützen


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Wenn der Jahreswechsel eins mit absoluter Sicherheit mit sich bringt, dann sind es Vorsätze. Meistens haben diese etwas damit zu tun, dass man alte Laster ablegen möchte. Man sieht sich also zumeist zum Jahreswechsel damit konfrontiert, dass da irgend so ein Motivationsviecherl im eigenen Inneren sagt: „Ab morgen alles anders!“ Und flugs ist man in der Situation, in der man aufhören will, damit aufhören will, süchtig zu sein. Wonach auch immer… Zigaretten, Schokolade, Männer, was auch immer es ist, das der eigenen Gesundheit, Figur oder Psyche schadet, von dem man aber seine kleinen, zierlichen Finger nicht lassen kann… weil man sich einredet, es schmeckt, man kann nicht ohne … (insert Sucht of your choice) leben.

Ich hab ja auch schon öfter mal aufgehört… also eh mit allem: Zigaretten, Schokolade und anderen figurschädlichen Lebensmitteln, Männern… Zu Silvester war’s mal wieder so weit. Ich war es leid, abhängig zu sein von der Droge meiner Wahl (suchen Sie sich von obigen gern eine aus) und ständig daran denken zu müssen, wie ich an meine nächste Dosis kommen könnte. Das erkannte ich freilich erst, als die Droge meiner Wahl nicht mehr vorrätig im Stern’schen Haushalt war und auch nicht im Umkreis von 20 km erhältlich war und ich mir ergo diese dämliche Abhängigkeit eingestehen musste. Als das aber geschafft war, konnte ich mir so einiges erklären: die Gereiztheit, das Nervöseln, das Nicht-Wissen, was man mit sich selbst anfangen soll, die Leere, die man nicht füllen kann, dafür aber sehr gut fühlen kann… Da erkannte ich: „Elsa, du hast ein Problem.“ Jetzt hilft es in einer Situation, in der man gereizt, nervös und unausgeglichen ist, nicht unbedingt, wenn dann noch so eine problemorientierte Selbsterkenntnis daherkommt. Mir zumindest nicht, obwohl, ja, ich weiß: „Einsicht ja der erste Schritt zur Besserung ist“ – Ja, ja, eh gscheid! Es hilft nur leider nix. Von der Erkenntnis alleine wird’s nicht besser, eher schlechter. Wenn man weiß, was einem fehlt, dann denkt man sich zuerst: “Nicht dran denken!“  Und was passiert, wenn ich zu mir selber sag: „Denk nicht an… ?“ Dann denk ich automatisch dran.

Der Einfall also nicht daran zu denken, was mir fehlte, war für’n Hugo. Und ich dachte also dran, während ich an meinen Nägeln kaute, meine Frisur zerzauste, meinen Parkettboden im Auf- und Abtigern mit meinen Füßen malträtierte, wie ich nicht mehr daran denken könnte.

Und da kam ich auf eine kuriose Idee: Vielleicht würde der Entzug ja leichter, wenn sich die Sucht selber verziehen würde? (Mir hätte klar sein sollen, dass das nicht hinhaut, heißt ja nicht umsonst ENTzug und nicht VERzug) Also, wenn man der Sucht mal einen Arschtritt verpassen würde und ihr einfach mitteilen würde, dass man ab jetzt auf sie verzichten will, der Gesundheit und allem anderen zu Liebe. Und so setzte ich mich also hin und schrieb in etwa folgendes auf ein gelbes Post-it:

„Liebe Sucht, Ich bin heute draufgekommen, dass ich ohne dich nicht kann… Diese Abhängigkeit schränkt mich allerdings derart in meiner Entscheidungsfreiheit ein, dass ich es satt habe. Ich mag dich, aber ich werd jetzt dann gleich damit aufhören, nur damit du’s weißt. Deine Elsa Stern“

Zugegeben, so ganz überzeugt war ich nicht, dass das helfen würde. … Hat’s auch nicht. Ablenkung! Ablenkung fiel mir als nächstes ein… Zur Ablenkung mal alles, also wirklich alles, wegzuräumen, was einen auch nur minimalst an die Sucht erinnern könnte (Aschenbecher, Feuerzeuge, oder auch einfach nur leere Schokoladenpapierln), lenkt jetzt nicht gerade ab, muss aber trotzdem gemacht werden. Und wenn man dann noch was tut, das sinnvoll ist, dann ist man auf dem richtigen Weg. Nur war’s halt jetzt wahrscheinlich nicht konkret zielführend im Winter die Gartengarnitur abzuschleifen. Najo, zumindest hab ich mich körperlich betätigt und das gesamten bereits aufgebrachten Frostwindundwetterschutzlackzeug wieder runtergeschmirgelt… Sinnvoll geht anders, aber das hätten Sie mir in dem Moment nicht erzählen dürfen, da wären Sie dann Gefahr gelaufen, dass ich Ihnen das Schmirgelpapier einmal eine Runde um die Ohren haue.

Den Rest des Tages hab ich mich selber auch noch abgeschmirgelt, wenn Sie so wollen. Es ist nämlich so: In der Badewanne kann man selten Süchten frönen. Also hab ich viermal gebadet. Danach fühlte ich mich wie eine kleine Meerjungfrau und hab mir gleichnamigen Disneyfilm angeschaut. Disneyfilme sind zur Suchtbekämpfung super. Da kommt quasi nix böses drin vor: keine Zigaretten, kein Alkohol, keine Schokolade und die Männer schauen immer alle irgendwie ein bisserl überschminkt aus, so wie die Ken Puppen aus den frühen 90zigern.

Nachdem auch das erledigt war, war ich müde und schlief. Ich träumte von einer Zukunft, in der ich frei sein würde von der Sucht.

Am nächsten Tag wachte ich auf und fühlte mich wunderbar. Ich hatte tatsächlich bereits 17 Stunden am Stück nicht gesuchtelt. Ich war frei! Ich hatte gesiegt, über mich selber, den inneren Schweinehund, die Abhängigkeit. Pah, bitte Abhängigkeit, was ist das? Geht doch ganz leicht, ganz easy und einfach!

Ja, der Zustand hielt genau mal drei Minuten an. Man wird zu gern überheblich… also gerade dann, wenn man versucht mit etwas aufzuhören. Da kommen dann diese Stimmen im Kopf, die flüstern: „Schau so einfach, das kannst ja jederzeit… Jederzeit muss aber nicht grad jetzt sein, oder? Morgen ist auch noch ein Tag zum Aufhören.“

Auf solche Stimmchen darf man natürlich nicht hören. Leider helfen gegen sie keine herkömmlichen Ohropax, da müssen härtere Geschütze aufgefahren werden. Also her mit dem Telefon und der E. von dem Entzug erzählen. Die E. is ganz begeistert, sie hat schon längst erkannt, dass meine Obsession für mich, mein höheres mIch und auch mein Es nicht gsund ist und empfiehlt Kamillentee und ein Mantra gegen die Stimmen (Ich hätt’s wissen müssen.)

Entgegen meiner Skepsis hat das Mantra geholfen (der Tee nicht, das war mir aber eh von vorn herein klar). Den ganzen Tag lang hab ich vor mich hingemurmelt. Hätte man mich so auf offener Straße angetroffen, säße ich jetzt nicht hier, sondern mit einer schicken weißen Schnürjacke in einer gemütlich gepolsterten Zelle einer Nervenheilanstalt, aber egal.

Ich habe Tag zwei also herumgebracht… und dann war ich tatsächlich stolz auf mich! 48 Stunden! Ein Schwall von Endorphinen, eine Erleichterung… Ein Tag noch, dann wäre ich über the three days’ hump drüber… weil die ersten drei Tage (irgendwo hab ich das mal gelesen) die schwersten sind beim Aufhören. Danach hat man das Schlimmste überstanden, danach geht’s bergauf.

Der dritte Tag war jetzt blöderweise kein Feiertag mehr, sondern ein Routinetag. Da macht man das, was man immer macht. Und Süchte sind ja nicht zuletzt deswegen so gemein, weil sie sich als Gewohnheit einschleichen. Man ist also gewohnt, aufzustehen, einen Kaffee zu trinken und dazu eine Zigarette zu rauchen zum Beispiel. Man muss der Gewohnheit und damit also auch der Sucht aus dem Weg gehen. Das gelang gut und war mir allein deswegen unheimlich.

Bis zum Abend blieb ich stark! Super! Bis zum Abend… Am Abend hat die Versuchung bei mir angeklopft. Die Versuchung ist eine blöde Funsn, wenn Sie mich fragen, die kann alles kaputt machen, sogar den eisernsten Willen. Die stellt alles in Frage. Die Versuchung in Form einer Notfallration Schoki aus dem Jahre Schnee, den man mal gebunkert hat für schlechte Zeiten, eine Zigarette, die irgendwo liegt, wo sie garantiert niemand vermutet hätte oder ein Anruf von dem Mann, dem man eigentlich entsagen wollte…Und wenn der Mann Herr Q heißt, dann bedeutet das per se nichts Gutes für den Entzug.

 

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