Silvesteralbtraum – oder warum ich der Grund dafür bin, dass es keinen Weltfrieden geben wird.


Es ist Silvester und ich bin eigeladen bei Doris und Waldemar. Ihres Zeichens Freunde von mir, ich bin mir da ja nicht mehr so sicher. Eigentlich schon seit mich die Doris zur Patentante von ihrem (unehelichen) Kind, dem Eugen-Marcell ernannt hat. Das war noch vor der Zeit von Waldemar. Damals war die Doris gerade frisch vom Kindsvater, einem gewissen Edvard mit V, verlassen worden und ich hatte ihr meine Schulter und mein Ohr zum Ausweinen geliehen. Und weil die Doris glaubte, dass jemand, der so freigiebig mit seinen Körperteilen ist, sicher auch eine supergute Patentante abgibt, hat sie mir eben diesen Titel aufgebrummt. Sie hat nur leider übersehen, dass ich nur bedingt mit Kindern kann. Ja, sie sind eh lieb und so, nicht aber, wenn sie Eugen-Marcell heißen. Dann sind sie… besonders. Und das sage ich nur, weil ich denke, dass Begriffe wie verhaltensoriginell und hyperaktiv zu inflationär gebraucht werden. Der Eugen-Marcell ist nur ein Grund dafür, warum ich schon im Vorhinein wusste, dass es eine blöde Idee war die Einladung von der Doris für Silvester anzunehmen.

Allerdings hatte sich auch bis zur letzten Minute keine Alternative ergeben. Es sei denn Sie zählen eine Einladung von Herrn Q in ein romantisches Alpen-Chalet als Alternative. Tun Sie? Tun Sie’s auch dann, wenn diese Einladung zwei Tage vor Silvester per E-Mail bei Ihnen eintrudelt und mit der Zeile schließt: „Irene und ich würden uns freuen, wenn du Zeit hast.“? Da hätte ich als Alternative noch eher ein paar Grippeviren geschnupft. Ich glaube, mehr muss ich zum aktuellen Beziehungsdebakel mit meinem Nicht-Verlobten nicht mehr sagen. Soll der doch mit seiner Irene vor seinem Alpen-Chalet von einer Dachlawine verschluckt werden! Ehrlich!

Egal. Pünktlich um halb sieben stehe ich mit meinem selbstgemachten Tiramisu (die Doris hat mich gebeten eine Nachspeise mitzubringen und Tiramisu mit viel Rum ist alles, was ich kann) vor dem ökologisch einwandfreien Reihenhaus in bester Vorstadtlage von Doris und Waldemar. Beim Anblick des mit Liebe aus Salzteig gebastelten Türschilds: „Hier leben, lachen und lieben Doris, Waldemar und Eugen Marcell“ frage ich mich nochmal, warum ich mir das genau antue. Lange kann ich allerdings nicht überlegen, denn da hat das Bambuswindspiel über der Tür schon meine Ankunft mit einem meditativen „Plimplim“ angekündigt. Die Doris öffnet mir in ein wallendes Batiktuch gehüllt die Tür und bietet mir gleich ein paar selbstgefilzte Pantoffeln an „Keine Schuhe im Haus, Elsa, weißt eh, wegen der Energetik…“ Ähm, ja, weiß ich zwar nicht, aber ich schäle mich trotzdem aus meinen Stiefelchen, zwänge meine Füße in die energetisch einwandfreien Filzpantoffeln und bin im Stillen froh, dass ich nicht auch ein Batiktuch angeboten bekomme, weil mein schwarzes Paillettenkleid nicht Fengshui-tauglich ist oder was auch immer.

Während die Doris mein Tiramisu im Kühlschrank verstaut und mir ein Grander-Wasser („So belebend, Elsa, das musst probieren! Haben der Waldi und ich auch erst neulich für uns entdeckt!“) als Aperitif anbietet, bin ich ob der Ruhe und Stille im Rest vom Haus irritiert. „Der Waldi macht mit dem Eugen-Marcell gerade noch eine Klangschalenmeditation in der neuen Jurte“, zeigt die Doris in Richtung Garten, „magst vielleicht mitmachen?“  „Du danke!“ Ich habe mich zwar mental auf einen sehr alternativen Abend eingestellt, aber Klangschalen und Jurte, das ist mir zum Einstieg dann doch too much. Da nehme ich lieber ein Grander-Wasser. Ich schmecke übrigens keinen Unterschied zu normalem Wasser, aber ich werde mich hüten, das zu sagen, sind ja immerhin noch ein paar Stunden bis Mitternacht und die wollen friedlich verbracht werden.

Nach und nach trudeln die anderen Gäste ein. Es sind alles Pärchen aus Doris und Waldemars Bekanntenkreis. Circa 50% davon sind Pädagogen aus Montessori-Kinderkrippen und Waldorf-Schulen oder arbeiten bei NGOs. Die anderen 50% sind gerade mit Kind Nr. 3 oder 4 schwanger. 100% haben mir also eins voraus: Eine Begleitung für den Abend. Perfekt! Ich bin der/die/das einzige Single auf einer Silvesterparty voller veganer, laktoseintoleranter, Zero-Waste-Weltverbesserer, die mich in meinem Zalando-Kleidchen per se für den Anti-Christ halten.

Das sagt mir der Waldemar übrigens auch ohne Umwege genauso zur Begrüßung: „Elsa, du weißt schon, wie die Arbeiter bei diesen Versandhändlern ausgenutzt werden!?“ Das Tischgespräch kreist im Folgenden gefühlte zwei Stunden um Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie, die Konsumgesellschaft und die Globalisierung. Nach einer halben Stunde fühle ich mich so schuldig, dass ich die Doris gebeten habe, mir ein Batiktuch zu leihen. „Das hilft jetzt auch nichts mehr, Elsa, jetzt hast du mit deinem Konsumverhalten ja schon zum Weltuntergang beigetragen. Das kann man nicht durch einen Outfitwechsel wiedergutmachen.“, klärt mich der Waldemar oberlehrerhaft auf.

Es gibt übrigens Raclette. Das Raclette ist vegan und laktosefrei. Dass das irgendwie ein Widerspruch in sich ist, hat sich zu Doris und Waldemar noch nicht herumgesprochen. Wir grillen also in der bunten Runde Gemüse auf einer heißen Steinplatte. Der dazu gereichte Wein ist vegan und biodynamisch, zu allem Übel alkoholfrei und schmeckt auch so. Also, wenn man unter biodynamisch versteht, dass der Verzehr dieses Getränks eine gewisse Dynamik in den Verdauungsprozess bringt. Mir jedenfalls grummelt der Magen. Kann aber auch sein, dass das am laktosefreien Vegankäse liegt. Ich glaube, ich vertrage einfach nichts Laktosefreies. Ich weiß, manchmal bin ich ein Zeitgeist-Paradoxon. Ich vertrage alles, nur keine Unverträglichkeiten und bin damit bei Tisch die Einzige. Herwig und Gerlinde sind im Übrigen Frutarier. Sie haben sich ihre eigenen (freiwillig vom Baum gefallenen) Früchte mitgebracht und rümpfen selbst über Doris Bio-Gemüse und Tofu-Soja-Fleischersatz die Nase. Ich will lieber nicht darüber nachdenken, was die Tischgesellschaft zu meinem mit Liebe zubereiteten Tiramisu sagen wird, das theoretisch und auch praktisch aus allen Dingen besteht, die die versammelte Silvestergesellschaft nicht isst. Das fängt irgendwo bei Lactose und Zucker an und hört bei Gluten und Alkohol auf. Zumindest der Kakao, den ich drübergestreut habe, war Fairtrade (glaube ich), aber das wird’s auch nicht rausreißen.

Während des Essens unterhält man sich über biologisch einwandfreie Trittschalldämmung, Mietpreisbindung und das Ende des Kapitalismus. Ich habe zu all dem leider nichts zu sagen. Da fehlt mir einfach jegliche Empathie. Ein bisschen neidisch bin ich auf den Kindertisch. Dort werden gerade non-existente Grenzen ausgelotet, indem sich die Zwerge gegenseitig mit Kartoffelpürre beschmeißen. Ich möchte auf die Lebensmittelverschwendung hinweisen, beherrsche mich aber, weil ich jetzt keine Diskussion über antiautoritäre Erziehungsstile vom Zaun brechen will.

Bevor mein Tiramisu als Nachspeise kredenzt wird, wird angekündigt, dass wir Gesellschaftsspiele spielen. Was soll ich sagen, ich mag Gesellschaftsspiele. Pictionary, Activity, Tabu – ich bin Meister!

Update: Mein Team liegt bei Scharade zwanzig Punkte hinten. Und es ist meine Schuld. Aber stellen Sie mal Begriffe „Kolchose“ oder „Matriarchat“ pantomimisch dar, dann reden wir weiter!

Ich hätte ja insgeheim gehofft, dass der Verzehr meines Desserts, die Runde etwas lustiger macht. Allerdings haben sich die meisten Anwesenden dazu entschlossen, doch lieber von Herwig und Gerlindes mitgebrachten Dörrzwetschken zu naschen, als von meiner gehaltvollen Nachspeise. Nur der Eugen-Marcell hat in einem unbeobachteten Moment herzhaft mit seiner rechten Hand in mein Tiramisu gelangt und sich dann zum Verzehr unter dem Tisch versteckt. Was soll ich sagen? Die Kombination aus Zucker und Alkohol hat dem Kleinen gar nicht gutgetan. So zumindest ist meine Einschätzung der Lage, als er aufgedreht wie ein Pfitschipfeil von einem zum anderen Ende des Wohnzimmers rast, seine Kurvenlage ist dabei geprägt von leichten bis mittelschweren Gleichgewichtsstörungen. Schließlich ist er über einen der herumkullernden Sitzbälle gepurzelt und mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen eingeschlafen. Die Doris hat das friedlich schlafende Kind auf die erfolgreiche Klangschalenmeditation zurückgeführt und ich habe sie einfach mal in dem Glauben gelassen.

Kurz vor Mitternacht (das neue Jahr sollte mit meditativen Klangschalen anstatt der traditionellen Bummerin eingeläutet werden), versammeln wir uns alle in Waldemars Jurte und basteln dort Wunschlaternen, die zu Mitternacht anstelle eines ökologisch und überhaupt sonst auch bedenklichen Feuerwerks den Nachthimmel erleuchten sollen. Ich bin, was diesen Programmpunkt betrifft, gespalten. Einerseits muss ich zugeben, die Idee ist schön, andererseits habe ich so das Gefühl, dass erwartet wird, dass sich alle Anwesenden Weltfrieden wünschen. Was ich ja auch befürworte, verstehen Sie mich nicht falsch. Allerdings würde Weltfrieden bedeuten, dass ich auch mit Herrn Q, seiner Irene, Mr. Harmley und nicht zuletzt auch mir selber und meiner Vergangenheit Frieden schließen müsste.

Ich weiß ja nicht, wie sich Panikattacken normalerweise äußern, aber in dem Moment, in dem die Selbsterkenntnis daherkam, dass ich der Grund war, dass es zumindest an diesem Silvester keinen Weltfrieden geben konnte, war einer, der mich in Schweiß ausbrechen ließ, mir Schnappatmung verpasste und… ich aufwachte.

Silvester 2019/20 war nur ein Albtraum gewesen. Und eins können Sie mir glauben, ich werde dafür sorgen, dass das eigentliche Silvester anders aussieht. Auch wenn das heißt, dass ich laktosefreies Tiramisu kochen muss! Aber an mir soll’s diesmal nicht liegen, dass es keinen Weltfrieden gibt!

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Alle Jahre wieder – oder warum ich mich ins Vanillekipferlkoma mampfe


Weihnachten im Hause Stern ist seit jeher ein gewöhnungsbedürftiges Event, d.h. es gibt jedes Jahr die alten Traditionen, die auf neue unkonventionelle Weise gebrochen werden.
Beispiele gefällig? Bitteschön:

Jedes Jahr wird als Hauptgang von meiner Mutter groß ein Karpfen angekündigt. Vor der Zubereitung wird mein Vater losgeschickt, um ebenjenes Ungetüm beim Fischhändler des Vertrauens zu erwerben. Jedes Jahr kommt mein Vater nicht mit dem angeschafften Karpfen zurück, sondern mit 4 Paar Frankfurterwürsteln. Die väterliche Argumentation: preislich lag der Karpfen außerhalb seines Investitionsvolumens, Frankfurter wurden früher immer traditionell als Einlage in die Nudelsuppe gereicht („Wir ham ja nix ghabt, nix hamma ghabt nach dem Krieg“) und zu Weihnachten gehört es sich nicht, dekadent sein zu wollen. Auf diese Weise riskiert mein Vater jedes Jahr den Weihnachtsfrieden. Meine Mutter ist stinksauer und verweigert daraufhin die Zubereitung der Würstl. Mein Vater kocht die Würstl deshalb selber und lässt sie (alle Jahre wieder, er lernt es nie) aufplatzen. Ich halte mich alle Jahre wieder aus dem Disput raus und bin froh, dass die gängigen Fast-Food-Ketten und Döner-Standl auch an so hohen Feiertagen wie Weihnachten geöffnet haben. Dieses Jahr gab’s also Heilig Abend einen FishMac und, weil ich ja nicht so bin, ein paar Chicken Nuggets für den Papa. Die Mama ist wie jedes Jahr so angefressen auf den Papa, dass sie nix mehr essen mag.

Die Bescherung beschert Streitthema Nummer 2: Einer von meinen Elternteilen ist nämlich immer der Meinung, dass ausgemacht war, dass sich gegenseitig nichts mehr geschenkt wird. Derjenige andere Elternteil, der somit leer ausgeht, ist eingeschnappt, dem Weihnachtsfrieden willen wird das aber so künstlich wie’s geht überspielt. Jedes zweite Jahr, also immer, wenn meine Mutter Geschenketechnisch übergangen wird, versucht diese vom Geschenkedilemma abzulenken, indem sie in den Raum wirft, dass sie sich ja eh nur eins wirklich wünscht, nämlich einen Schwiegersohn nebst Enkelkindern, womit ich dann den schwarzen Peter aufgebrummt bekomme.

In der Regel folgt darauf dann eine Predigt meiner Mutter, in der es um meine alternden Eierstöcke geht und darum, dass sie nicht 48 Stunden in den Wehen gelegen hat, um dann mitansehen zu müssen, wie ihre wunderbaren Gene nicht weitergeben werden. Mein Vater hält sich währenddessen gedanklich die Ohren zu und ich mache mir eine mentale Notiz, dass ich nächstes Jahr dem Papa prophylaktisch Ohropax schenken werde.

Danach fallen in beliebiger Reihenfolge meist folgende Stichworte, die den Weihnachtsfrieden weiter gefährden: (Mama:) „Ich glaub, der Baum steht schief“, (Papa:) „An diesen Keksen könnte man sich Zähne ausbeißen“, (Mama:): „Was? Du spielst heuer nicht „Stille Nacht“ auf der Blockflöte vor?“ (Mama:) „Wer zündet jetzt den Baum an?“, darauf Papa „Der Baum hat 50 Euro gekostet, es wär mir lieber, wenn wir nur die Kerzen anzünden könnten, das käme auch brandschutzversicherungstechnisch billiger.“ (Mama:) „ Zerreiß das Papier nicht, dann kann ich es morgen wieder aufbügeln“ (man muss wissen: Meine Mutter verwendet mit Hingabe jedes Jahr dasselbe Geschenkspapier, sie macht das seit ich auf der Welt bin und hat es vorher auch schon gemacht. Das älteste Papier datiert aus dem Jahre 1968, es ist also quasi antik und wird von meiner Mutter fast wie eine Reliquie verehrt.)

Nach der ersten Strophe von Stille Nacht und einer Runde raten, wie die zweite Strophe geht, bereite ich mich mental meist auf meinen großen Weihnachtsauftritt vor. Und nein, wir sprechen nicht von einem „One-Man-Hirtenspiel“, sondern viel mehr von der dramaturgisch höchst ausgeklügelten Veranstaltung: „Elsa-Antoinette Stern freut sich über ihre Weihnachtsgeschenke und ist total überrascht“. Neben den seit einigen Jahren obligaten Energiesparlampen bescheren mir meine Eltern wie jedes Jahr ein schönes Flanell (– weil das ist warm und damit verkühl ich mir die Nieren nicht)-Nachthemd vom Palmers und einen Kugelschreiber der Marke den haben mir die Leute vom Blinden-/Tierschutz- oder sonstigem –Verein aufgeschwatzt. Jedes Jahr lege ich eine Oscarverdächtige Vorstellung hin, heuchle aufrichtige Überraschung und Freude über die Präsente, bevor ich vom Papa unterbrochen werde, der vor der Christmette dann doch noch gern ein bissl „Licht ins Dunkel-Gala“ geschaut hätte, schaltet demonstrativ den Fernseher ein und moniert gleich, dass er jetzt wegen uns die Sängerknaben verpasst hat.

Wie jedes Jahr greift meine Mutter beim ersten Spendenaufruf zum Telefon. Und eins können Sie mir glauben: Die 20 Euro, die sie jedes Jahr spendet, die sind hart verdientes Geld. Egal, welcher Promi abhebt, meine Mutter beschränkt sich nicht darauf, ihm den Spendenbetrag zu nennen und ein frohes Fest zu wünschen, nein, meine Mutter wäre nicht meine Mutter, wenn sie nicht jedes Jahr wieder fragen würde, ob nicht zufällig einer dieser netten Herren vom Bundesheer in der Nähe noch Single ist, sie hätte da nämlich eine Tochter, die noch zu haben wäre.
Mittlerweile kennen Peter Rapp, Dagmar Koller und Andreas Goldberger die Leidensgeschichte von meiner Mutter, nur bis jetzt war es leider keinem möglich mich zu vermitteln, weswegen meine Mutter jedes Jahr wieder 20 Euro „umsonst“ ausgibt.

Für mich ist das alle Jahre wieder das Stichwort mich mit einem Teller Kekse und einem Glas Milch in mein Zimmer zu verziehen, wo ich mich dann ins Vanillekipferlkoma mampfe und von einem Weihnachten träume, das irgendwie anders ist.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser ein fröhliches Weihnachtsfest!

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

Geburtstagsrituale – oder warum ich Colin Firth mit einem Nudelkochtopf nachmachen kann


Jedes Jahr kurz vor meinem Geburtstag (der liegt praktischerweise so nah an Weihnachten, dass das mit dem Feiern und den Geschenken immer in einem Aufwaschen geht) krieg ich Besuch. Besuch von meiner sehr guten Freundin K. Jedes Jahr um dieselbe Zeit wird’s daher immer lustig im Hause Stern, weil die K ein sehr verrücktes Henderl ist.

Jedes Jahr kurz vor Weihnachten kommt also die K. Jedes Jahr kurz vor Weihnachten machen wir zwei eine lustige Pyjamaparty. Jedes Jahr kurz vor Weihnachten muss ich daher meinen Vorrat an Prosecco, Popcorn und Gummibärli aufstocken. Jedes Jahr kurz vor Weihnachten räume ich außerdem Relikte aus längst vergangenen Zeiten aus dem Schrank, die ich immer nur jedes Jahr kurz vor Weihnachten, wenn die K kommt, brauche. Dazu gehören:

1. eine Auswahl an Mädelsabend-tauglichen DVDs. Unsere All-time-Favorites sind: Bridget Jones I und II (wegen dem jungen Colin Firth, der im zweiten Teil ein nasses Hemd trägt), Pride and Prejudice BBC Edition (wegen dem jungen Colin Firth, der zu Beginn der zweiten Halbzeit ein nasses Hemd trägt) und unser beider absoluter LIEBLINGSfilm: Love Actually (auch wegen dem jungen Colin Firth, der etwa mittig im Film ein nasses Hemd trägt)

2. Tarotkarten (man muss wissen, dass die K und ich in unserer Pubertät irgendwie beide einen Hang zum Esoterischen hatten, den ich mittlerweile mehr oder weniger erfolgreich hinter mir gelassen habe, die K ist da aber immer noch a bisserl spiritueller ang’haucht)

Wie jedes Jahr kurz vor Weihnachten, war das Hallo auch diesmal groß, als die K bei mir vor der Tür stand. Obwohl wir uns nur selten sehen, schwimmen wir trotzdem gleich wieder auf derselben Wellenlänge. Und apropos schwimmen: Nachdem die K und ich ein lukullisches Abendessen bestehend aus sämtlichen Junk-Food-Vorräten aus meiner Tiefkühltruhe zu uns genommen haben, kommen wir zu unserem alljährlichen Lieblingsprogrammpunkt: Wir schauen einem jungen Colin Firth beim Baden zu.
Und das geht so:
DVD rein – Szenenauswahl gedrückt – langsames Vorspulen – Standbild – langsam weiterlaufen lassen – Standbild- laaaaaaaaaangsam weiterlaufen lassen – Standbild – Gedenkminute zum Anschmachten und Abbusseln des Fernsehers einlegen – Zurückspulen und das Ganze von vorne.

Eine Stunde und zwei Flaschen Prosecco später muss ich den von Lippenstiftküssen total zugeknutschten Fernseher mit einem Microfasertuch putzen.
Dabei hör ich mir von der K g’scheide Tipps an, wie man ihrer Meinung nach im echten Leben einen Colin Firth findet. Die K kann zwar in der Theorie gscheid reden, aber selber gefunden hat sie ihn auch noch nicht, den Colin Firth ihrer Träume.

Theorie 1 lautet: Man muss seine Vergangenheit hinter sich lassen, um etwas Neues beginnen zu können.
Da redet sich die K leicht, sie hat ja keinen Herrn Q.

Theorie 2 lautet: Man darf als Frau nie den Fehler machen, und gleich beim ersten Date mit einem Mann ins Bett steigen, wenn man vorhat, eine ernste Beziehung einzugehen.
Diese Theorie meint die EK allerdings nur halb ernst, und erst recht, nachdem ich ihr von meinem quasi Klassentreffen mit dem Mr. Krampus vor einer Woche erzählt habe.

Theorie 3 schließlich lautet: Man muss viele Frösche küssen, bevor sich einer in einen richtigen Prinzen verwandelt.
Auch hier kann ich der EK nicht uneingeschränkt recht geben und verbessere: Man muss nur vielleicht den richtigen Frosch mehrmals küssen, bevor er sich in einen Prinzen verwandelt. Und dabei denke ich an Mr. Harmley, der sich ohne sein Wissen in meiner Fantasie plötzlich in ein grünes, quakendes Etwas verwandelt hat.

Nachdem ich also so ziemlich alle Theorien der K entkräften konnte, ist sie erst einmal schockiert von dem Beziehungswirrwarr, in dem ich mich gerade befinde und schreit, suchend um sich blickend: „Wo sind die Karten? Her mit den Karten!“

Die K meint die Tarotkarten, die vor ihr auf dem Tisch liegen. Als sie sie „gefunden“ hat, werden sie mir sofort gelegt.

„Elsa, du hast a schlechtes Karma“ diagnostiziert die K fachmännisch aus den Karten lesend.

„Super, und was mach ma da dagegen?“

Die K ist heute um keine Schnappsidee verlegen und hat sofort einen Einfall, wie man mein Karma und gleichzeitig auch meine Aura von den schlechten Einflüssen reinigen kann.
„Du hast doch da so eine Kiste!? Hast die noch?“

Oje, ich weiß, welche Kiste die K meint, aber die will ich nicht unterm Bett hervorkramen… Schon gar nicht, wenn ich nicht weiß, was die K damit anstellen will. Aber leider, die K kennt mich zu gut, wuselt sofort in mein Schlafzimmer und kommt, wenige Minuten später fündig geworden, mit meiner Ex-Kiste zurück. Der Inhalt der Kiste, alle möglichen Erinnerungen und Fotos aller meiner gesammelten Ex-Freunde, wird daraufhin völlig unzeremoniell und mit dem Kommentar: „Böse! Böse! Böse!“ auf meinen Couchtisch gekippt.
Weiters werde ich von der K aufgeklärt, dass es nach Fengshui wohl eine ganz grausige Idee war, die Kiste und damit meine Ex-Freunde unter meinem Bett zu lagern. „Da ist es kein Wunder, dass du schon so lange keinen Mann mehr im Bett hattest!“ Aso, DARAN hat’s also gelegen…ja, wenn ich das früher gewusst hätte!

„Und jetzt?“ Ich fürchte mich gerade ein bisserl vor der K, die mit Feuereifer meine Ex-Freunde chronologisch zu sortieren beginnt.

„Jetzt brauch ma einen Kupferkessel.“

„Willst du meine Ex-Freunde kochen, oder wie? Wo soll ich denn auf die Gache einen Kupferkessel herzaubern?“

Aber die K ist schon auf dem Weg in die Küche, aus der ich wenig später das Pling-plang aneinanderschlagender Kochtöpfe höre. Schließlich kommt sie mit dem Nudelkochtopf zurück. „Der tut’s auch!“

„Und jetzt?“

„Und jetzt werden wir deine Ex-Akten ein für alle mal schließen. Feuerzeug bitte!“

Oje, ich wusste bis dato nix von der pyromanischen Veranlagung der K und ich will auch wirklich nicht, dass sie diese in meinem Wohnzimmer auslebt. Bei aller Liebe, das ist mir zu gefährlich. Also verlegen wir die Verbrennungsaktion auf meine Terrasse. Und da wandert ein Foto nach dem anderen brennend in den Nudelkochtopf. Die K und ich stehen neben diesem Opferfeuer und beweihräuchern uns gegenseitig feierlich mit der Asche meiner Ex-Freunde.

Nachdem meine Ex-Freunde buchstäblich in Flammen aufgegangen sind und nur noch ein Häufchen Asche übrig ist, meint die K ganz in ihrem Element: „So, und jetzt müssen wir die Asche nur noch ins Meer schütten.“

Die K is lustig!
„Ein anderes fließendes Gewässer tut’s auch“ antwortet sie auf meine skeptisch hochgezogene Augenbraue.

Meine Augenbraue zieht sich weiter hoch. „Ja, mein Gott, ihr werdet’s doch hier irgendwo eine Latschn haben oder so was!“ die K klingt leicht frustriert angesichts meiner nicht wirklich vorhandenen Hilfsbereitschaft.

„Mein Nachbar hätt einen Goldfischteich!?“

„Herrschaft, Elsa, a bissl größer muss des schon sein!“

Hm, da hat sie recht… Ich wär auch wirklich nur ungern am Ableben der nachbarlichen Koi-Karpfen schuld gewesen, wenn die sich an der Asche verschlucken.

Mir fällt spontan nur eins ein: „Es gäbe da noch in der Nähe einen Fischweiher…“

„Ja fabelhaft! Da gemma jetzt hin“

Oje, die K ist in ihrem Enthusiasmus nur sehr schwer aufzuhalten und so stiefeln wir des nächtens zur Geisterstunde mit einem Nudelkochtopf voller Ex-Asche durch die frisch verschneite Landschaft.

Angesichts des anhaltenden Schneefalls ist es ein bisserl schwierig den Fischweiher zu finden. Noch dazu scheint er zugefroren zu sein. Ich will aber trotzdem meinen guten Willen zeigen und stapfe beherzt voran durch die Wiese zum Weiher bis…

„Ah, Scheiße!“ ein Knacks, ein Batsch, ein Blubb-blubb-blubb. Da steh ich, Elsa Stern, der gerade vor Schreck der Nudeltopf aus der Hand gefallen ist und nun munter im Karpfenweiher versinkt, mitten im Gatsch vom Weiher und langsam aber sicher sickert das Weiherwasser in meine Stieferl. Super! Des hat’s gebraucht!

Die K ist bei meinen Versuchen aus dem Schlamm zu kommen keine rechte Hilfe, weil sie sich vor lauter Lachen rücklings hat in den Schnee fallen lassen und mich unter Gelächter dazu einlädt, es ihr gleich zu tun und einen Schnee-Engel zu machen.

Oje!
Auf dem Heimweg habe ich alle Mühe die K daran zu hindern in den Vorgärten, die wir passieren, auch ihre Marke, sprich ihren Schnee-Engel, zu hinterlassen.

Am nächsten Tag hab ich die Arme leicht kränkelnd in den Zug gesetzt und mich dran erinnert, warum’s mir jedes Jahr kurz vor Weihnachten doch ganz recht ist, dass wir uns nicht sooooo oft sehen.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen