6 aus 45 – oder warum die ARGE Unterleib eine variable Konstante in Humpty-Dumptys Wahrscheinlichkeitsrechnung einen Lottosechser betreffend ist.


Unterstellen Sie mir gerne Lokalpatriotismus, aber im Sommer ist Salzburg für mich the place to be. Nicht wegen der Festspiele. Nein, die Festspiele sind ein lustiges Nebenspektakel. Zumindest einmal im Jahr bringt es Salzburg damit auf ein bisschen Glanz und Glamour, ein bisschen Sex and the City… ok, gut, zugegeben, vielleicht nicht Sex and the City, aber immerhin Petting and the City und wem auch das noch zu viel ist (und wer sich zurecht mit mir auf einen Haufen schmeißt, weil auch er oder sie findet, dass Petting das Un-Wort der 90ziger ist), der möge mir zumindest zustimmen, dass Schmusen and the City durchgeht. Ein paar B-Promis, ein paar Bonzen aus der Wirtschaft, ein paar internationale Opernstars und Schauspielgötter, ein paar Adelige und ein paar ranghohe Politiker geben sich ein Stelldichein und fertig ist die Festspielhauptstadt mit Festspielpreisen, die nicht mal vor meinem Stammwürstelstand Halt machen, weshalb ich zur Sommerzeit auch immer einen großen Bogen um den „Würstel-Franz“ mache.

Aber wenn sich die Sonne am späten Abend verabschiedet hat, wenn die Festspielgastscharen aus dem großen Festspielhaus Richtung „Blaue Gans“ zum Essen unterwegs sind, wenn der Mond aufgeht und die Stadt in ein ganz eigenes Licht taucht, dann fühle ich mich wie nirgendwo sonst auf der Welt, daheim in meiner Geburtsstadt. Und es gibt einen Platz, der mein ganz eigener Platz ist und wo ich hingehe, wenn mir die Gedanken in meinem Kopf zu laut werden, weil der Platz ganz leise ist… meistens. Zumindest in lauen Sommermondscheinnächten, wenn die asiatischen Touristengangs alle schon schlummernd in ihren Hotelbetten liegen. Dann gehe ich durch die Gassen der Stadt, über den Domplatz, Richtung Festspielhaus und dann die Stiege hinauf, vorbei am Stefan-Zweig-Zentrum und hinüber zum MdM. Und dort auf der Mauer vor dem MdM kann man in eben diesen Nächten dann zumeist ein Sternderl sitzen sehen, das die Beine baumeln lässt, seine Zehen in die Lichter der Stadt taucht und sein Herz in Sehnsucht badet, eine Zigarette raucht und manchmal einen Schluck Eierlikör aus dem mitgebrachten Flachmann picknickt.

Ein Tag vor dem geplanten Festspielbesuch mit meiner Mutter war einer dieser Abende, an dem es in meinem Hirn gewitterte, als gäbe es kein Morgen und an dem ich mich zurückziehen wollte auf meinen Platz am Mönchsberg um in die Stille der Stadt einzutauchen. An jenem Abend kam ich in der meditativen Stille, die nur durch ein paar mondäne Jazzklänge aus dem hinter mir liegenden M32 gestört wurde, zu folgendem Ergebnis: Ich sollte definitiv anfangen Lotto zu spielen. Denn bei meinem Pech in der Liebe, müsste ich regelmäßig sowas von Glück im Spiel haben, dass sich wöchentlich zumindest ein Lottosechser ausgehen müsste.

Fassen wir aber gerne noch mal zusammen, was mich denn auf die Idee bringt, dass sich die Investition in ein paar Lottoscheine durchaus bezahlt machen müsste:

Zum einen war da vor nicht allzu langer Zeit die Sache mit dem Handybesitzer, der das mit dem Versprechen von Monogamie nicht so eng gesehen und das Mono eigenständig und ohne mich darüber zu informieren durch ein Poly ersetzt und mir damit zwei Jahre meiner Lebenszeit gestohlen hatte. Da man so einen Diebstahl leider nirgends zur Anzeige bringen kann, war ich auf Selbstjustiz angewiesen, die mir ein Wiedersehen mit meinem schicksalhaft verbundenen Anwalt in Form von Herrn Q bescherte. Und bei diesem Wiedersehen hatte jener nichts Besseres zu tun, als mir einen spontanen Heiratsantrag bei Spaghetti Bolognese zu unterbreiten.

Hätte man mein Liebesleben zu dem Zeitpunkt also gerne als mathematische Gleichung dargestellt, in der die konstante Variable Q immer mal wieder auftaucht, dann hätte diese wohl so gelautet:

(Elsa – Handybesitzer) + Q = alles, was sich Mutter Stern so für ihre Pension erträumt hat (Hochzeit der Tochter nebst Enkelkindern im Multipack)

Verkompliziert wird diese Gleichung aber, wenn man zum einen berücksichtig, dass Herr Q mir wenig später in einem Nebensatz unterbreitete, dass er eine WG mit seiner Vergangenheit aka Irene zu gründen vorhatte. Wobei sich bei mir der Verdacht erhärtete, dass Irene statt einer WG eher eine ARGE, und zwar die ARGE Unterleib, vorschwebte. Und weil ich deswegen gar nicht mehr sicher war, ob ich Herrn Q überhaupt heiraten wollte und Herr Q mir seinerseits unterstellte kindisch zu sein, weil mich die ARGE mit Irene aufregte, ergibt die Rechnung: Elsa + Q im Moment nur Verunsicherung hoch 2.

Diese Verunsicherung brachte aber auch mit sich, dass sich meine Mutter auf Pilgerfahrt begab und in meiner Vergangenheit nach einem brauchbaren Ersatzgast für den diesjährigen Festspieljedermann suchte, nicht auf Anhieb fündig wurde und mir daher androhte, eine adäquate Begleitung aus ihren Instagram-Followern herauszusuchen. Ich habe es nach wie vor nicht verdaut, dass meine Mutter auf Youtube als die „Marie Kondo des Flachgaus“ gehypt wird und fast 100 mal so viele Follower auf Instragram hat wie ich. (An der Stelle: Wenn Sie heute noch eine gute Tat vollbringen wollen, dann folgen Sie mir bitte!) Fragen Sie mich jetzt bitte nicht, wie man diese und andere Erkenntnisse und Informationen in der oben aufgestellten Gleichung unterbringen könnte. – Ich habe keine Ahnung, weshalb ich an jenem Abend auf dem Mönchsberg meinen Kopf auch etwas tiefer als geplant in den Eierlikörflachmann gesteckt habe. Das war im Übrigen nicht ungefährlich, denn Eierlikör macht mich gerne schwummrig im Hirn und führt zu Schwindel und den kann man auf der Mauer vor dem MdM gar nicht gut gebrauchen, denn zu groß ist die Gefahr, dass man dann einen auf Humpty-Dumpty macht und sich arg konzentrieren muss, nicht hinunter zu plumpsen.

Noch mehr muss man sich dabei wohlgemerkt anstrengen, wenn einen in so einem Moment die eigene Vergangenheit in Form einer Nachricht auf dem Handy einholt. Es hätte mich fast von meinem Mäuerchen geprackt, als ich gesehen habe, wer mir da was zu schreiben hat.

„Schöne Vollmondnacht!“ stand da auf dem Display „Pass auf, dass du nicht von deiner Mauer fällst!“

Ich hatte die Nachricht kaum gelesen, da spürte ich eine Hand auf meiner Schulter und es war gut, dass mich der Absender der WhatsApp auf diese Weise vom Vorneüberfallen und in die Tiefe Stürzen abhielt, denn eines können Sie mir glauben: Wenn so ein Mr. Harmley nach Jahren der Funkstille auf einmal an einem Platz wieder aus der Versenkung auftaucht, der eigentlich mein ganz alleiniger Nachdenkplatz ist, dann kann man schon mal ins Strudeln kommen.

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Mutter-Martyrium – oder warum die heilige Elsa-Antoinette drei Ave Elvira gegen ihre Hashtagallergie beten geht


Es gibt ja Menschen, die sind in der Früh schon so penetrant gut gelaunt, dass sie meinen sich  unbedingt auf andere Menschen, welche sich lieber der ausgedehnten Morgenmuffeligkeit hingeben, positiv auswirken zu müssen. Meine Mutter zum Beispiel ist so eine morgendliche Frohnatur, die sich an einem Sonntag (!) um 06:45 Uhr (!!) in den Kopf gesetzt hatte, dass ich mit ihr eine Wallfahrt nach Maria Plain machen soll. Santiago de Compostella war ihr dann doch ein bisschen zu weit, um um einen Schwiegersohn zu bitten, der sie als Schwiegermutter-in-spe und mich als Ehefrau-in-spe zu den Salzburger Festspielen begleitet. Da liegt Maria Plain allein geografisch schon näher und auch überaus idyllisch auf einer wunderbaren Anhöhe, von der aus man die ganze Mozartkugelstadt in ihrer vollen sommerlichen Pracht bewundern kann.

Die schöne Aussicht freilich kann nach einem zweistündigen Spaziergang mit meiner Mutter in Nordic Walking Montur dorthin auch nicht wirklich entschädigen. Denn während „normale“ Pilgerfahrer (wobei meiner Meinung nach der Begriff „normal“ in Zusammenhang mit Pilgerfahrern ohnehin sehr weitgedehnt und strapaziert wird) sich in selbstreflektierter Schweigsamkeit üben, hat meine Mutter, mit Verlaub, die ganze Zeit über die Klappe offen. Die Predigten, die ich über mich ergehen lassen muss, gleichen einem Martyrium der anderen Art und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass ich mich nach dieser Pilgerfahrt für eine Heiligsprechung qualifiziere. Die heilige Elsa-Antoinette – zu Tode verkuppelt von ihrer Mutter, Fürsprecherin aller alleinstehenden über dreißig jährigen Frauen – ich sehe schon vor mir, wie man kleine Holzstatuen von mir anfertigt und in den Herrgottswinkeln aufstellt…

Bevor aber jetzt wieder jemand schreit: „Blasphemie“, hier nur ein kleiner Auszug aus dem Sermon, den ich auf der Pilgerfahrt ertragen musste: Zum Einen darf ich mir anhören, dass meine Mutter nicht umsonst 48 Stunden in den Wehen gelegen hat, um mich auf die Welt zu bringen, wenn jetzt ihre wunderbaren Gene nicht weitergegeben werden. Zum Anderen wird mir vorgerechnet, wie lange ich noch Zeit habe, um einen Mann zu finden, der mich heiratet, bevor meine biologische Uhr stehenbleibt. Außerdem wird dezent darauf hingewiesen, wie viel Geld die Mama über die Jahre in Gmundner Service für die Aussteuer investiert hat und dass sie schon gerne noch gesehen hätte, wie dieses bei einer Tauffeier von einem Enkelkind die Tafel ziert. Immerhin bis auf eine Mokkatasse und einen Eierbecher ist das Service mittlerweile für 18 Leute komplett.

Mutter äußert hernach absolutes Unverständnis, warum ich es bis dato noch nicht geschafft habe, unter die Haube zu kommen und hat mit dem nächsten Atemzug sogar die Tante Henriette im Verdacht, einen Fluch über mich gebracht zu haben, weil die vor ein paar Jahren in Kenia war und die Mama einmal eine Dokumentation über Vodoo-Priester in Afrika gesehen hat. Meine Mutter wird sich diesbezüglich aber eh noch an ihren Herrn Pfarrer wenden, falls die Pilgerei nichts hilft. Ab dem Zeitpunkt habe ich nichts mehr gesagt, aus zweierlei Gründen: Nr. 1 – mir fehlten schlicht die Worte und Nr. 2 – mir ist beim Aufstieg auf den Pilgerberg auch ein bissl die Puste ausgegangen.

Den Aufstieg auf den Berg, auf dem die barocke Wallfahrtsbasilika steht, hat meine Mutter außerdem noch damit gestaltet, dass sie mir alle möglichen und unmöglichen Männer aus meiner Vergangenheit wieder schön reden wollte. „Also, Elsa-Spatz, ich weiß ja von der Frau Notar, dass ihr Sohn auch noch immer Single ist.“ (Und nach wie vor schwul, liebe Mama – aber ich hab nix gesagt, sondern nur „Hmhm“ gemacht) „Der Arthur ist ja jetzt leider wieder vergeben“, kommentiert die Mutter den Beziehungsstatus des einen Cousins, mit dem sie mich tatsächlich auch einmal verkuppeln wollte. „Hast du eigentlich noch mit deinem Anwalt von damals Kontakt, diesem Herrn Winkler?“ (Ich kann nicht glauben, dass die Mutter sogar den Winkler als Jedermann-Gast in Erwägung zieht, nach allem, was sich der vor drei Jahren geleistet hat. Da muss die Verzweiflung wirklich sehr groß sein) „Und der Schauspieler? Warum hat das mit dem Schauspieler eigentlich nicht hingehauen?“, fragt die Mutter plötzlich und reißt eine gefährliche alte Wunde auf, die mir ein gewisser Mr. Harmley, seines Zeichens Schauspieler, zugefügt hat. Leider kann ich der Mama schwer erklären, dass die Sache mit Mr. Harmley und mir seinerzeit wegen eines unautorisierten Q-Kusses auf einer Housewarmingparty auseinander gegangen ist. Die Mutter interpretiert mein Schweigen so halb richtig, tätschelt mir mit einem Nordic-Walking-Stock die Schulter und meint: „Keine Sorge, Elsa-Antoinette, ich hab da schon eine Idee.“  Bitte nicht!

Bei der Basilika auf dem Berg angekommen, schwöre ich feierlich, dass ich ganz oft in die Kirche gehen werde, solange meine Mutter nur bitte einfach mal die Ideen ausgehen könnten. Mama zerrt mich allerdings ins Kirchenschiff und verfrachtet mich in eine Bank ganz vorne. Sie selber zündet ein Kerzerl an und setzt sich dann zu mir, wahrscheinlich um ein paar Ave Maria zu beten. Aber nein. Meine Mutter ist immer für Überraschungen gut und zieht anstelle eines Rosenkranzes ihr Handy aus der Tasche: „So und jetzt machen wir ein Selfie, Elsa-Spatz – mach keine Falten, schau freundlich! Das ist für meinen Instagram-Feed.“

Bitte was? Die Mama hat viermal zum Selfie ansetzen müssen, so oft musste sie mich ermahnen, ob ihres Statements keine Runzeln zu machen.

Wenn Sie jetzt auch gerne wüssten, was meine Mutter auf Instagram macht, dann darf ich sie aufklären, so wie die Mama das mit mir gemacht hat, als wir wenig später bei einem Kaffee im nahegelegenen Wallfahrergasthaus saßen: Meine Mutter, Elvira Stern, hat seit über einem halben Jahr einen Instagram Account mit mittlerweile ca. 5 000 Followern und denen präsentiert meine Mutter jetzt als Story des Tages ein Foto von mir und ihr im Kirchenschiff von Maria Plain mit der Caption: „Mutter-Tochter-Pilgerfahrt – wir sind dann mal weg.“ Die Frage, ob sie mich taggen darf, muss ich leider verneinen… Seien Sie mir nicht böse, aber ich habe umgerechnet 15 Follower auf Instagram… und ich glaube einer davon ist Herr Q, aber ich bin da auch ehrlich nicht versiert. Sagt einem ja auch keiner, dass man als Millenial seit Neuestem auch mit der eigenen Mutter in Konkurrenz darum steht, wer mehr Insta-Follower hat. Auf jeden Fall hat mir die Mama versprochen, dass sie sich jetzt mal unter ihren Followern um ein Date für mich zum Jedermann umschauen wird. Ich möchte angesichts so einer Drohung gerne weinen, aber noch mehr brennt mir die Frage unter den Nägeln, warum meine Mutter so eine große Anhängerschaft auf Instagram hat. Und als ich es dann herausgefunden habe, kann ich es nicht glauben.

„Wieso hast du das gar nicht gewusst?“, fragt mich am Abend die A. am Telefon.

„Nein! Woher auch?“, hab ich verständnislos gefragt.

„Da ist deine Mama die österreichische Version von Marie Kondo, die den Leuten auf Youtube erklärt, wie sie ihre Wohnung ausmisten und putzen und ihre Wäsche zusammenlegen müssen… und du weißt gar nichts davon? Arg!“

„Wieso weißt du was davon und sagst mir nix?“

„Sternderl, du musst echt ein bissl mehr auf Instagram! Vergiss jetzt mal deine Hashtagallergie, die dir der Harmley verpasst hat und fang noch mal neu an! Und außerdem: Seit ich meine Blusen so bügle, wie deine Mama das vormacht, sind die immer tippitoppi faltenfrei! Du solltest dir da echt mal was von ihr abschauen!“

Uiui, die A. hat keine Ahnung, wieviele Hackln sie mir mit dieser Aussage ins Kreuz haut. Und: Ich glaube auch nicht mehr an Zufall, dass mir an diesem Sonntag schon das zweite Mal jemand in meiner Harmley-Wunde herumstochert. Der hat mich vor nicht ganz drei Jahren mit dem #sleepingbeauty und #parislove gebrandmarkt und mir genau damit jegliche Lust darauf vermiest, mich je wieder im sozialen Medium Instagram blicken zu lassen. Und außerdem ist es einfach nur peinlich, wenn ich daran denke, dass meine Mutter mehr Follower hat als ich… und zwar sehr viel mehr, noch dazu hat sie einen Follower, um den ich ihr aus diversen Gründen neidisch bin… und der fängt mit H. an und hört mit armley auf und hat mit ein bisschen Glück dass Story-Foto von Mutter und mir beim Schwiegersohn-Pilgern nicht gesehen.

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Sonntags im Hause Stern – oder warum meine Mutter mich zu einer Wallfahrt mit Photosynthese zwingt


Ich würde Ihnen ja gerne Ihre Illusion lassen, die Sie vermutlich von einem typischen Sonntagmorgen im Hause Stern haben. Vermutlich denken Sie sich: Das Fräulein Stern wird irgendwann um halb neun von Sonnenstrahlen wachgekitzelt, kräuselt kurz ihr Näschen und ist dann in froher Erwartung des Tages gleich frisch und munter auf den Beinen. Sie fällt vom Bett direkt auf ihre Yogamatte und beginnt den Tag mit einer kleinen Meditation und den fünf Tibetern, hüpft dann agil und elegant wie eine Raubkatze unter die Dusche und taucht 5 Minuten später absolut strahlend und blendend aussehend in ihrer Küche auf, wo sie sich ein Frühstück bestehend aus heißem Zitronenwasser und deliziösem Avocado-Vollkorntoast an Chiapudding zaubert. Dieses wird bei strahlendem Sonnenschein auf dem Balkon eingenommen und dazu blättert Fräulein Stern im Feuilleton einer großformatigen Intellektuellenzeitung. Nach dem Frühstück schlägt sie ihr Bullet-Journal auf, malt meditative Kringel hinein und arbeitet ihre To-Do Liste ab, die da z.B. einen Museumsbesuch oder einen Stadtspaziergang beinhaltet.

Verabschieden Sie sich bitte von dieser Vorstellung, ich habe das schon vor einigen Jahren getan und seither sehen Sonntage so aus, wie Sonntage eines 32-Jährigen Singles nun mal ausschauen:  

Man wacht verkatert irgendwann um die Mittagszeit auf, zieht sich die Bettdecke über den Kopf, um die Augen vor dem gleißenden Sonnenlicht zu schützen, dreht sich noch einmal um und schlummert noch zwei, drei Stunden, bevor man sich dezent gehandicapt von leichtem Schädelgebrumme auf ins Bad macht, vor dem eigenen Spiegelbild erschrickt und befindet, dass das einzig probate Mittel gegen die schwarzen Panda-Augenringe nur eine Bearbeitung im Photoshop wäre. Man kann das mit der morgendlichen Hautroutine also auch gleich bleiben lassen. Geduscht wird trotzdem, die Gerüchte, dass heiße oder kalte Duschen am Morgen die Lebensgeister wecken hat sich nämlich hartnäckig gehalten. Desillusioniert von der Unwirksamkeit der Dusche gegen die altersbedingte Gelenksversteifung und den Halbschlaf, der noch immer das Hirn vernebelt, schlurft man in die Küche, wo das fulminante Sonntagsfrühstück meist aus einem Kaffee mit Aspirin besteht. Wenn man Glück hat, findet man irgendwo noch ein trockenes Scheiberl Toastbrot und einen Rest Nutella – mehr möchte man seinem Magen auch nicht zumuten und so lange Avocado nicht wie Nutella schmeckt, kommt mir das auch nicht auf’s Brot. Anstelle der To-Do-Liste für den Tag, versucht man lieber herauszufinden, was genau am Vorabend passiert ist, weil sich da Erinnerungslücken auftun. Den Rest des Tages verbringt man im Pyjama auf der Couch und netflixt sich durch ein bis zwei Staffeln irgendeiner Serie.

Ja, so sehen Sonntage aus. Wenn man Glück hat.

Wenn man Pech hat, beginnt ein Sonntag so wie der Sonntag nach meiner Rückkehr aus Schottland, nämlich mit Sturmgeläute an meiner Haustür um 6:45 Uhr in der Früh, also quasi mitten in der Nacht. Die Pechsträhne verlängert sich, wenn man es tatsächlich aus dem Bett schafft. Die Motivation dazu besteht freilich ausschließlich darin, dass man sich vorgenommen hat den Störenfried lange und qualvoll umzubringen. Leider ist Muttermord aber überhaupt nicht gut für’s Karmakonto. Auch nicht, wenn sich die Mutter mit den Worten: „Auf, auf, Elsa-Antoinette, die Sonne scheint!“ an einem vorbei in die Wohnung zwängt. Ich kann mich gerade noch beherrschen und davon absehen, der Mutter patzig zu entgegnen, dass mir die Sonneneinstrahlung um 6:45 Uhr wurscht ist, weil: ich bin ja keine Pflanze, die Photosynthese machen muss.

Aber ganz ehrlich, ich kenne mich nicht aus! Es war meines Wissens nach (aber da müsste ich jetzt wohl erst in meinem non-existenten Bullet-Journal nachschauen – wieso hab ich sowas eigentlich nicht?) kein Termin an diesem Sonntag mit meiner Mutter vereinbart, schon gar nicht mitten in der Nacht. Und noch mal schon gar nicht kann ich mich daran erinnern, mit meiner Mutter irgendwas geplant zu haben, das Wanderrucksäcke und Nordic-Walking-Stöcke involviert. Mit diesen Accessoires wedelt mir die Mutter nämlich gerade vor der Nase herum und mahnt mich zur Eile. Als ich höre, was die Mutter mit mir vorhat, überschlage ich noch mal schnell im Kopf, ob sich ein Muttermord nicht vielleicht doch karmisch rechnen würde: Mutters Plan für meinen Sonntag beinhaltet nämlich eine Wallfahrt nach Maria Plain, um die katholischen Heiligen gnädig zu stimmen und ihr endlich einen Schwiegersohn zu bescheren, der mit zum „Jedermann“ geht. „Ich hab gestern noch mit unserem Herrn Pfarrer gesprochen, Elsa-Antoinette. Der hat zwar gemeint, der Jakobsweg wäre da eher empfehlenswert, aber der geht sich bis nächsten Donnerstag nicht mehr aus. Also hab ich mir gedacht: Wir pilgern heute nach Maria Plain und beten dort einen Rosenkranz für dich!“

Aha. Hat sich die Mama das so gedacht? Und der Pfarrer hätte ihr eigentlich den Jakobsweg empfohlen. Hätte ich auch gemacht, wenn ich unser Pfarrer gewesen wäre, dann wäre ich die Mama nämlich mal geschätzte acht Wochen los gewesen.

„Ich geh sicher nicht wallfahrten!“ hätte ich der Mama entgegenhalte sollen, hab’s aber nicht geschafft in meinem akut verkaterten Zustand. Zudem hätte es wahrscheinlich wenig bis gar keinen Eindruck auf meine Mutter gemacht. Schlimmstenfalls hätte eine töchterliche Verweigerung der Schwiegersohn-Wallfahrt noch eine oder mehrere sehr zeitintensive Predigten aus der Reihe: „Elsa-Antoinette, eine Karte für den Jedermann kostet 175 Euro, da lass ich keine verfallen nur weil du schon wieder einen Schwiegersohn vergrausigt hast“ eingebracht. Freilich, man hätte argumentieren können, dass die Karte auf dem Schwarzmarkt möglicherweise das Doppelte eingebracht hätte, aber wie ich meine Mutter kenne, hätte sie den Gewinn sofort wieder in eine Mitgliedschaft bei so einer „seriösen“ Partnervermittlung im Internet investiert und mir dann vermutlich wieder so einen Napoleon auf den Hals gehetzt, wie das eine Mal im Wellness-Hotel. Da nehme ich lieber einen dreistündigen Morgenspaziergang nach Maria Plain in Kauf.  Dass das nur mal wieder ein Abenteuer der anderen Art werden würde, muss ich Stammlesern dieses Blogs wohl kaum erklären. Lesen Sie daher nächste Woche an dieser Stelle nach, wie sich so eine Pilgerfahrt mit meiner Mutter gestaltet und entscheiden Sie dann gerne selber, ob Sie mir bei einem etwaigen Muttermord gerne als Komplize zur Verfügung stehen möchten.

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