50 Shades of Krampus – oder warum meine Retter nie in Rüstung sondern immer maximal als Nikolaus in einem weißen Schafspelz daherkommen.


Ich habe ein Nikolaus-Trauma. Dieses Trauma stammt aus meiner Kindheit und hat in erster Linie mit den Begleitern vom Nikolaus zu tun, die da mit Ruten und Masken um den 5. Dezember herum aus ihren Höllenlöchern gekrochen kommen und kleinen Elsas, die ihr Zimmer nicht aufräumen wollten, damit gedroht hatten, sie in die Kraxe zu stecken und mitzunehmen. Pädagogisch der völlig falsche Ansatz, wenn Sie mich fragen, aber in den 80gern hat man das noch nicht so differenziert hinterfragt. Meine Eltern zumindest nicht, die waren der Meinung: Ein bisschen Androhung von Höllenfeuer durch ein bis zwölf Kramperl, die man gemeinsam mit einem Nikolaus pro Jahr so ins Wohnzimmer schneien lässt, tun dem Kind (also mir) gut. Besonders eine Szene, in der die Mama mit dem Krampus im Gang steht und ihm einen Fünfziger (damals noch Schilling) in die Hand drückt, und dafür vom Krampus eine Extrarute bekommt, habe ich sehr, sehr lange nicht aus dem Kopf bekommen!

Kein Wunder also, dass ich Krampusse meide wie der Teufel das Weihwasser. Und deswegen halte ich mich auch tunlichst von ihnen fern, verbarrikadiere mich jedes Jahr um den 5. Dezember herum in meiner Wohnung und stecke meinen Kopf in eine Flasche Eierlikör.

Eigentlich wäre das auch der Plan für das Jahr 2019 gewesen. Eigentlich. Un-eigentlich musste ich dieses Jahr meine Wohnung verlassen, um mich auf’s Land zu meinem Papa zu begeben, der (jetzt schon drei Wochen als Strohwitwer) ohne meine Mutter kurz davor war an seinen eigenen Kochkünsten zu verhungern. Eigentlich würde man denken, dass sich ein am Hungertuch nagender Vater über die Kochkünste seiner Tochter i Form von vegetarischem Linsendahl freut. Un-eigentlich hatte der Papa weder benutzbares (d.h. nicht angepatztes) Geschirr in der Küche noch augenscheinlich Gusto auf vegetarische von seiner Tochter zubereitete Kost. Überhaupt ähnelte das elterliche Wohnhaus eher einem Messi-Refugium und mein Vater ähnelte einer um Jahrzehnte gealterten sehr unvorteilhaften Version seiner selbst. Die Trennung von meiner Mama, die sich noch immer mit ihrem Alfonso auf La Gomorra… ähm La Gomera sonnt, tut ihm gar nicht gut. Und nur weil mir mein Vater in diesem Zustand wirklich leid tat und ich zugegeben auch nicht ein gesamtes Wochenende damit verbringen wollte, ihm seine Küche aufzuräumen, ließ ich mich von ihm dazu überreden, das gemeinsame Abendessen auf dem Christkindlmarkt einzunehmen. Lukullisch versprach sich mein Papa ein Festmahl bestehend aus Steckerlfisch, Leberknödel und Bauernkrapfen und ich versprach mir vorher nicht zu weit in die Glühweintasse zu fallen.

Eins hatte mir der Papa natürlich wohlweislich verschwiegen, nämlich den Auftritt einer Horde Krampusse, die mittig in meiner dritten Tasse Glühwein mit Kuhglockengeläute und Pyroeffekten auf dem Christkindlmarkt einfielen.

Ein Tipp von mir: Wenn man sich schon (freiwillig oder unfreiwillig) auf einen Kramperllauf begibt, dann tut man gut daran, dies nicht unbedingt in einer kleinen, ländlich gelegenen Gemeinde zu tun, in der man aufgewachsen ist und sich alleine deswegen in Gefahr begibt, weil es rein theoretisch sein könnte, dass sich unter den Krampusmasken bekannte Gesichter verstecken, die meinen noch die eine oder andere Rechnung mit einem offen zu haben. Und dazu zählen alle möglichen Rechnungen, angefangen von einem verpatzten Wichtelgeschenk in der Volksschule über ein falsch (nämlich bei „Nein“) gesetztes Kreuzerl auf dem Zettel „Willst du mit mir gehen?“ in der Adoleszenz. Es sind solche und andere Rechnungen, deretwegen ich mir wenig später umringt von drei ganz grausigen Gesellen fast in die Hose mache. Und jetzt noch ein Tipp von mir, weil Sie’s sind: Wenn man schon auf einem Krampuslauf mit seiner Vergangenheit in Form von drei nachtragenden Kramperln konfrontiert wird, dann zieht man besser vier Lagen Hosen an und nicht nur, so wie ich, Rock mit Strumpfhose. Man täte außerdem gut daran, mit einer Begleitung auf den Christkindlmarkt zu gehen, hinter der man sich verstecken kann und nicht mit einer, die sich gerade den vierten Steckerlfisch schmecken lässt, wenn die Ruten der Krampusse auf einen niederhageln. Man täte auch gut daran, das Ausdauertraining im Fitnessstudio nicht immer geschwänzt zu haben, weil einem das zumindest die Chance gegeben hätte, vor den rachesüchtigen Perchten davonzulaufen. All diese Konjunktive helfen einem in der akuten Not natürlich überhaupt nicht weiter. Gar nicht!

Das Einzige, das helfen könnte, wäre ein Ritter in schimmernder Rüstung, der Prinzessin Sternderl aus ihrer höchsten Not rettet und mit ihr gemeinsam auf einem stolzen weißen Schimmel das Weite sucht. Aber so einer kommt natürlich nie dann, wenn man ihn gerade braucht. Ich sehe meine Waden schon am nächsten Tag – 50 Shades of Krampus – grün und blau gestreift und kann in dem Moment den BDSM-Trend, der Leute dazu bringt, sich gegenseitig beim Sex mit Ruten, Peitschen und Gürteln zu bearbeiten, noch weniger nachvollziehen als eh sonst schon. Und noch während ich in meiner Schockstarre den grässlichen Fratzen gegenüber stehe und darauf warte, dass sie mir im besten Fall nur die Haube über die Augen ziehen und vielleicht zwei-, dreimal auf mich einschlagen, kommt tatsächlich sowas wie ein Ritter zu meiner Rettung. In meinem Fall ist es freilich keiner in schimmernder Rüstung, sondern mehr sowas in Richtung Albino-Krampus. Ein prächtiger, 2m großer Percht in weißem Fell und mit riesigen Widderhörnern auf dem Kopf, dessen Augen rot glühen und der noch furchteinflößender daherkommt als seine kleinen Kollegen in schwarz. Und ausgerechnet der kommt geradewegs auf mich zuggestapft, bleibt kurz vor mir stehen, packt mich dann und wirft mich über seine Schulter, als wäre ich ein alter Kartoffelsack, bevor er mit mir (seiner Beute) über den Christkindlmarkt vorbei an meinem noch immer in Steckerlfisch vertieften Papa stapft. Natürlich habe ich versucht mich zu wehren, aber wehren Sie sich mal gegen einen 2m-Krampus! So leicht ist das nicht! Schon gar nicht, weil alle Besucher des Christkindlmarktes anscheinend der Meinung sind, dass diese „Einlage“ geprobt ist und ich gar nicht wirklich in Gefahr bin. Ich kann also noch so viel um Hilfe schreien, mit den Beinen zappeln und mit den Fäusten auf dem Rücken von Albino-Percht herumtrommeln, das Einzige, was passiert, ist, dass ganz viele Leute Fotos von meinem nur mehr so halb vom Rock bedeckten Hintern machen.

Erst als der Percht, der mich da auf seinen Schultern herumschleppt, auf meine Fausthiebe wiederholt mit: „Sternderl, Sternderl, hör auf, des kitzelt!“ antwortet, erkenne ich die Stimme: Der Nikolaus!

Ja, wenn Sie sich jetzt wundern, warum Fräulein Stern ausgerechnet von einem Nikolaus spricht, wenn sie eigentlich einen Krampus meint, dann haben Sie Recht: Im ersten Moment klingt das sehr paradox. ABER: Der Krampus heißt wirklich Nikolaus und war mit mir vier Jahre in derselben Volksschule. Und die ganzen vier Jahre und noch länger war ich in ihn verknallt. Heimlich versteht sich. Und jetzt, da er mich hinter dem letzten Punschstandl des Christkindlmarktes absetzt und sich seine Maske vom verschwitzten Gesicht zieht, weiß ich auch wieder warum. Wenn Keanu Reeves seit seiner Rolle in Speed nicht gealtert wäre, dann würde er auch heute noch so ausschauen, wie der Nik das jetzt tut.

„Sternderl, Sternderl, du traust dir was!“, kommentiert der Nik nur tadelnd das Wiedersehen und schüttelt sich seine verschwitzten Haare aus dem Gesicht. „Wartest da auf mich? Ich muss noch ein paar Kollegen verhauen gehen, aber dann hätt ich Durst. Bist ja schwerer als du ausschaust…“

Danke! Allein für den Kommentar hätte sich der Nik eine Einladung auf ein Bier im einzigen Pub der Gemeinde eigentlich schon wieder nicht mehr verdient, aber irgendwie muss ich mich ja doch erkenntlich zeigen für meine Rettung vor den Krampuskollegen. Und so sitze ich also wenig später einem umgezogenen und geduschten Nikolaus gegenüber und versuche mein Krampustrauma aufzuarbeiten, indem wir gemeinsam in Erinnerungen an unsere „Jugend“ schwelgen. Und irgendwann, so kurz vor Mitternacht, ist mir dann auch herausgerutscht, dass ich nur seinetwegen jahrelang ein Poster von Keanu Reeves an der Wand über meinem Bett hängen hatte.

„Das hätt ich aber unglaublich gern mal gesehen“, sagt der Nik nur und ich bereue sowas von, dass ich das Poster nicht mehr dort hängen habe, als er mir tief in die Augen schaut, bevor er mich küsst.

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All I want for Christmas – oder warum Anfang Dezember Wunder gegen einen akuten November hilft


Ich bin ja so froh, dass ab heute Dezember ist! Und das hat mehrere Gründe. Der gewichtigste darunter ist allerdings, dass ich die letzten Wochen unter akutem November litt. Keine Angst, das ist (normalerweise) nicht ansteckend, aber trotzdem muss ich Sie warnen, denn ein Fräulein Stern mit akutem November ist kein schöner Anblick! Es ist also durchaus positiv, dass ich mich in so einem Zustand nur ganz ungern außer Haus wage. Viel lieber verstecke ich mich mit einem großen Glas Nutella und den Resten des Allerheiligenstriezels unter einer Decke und verbringe den Tag damit, mich durch die Angebote der „Black Friday Week“ zu scrollen.

Sie haben natürlich Recht: Unreflektierter Konsum und Impulskäufe in Kombination mit Nussnougatcreme sind selten die Lösung für die Probleme, vor denen man sich gerne unter einer dicken Decke versteckt. Sie helfen zum Beispiel nicht, wenn man gerade, so wie ich, im Begriff ist, ein Scheidungskind zu werden, dessen Mutter sich in einem Anfall von Rest-Life-Crisis mit einem Pseudo-Latino-Konrad-Lorenz namens Alfonso für zwei Wochen nach La Gomera absetzt und dessen Vater ob dieser Tatsache wie vom Donner gerührt das Elternhaus in ein Messirefugium erster Güte verwandelt, weil er Zeit seines Lebens nie gelernt hat, wie man einen Haushalt ohne zugehörige Hausfrau in Ordnung hält. Nach wie vor möchte ich die Aussicht auf eine mögliche Scheidung im Hause Stern ganz weit von mir wegschieben, allerdings muss ich mich wohl langsam mit der Tatsache anfreunden, dass ich dieses Jahr eine Weihnachtswaise sein werde. In vier Wochen ist Weihnachten, eine Versöhnung meiner Eltern bis dahin ist sehr unwahrscheinlich und ich weiß daher zum ersten Mal seit 32 Jahren nicht, was ich an diesem Fest der Feste machen soll. Möglicherweise werde ich einsam und alleine in meiner eigenen Wohnung feiern müssen und mir die Licht-ins-Dunkel-Gala mit einem Trinkspiel der Marke „Bullshit-Bingo“ versüßen müssen. Es wird keine Kekse geben (außer ich backe selber welche und auch dann bin ich nicht besonders zuversichtlich, dass es tatsächlich essbare Kekse werden). Es wird kein Gezanke über den Weihnachtskarpfen geben, den mein Vater, seit ich denken kann, immer eigenmächtig durch Frankfurterwürstel ersetzt. Es wird keinen schön geschmückten Baum geben, dessen Grad der Schieflage Anstoß zu einer weiteren elterlichen Diskussion geben wird. Niemand wird mich rügen, dass ich dieses Jahr wieder nicht „Alle Jahre wieder“ auf der Blockflöte zum Besten gebe und niemand wird versuchen mich beim alljährlichen Spendenanruf in der Licht ins Dunkel Zentrale mit einem der adretten Herren vom Bundesheer zu verkuppeln. Ich hätte nie gedacht, dass mir alle diese liebgewonnenen Weihnachtstraditionen einmal fehlen würden.

Ich hätte eher gedacht, dass ich diese Weihnachtstraditionen einmal gegen eigene Familientraditionen ersetzen könnte. Zum Beispiel damit, dass ich den Weihnachtskarpfen anbrennen lasse, dann von Herrn Q in die Arme genommen werde, der mir sagt: „Nicht so schlimm, Fräulein Stern, du hast zumindest nicht den Champagner anbrennen lassen.“, mir postwendend ein Glas reicht und mich damit auf das Eisbärenfell vor dem flackernden Kamin zieht. Und erst nach dem Eisbärenfell-Intermezzo würde die Tanne schief stehen, aber dieser Umstand würde uns beim postkiotalen Kuscheln sowas von egal sein…

Kann ich mir auch aufpinseln diese Traditionen. Herr Q hat bis jetzt keine Anstalten gemacht, mich auch nur zu fragen, was ich zu Weihnachten mache. Bei meinem Glück wird er Weihnachten in Gesellschaft von einer gewissen Irene verbringen und mit ihr statt des Karpfens gleich Sushi essen. Und das Schlimmste: Ich bin nicht mal ganz unschuldig daran. Schuldig daran, dass Herr Q vielleicht nicht ganz zu Unrecht ein bisschen verärgert ist, ist Mr. Harmley, der es zwei Wochen nach der zufälligen Begegnung auf dem Mönchsberg nicht lassen konnte und die Welt da draußen via Tweet und Insta-Post mit einem Foto von uns beiden (aufgenommen während ich in seinem Hotelbett schlief) wissen ließ, dass es eine „Re-union mit #sleepingbeauty gegeben hat. Machte natürlich Schlagzeilen das Bild, weil bis dahin nämlich keiner wusste, dass seine Beziehung zu einer Kollegin aus dem Schauspielbusiness, Geschichte war. Nicht mal die Kollegin selber. Seither werde ich in regelmäßigen Abständen von Anrufen aus den Redaktionen diverser Klatschblätter terrorisiert. Und eins kann ich Ihnen flüstern: Die sind noch penetranter und anstrengender als die Anrufe, die man aus ihren Abo-Abteilungen bekommt!

Sie sehen also: Insgesamt sind wir hier weit weg vom Status Alles in Ordnung. Und vielleicht verstehen Sie jetzt, warum ich es den November über vorgezogen habe, mich unter einer Decke zu verstecken. Aber jetzt ist ja endlich Dezember! Und das heißt auch: Es ist die Zeit der Weihnachtswunder! Und so lange mir nicht die Realität wieder eine schöne Watschn vepasst bin ich optimistisch, dass sich alle meine Probleme wie bei einem echten Weihnachtswunder in Luft auflösen werden! Alleine schon deswegen, weil ich gestern beschlossen habe, wieder ans Christkind zu glauben. Genauso wie ich das als Kind getan habe und jedes Jahr wieder brieflich mit dieser engelsgleichen Instanz in Kontakt getreten bin, einen Bestellzettel an Wünschen aufgeschrieben habe  und dann geschworen habe, dass ich alles auch wirklich verdient habe, weil ich eh brav war.

Die Aussicht auf die Erfüllung dieser Wünsche ist in diesem Zustand kindlicher Naivität  weniger daran geknüpft, ob es etwas auch real möglich ist. Man darf also an Wunder glauben. Genau wie früher, als der Glaube ans Christkind die Erfüllung der Positionen auf dem Wunschzettel nicht von den ökonomischen Verhältnissen der Eltern abhängig machte. Konnten nicht alle Wünsche erfüllt werden, dann wurde pädagogisch höchst wertvoll auf die Selbst- und Eigenverantwortlichkeit hingewiesen und zwar mit den Worten: „Dann musst du halt nächstes Jahr etwas braver sein, liebe Elsa-Antoinette“. Ich glaube, das war so der Zeitpunkt, zu dem ich anfing die Karmatheorie als Glaubensrichtung ins Auge zu fassen. Wobei schon damals die Frage dominierte: Was hab ich denn jetzt schon wieder falsch gemacht, dass ich anstatt des gewünschten Barbie Wohnmobils nur einen kratzigen Wollpullover im Norwegerstyle bekommen habe?

Aber kindliche Traumata hin oder her, ich habe mich gestern Abend mit einer heißen Rumschokolade hingesetzt und einen Brief an das Christkind verfasst. Ich glaube inspiriert hat mich dazu Mariah Careys Weihnachtsohrwurm „All I want for Christmas. Irgendwie hatte ich, geprägt durch Eltern, die sich jahrelang wehrten auch nur einen Wunsch von meiner Wunschliste zu erfüllen und stattdessen immer mit irgendwelchem ökologisch nachhaltigem Klimmbimm daherkamen, den Eindruck, beim Christkind noch was gut zu haben.

Rückblickend hätte ich meine „Forderungen“ wohl etwas subtiler zum Ausdruck bringen sollen. Der Satz: „Und wenn dieses Jahr zu Weihnachten nicht alles wieder in Ordnung ist mit meinen Eltern und dem Herrn Q und dem Mr. Harmley und überhaupt, dann kriegst du das in Form eines kratzigen Norwegerpullovers sowas von zurück“ war vielleicht etwas zu direkt. Aber diese Direktheit war vor allem dem Rum in der Schokolade und einem höheren Grad an Verzweiflung geschuldet, man muss das also schon verstehen.

Den Brief, in dem ich überdies noch argumentativ darlegte, warum eine weitere Ignoranz meine Weihnachtswünsche betreffend ein juristisches Nachspiel haben würde, habe ich dann in der Nacht, frankiert mit einem Hello Kitty Glitzerpickerl, auf mein Fensterbrett gelegt. Am nächsten Morgen war ich leicht verkatert (die Schokolade mit Rum war im Laufe des Abends angesichts des zur Neige gehenden Vorrats an Kakao immer mehr zu Rum mit Schokolade geworden) und der Brief war weg…

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Rest-Life-Crisis – oder warum mich meine Mutter auf dem Schachbrett mit einem weißen Alfonso matt setzt.


Ich kann mich ja nicht mehr genau daran erinnern, was ich erwartet habe, als meine Mutter meinte, sie würde ein Date für den traditionellen Jedermann-Besuch organisieren. Auf jeden Fall habe ich mal wieder den Fehler gemacht, sie zu unterschätzen. Das fing schon beim Outfit an, in dem sie pünktlich am Nachmittag nach dem missglückten Hamley Tête-à-Tête vor der Tür stand: Ein bisschen erinnert das Ensemble, das sie für das kulturelle Highlight des Jahres in der Familie Stern aus dem Kasten geholt hat an Ascot-Pferderennen meets Raffaello-Werbung. Weiße Marlene-Hose, weißer, breitkrempiger Sonnenhut, weißer Blazer… ich muss zweimal hinschauen… weißer Blazer, unter dem nur die Spitzen eines BHs hervorlugen. Ihr Dekolleté und ihr Gesicht sind noch dazu in sowas wie Ägyptische Erde gefallen – der Kontrast zum Weiß des Outfits ist alles andere als natürlich. Außerdem trägt meine Mutter knallroten Lippenstift und hat auch beim Augen-Make-up nicht gespart. Sind das falsche Wimpern? Meine Mutter schaut aus, als wäre sie in den Malkasten einer Drag-Queen gefallen.

„Ich hab gar nicht gewusst, dass wir heute zum Fasching gehen.“, ist das Erste, was mir bei ihrem Anblick leider etwas zu hörbar über die Lippen kommt.

„Elsa-Antoinette, könntest du mir heute bitte einen Gefallen tun und deine flapsigen Bemerkungen lassen und dich auch sonst mal ausnahmsweise nicht daneben benehmen? Das wäre mich wichtig. Und wie schaust du überhaupt aus?“

Hm, im Gegensatz zu meiner Mutter habe ich mich (dem Anlass meiner Zwangsverkuppelung mit einem Date der Marke Mama-sucht-aus) ganz in schwarz gehüllt. Schwarzes Etuikleid, schwarze Strümpfe, schwarze Schuhe, schwarze Sonnenbrille. Wenn man die Mama und mich nebeneinander betrachtet, sehen wir sicher aus wie zwei verfeindete Damen auf einem Schachbrett.

„Naja, jetzt kann man auch nichts mehr machen“, gibt sich meine Mutter geschlagen und mahnt mich zur Eile: „Der Alfonso wartet schon auf uns!“ Täuscht mich das oder breitet sich beim Namen „Alfonso“ eine rosige Röte unter den drei Schichten Ägyptischer Erde ab?

Alfonso also. Pfff. Ich hatte noch nie ein Blind-Date dessen Name mich an Pizza und Ildefonso-Schokolade gleichzeitig erinnerte. Aber andererseits war dieses Date sowieso mal was ganz anderes, nämlich mit Mutter Stern als Anstandswauwau. Wobei ich noch nicht genau weiß, ob sie wirklich laut bellen würde wenn mir Alfonso zu nahe tritt. Mit Schaudern erinnere ich mich an das Worseness Wochenende, bei dem mir meine Mutter zu stimulierenden Lektüre den 50 Shades Schinken ins Nachtkastl gelegt hat, in der Hoffnung, dass mit die Lektüre dieses literarischen Verbrechens hilft den Napoleon, den sie mir damals als potenziellen Ehemann vermitteln wollte, zu verführen. Es kann also auch sein, dass der Anstandswauwau eher dann Laut gibt, wenn für ihren Geschmack zu wenig Zwischenmenschliches passiert.

Als die Mutter und ich um die Ecke der Neuen Residenz biegen, wo sich das Festspielvölkchen schon vor der Vorführung des Jedermanns versammelt, fällt mir leider sofort ein Exemplar von Mann ins Auge, den ich für das wahrscheinliche Blind-Date halte: Ein untersetzter Mittdreißiger in Karohemd und Sacko, der verlegen von einem Fuß auf den anderen tritt und kurzsichtig (die Nerdbrille auf der Nase hilft nicht) auf seinem Handy herumdrückt. Ich bin gerade dabei mich innerlich auf eine lange Jedermann-Aufführung einzustellen, in der ich mich höflich aber trotzdem ablehnend jenem Karohemd gegenüber verhalten werde, da ertönt es von hinten eine rauchige, sonore Männerstimme: „Elvira, mi vida!“ und ich traue meinen Augen nicht.

Eine braungebrannte Mischung aus Mario Adorf und Konrad Lorenz im weißen Leinenanzug schlingt seine Arme um meine kichernde Mutter und gibt ihr einen Kuss auf die Wange. Es handelt sich bei dem Herren mit vollem weißen Haar und weißen Vollbart um Alfonso, wie mir die Mutter erklärt, deren Teint sich von ägyptischem Braun in Rostbraun umgefärbt hat.

Ich glaube, ich bin im falschen Film: Hat meine Mutter ernsthaft vor, mich mit einem 70-Jährigen Latino-Gigolo zu verkuppeln, der sich nach der Begrüßung meiner Mutter, die mir reichlich intim erscheint, meine Hand schnappt, mir einen Kuss auf den Handrücken haucht und mich mit: „Und du bist sicher die wundervolle Tochter Elsa. Du und deine Mutter könnten Schwestern sein!“ begrüßt. „Wollen wir, die Damen?“, bietet Alfonso meiner Mutter und mir jeweils einen Arm zum Einhaken an. Während meine Mutter das Angebot annimmt, verstehe ich die Welt nicht mehr.

Das Verständnis wird auch nicht besser, als wir drei Stunden später den Domplatz nach der Jedermann-Aufführung wieder verlassen.

„Was für eine Inszenierung! Absolut göttlich, diese Buhlschaft und der Moretti erst!“, ist meine Mutter ganz angetan. Ich für meinen Teil hätte ja erstens schwören können, dass meine Mutter gar nichts von der Aufführung mitbekommen hat, so sehr war sie damit beschäftig mit Alfonso zu flirten und zweitens ist jede Aufführung des Jedermanns jedes Jahr für mich gleich langweilig und zäh. Wenn Sie mich fragen: Hofmannsthal – völlig überbewertet! Aber ich habe gelernt mich zu hüten und sowas laut vor meiner Mutter zu sagen, die jedes Jahr ein halbes Vermögen für Karten zu diesem Event ausgibt.

„Wie wäre es noch mit einem schönen Glas Wein?“, gibt Alfonso den charmanten Bonvivant.

Die Antworten von meiner Mutter und mir kommen wie gleichzeitig aus der Pistole geschossen, leider hätten sie unterschiedlicher nicht ausfallen könne. Während die Mutter mit einem euphorischen „Ja, gerne, was für eine schöne Idee!“ zustimmt, bringe ich ein nicht minder energisches: „Nein, danke!“ hervor. Es wird jetzt definitiv Zeit für ein Mutter-Tochter-Gespräch unter vier Augen, also ziehe ich die Mama unter dem Vorwand, das kurz mit ihr zu besprechen, auf die Seite.

„Was genau ist das hier, Mama?“

„Also, Elsa, das ist der Domplatz… das weißt du doch“, gibt sich meine Mutter unschuldig.

„Nein, ich meine diesen Alfonso! Du kannst mich doch nicht ernsthaft mit einem Date verkuppeln wollen, das doppelt oder vielleicht sogar dreimal so alt ist wie ich!“

„Also, Elsa, wirklich! Der Alfonso ist erst 72 und natürlich will ich dich nicht mit ihm verkuppeln! Obwohl ich ihn auf der Suche nach einer Verabredung für dich kennengelernt habe. Aber, was soll ich sagen? Manchmal kommt es eben anders als geplant.“ Und mit diesen Worten winkt die Mama dem Alfonso zuckersüß über meine Schulter hinweg zu.

„Sag einmal, weiß der Papa von deinen „Verabredungen“?“

„Also, Elsa-Antoinette, das ist jetzt ein Thema, das ich weiß Gott lieber in aller Ruhe mit dir besprochen hätte, aber wenn du’s unbedingt wissen willst: Dein Papa und ich… ich fürchte, wir haben uns auseinander gelebt.“

Ja, richtig, meine Eltern haben anscheinend eine handfeste Ehekrise, die von meiner Mutter damit begründet wird, dass mein Vater sie einfach nicht mehr stimuliert – auf welche Art auch immer, so genau wollte ich’s gar nicht wissen. Auf jeden Fall lässt sie sich jetzt lieber von einem Alfonso Wein einschenken und sich von dem Kribbeln, das das er bei ihr hervorruft stimulieren. Auch da wollte ich dann nicht mehr genauer nachfragen! Ich hoffe, dass das alles nur ein Anfall von akuter Rest-Life-Crisis bei ihr ist.

Das einzig Positive an der Sache ist, dass mich die Mutter in ihrem eigenen hormonellen Ausnahmezustand, wenigstens nicht mehr verkuppeln will. Oder doch?

„Elsa-Antoinette, ich weiß wirklich nicht, was du hast! Gönn mir doch auch mal was! Ich will auch noch ein bisschen leben! Und du hast doch jetzt sowieso eine schöne Liaison mit dem Herrn Schauspieler!“

Ich wollte ja eigentlich gar nicht nachfragen, für meinen Geschmack habe ich an diesem Tag schon wieder viel zu viel erfahren, das ich gar nicht wissen wollte, aber anscheinend war das Zusammentreffen mit Mr. Harmley doch nicht so ganz zufällig, wie ich mir gerne eingeredet hätte. Ich habe zwar keine Ahnung, wie sie es gemacht hat, aber meine Mutter hatte da definitiv ihre Finger im Spiel, wie sonst hätte sie von mir und Mr. Harmley wissen können?

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