Mutter-Martyrium – oder warum die heilige Elsa-Antoinette drei Ave Elvira gegen ihre Hashtagallergie beten geht


Es gibt ja Menschen, die sind in der Früh schon so penetrant gut gelaunt, dass sie meinen sich  unbedingt auf andere Menschen, welche sich lieber der ausgedehnten Morgenmuffeligkeit hingeben, positiv auswirken zu müssen. Meine Mutter zum Beispiel ist so eine morgendliche Frohnatur, die sich an einem Sonntag (!) um 06:45 Uhr (!!) in den Kopf gesetzt hatte, dass ich mit ihr eine Wallfahrt nach Maria Plain machen soll. Santiago de Compostella war ihr dann doch ein bisschen zu weit, um um einen Schwiegersohn zu bitten, der sie als Schwiegermutter-in-spe und mich als Ehefrau-in-spe zu den Salzburger Festspielen begleitet. Da liegt Maria Plain allein geografisch schon näher und auch überaus idyllisch auf einer wunderbaren Anhöhe, von der aus man die ganze Mozartkugelstadt in ihrer vollen sommerlichen Pracht bewundern kann.

Die schöne Aussicht freilich kann nach einem zweistündigen Spaziergang mit meiner Mutter in Nordic Walking Montur dorthin auch nicht wirklich entschädigen. Denn während „normale“ Pilgerfahrer (wobei meiner Meinung nach der Begriff „normal“ in Zusammenhang mit Pilgerfahrern ohnehin sehr weitgedehnt und strapaziert wird) sich in selbstreflektierter Schweigsamkeit üben, hat meine Mutter, mit Verlaub, die ganze Zeit über die Klappe offen. Die Predigten, die ich über mich ergehen lassen muss, gleichen einem Martyrium der anderen Art und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass ich mich nach dieser Pilgerfahrt für eine Heiligsprechung qualifiziere. Die heilige Elsa-Antoinette – zu Tode verkuppelt von ihrer Mutter, Fürsprecherin aller alleinstehenden über dreißig jährigen Frauen – ich sehe schon vor mir, wie man kleine Holzstatuen von mir anfertigt und in den Herrgottswinkeln aufstellt…

Bevor aber jetzt wieder jemand schreit: „Blasphemie“, hier nur ein kleiner Auszug aus dem Sermon, den ich auf der Pilgerfahrt ertragen musste: Zum Einen darf ich mir anhören, dass meine Mutter nicht umsonst 48 Stunden in den Wehen gelegen hat, um mich auf die Welt zu bringen, wenn jetzt ihre wunderbaren Gene nicht weitergegeben werden. Zum Anderen wird mir vorgerechnet, wie lange ich noch Zeit habe, um einen Mann zu finden, der mich heiratet, bevor meine biologische Uhr stehenbleibt. Außerdem wird dezent darauf hingewiesen, wie viel Geld die Mama über die Jahre in Gmundner Service für die Aussteuer investiert hat und dass sie schon gerne noch gesehen hätte, wie dieses bei einer Tauffeier von einem Enkelkind die Tafel ziert. Immerhin bis auf eine Mokkatasse und einen Eierbecher ist das Service mittlerweile für 18 Leute komplett.

Mutter äußert hernach absolutes Unverständnis, warum ich es bis dato noch nicht geschafft habe, unter die Haube zu kommen und hat mit dem nächsten Atemzug sogar die Tante Henriette im Verdacht, einen Fluch über mich gebracht zu haben, weil die vor ein paar Jahren in Kenia war und die Mama einmal eine Dokumentation über Vodoo-Priester in Afrika gesehen hat. Meine Mutter wird sich diesbezüglich aber eh noch an ihren Herrn Pfarrer wenden, falls die Pilgerei nichts hilft. Ab dem Zeitpunkt habe ich nichts mehr gesagt, aus zweierlei Gründen: Nr. 1 – mir fehlten schlicht die Worte und Nr. 2 – mir ist beim Aufstieg auf den Pilgerberg auch ein bissl die Puste ausgegangen.

Den Aufstieg auf den Berg, auf dem die barocke Wallfahrtsbasilika steht, hat meine Mutter außerdem noch damit gestaltet, dass sie mir alle möglichen und unmöglichen Männer aus meiner Vergangenheit wieder schön reden wollte. „Also, Elsa-Spatz, ich weiß ja von der Frau Notar, dass ihr Sohn auch noch immer Single ist.“ (Und nach wie vor schwul, liebe Mama – aber ich hab nix gesagt, sondern nur „Hmhm“ gemacht) „Der Arthur ist ja jetzt leider wieder vergeben“, kommentiert die Mutter den Beziehungsstatus des einen Cousins, mit dem sie mich tatsächlich auch einmal verkuppeln wollte. „Hast du eigentlich noch mit deinem Anwalt von damals Kontakt, diesem Herrn Winkler?“ (Ich kann nicht glauben, dass die Mutter sogar den Winkler als Jedermann-Gast in Erwägung zieht, nach allem, was sich der vor drei Jahren geleistet hat. Da muss die Verzweiflung wirklich sehr groß sein) „Und der Schauspieler? Warum hat das mit dem Schauspieler eigentlich nicht hingehauen?“, fragt die Mutter plötzlich und reißt eine gefährliche alte Wunde auf, die mir ein gewisser Mr. Harmley, seines Zeichens Schauspieler, zugefügt hat. Leider kann ich der Mama schwer erklären, dass die Sache mit Mr. Harmley und mir seinerzeit wegen eines unautorisierten Q-Kusses auf einer Housewarmingparty auseinander gegangen ist. Die Mutter interpretiert mein Schweigen so halb richtig, tätschelt mir mit einem Nordic-Walking-Stock die Schulter und meint: „Keine Sorge, Elsa-Antoinette, ich hab da schon eine Idee.“  Bitte nicht!

Bei der Basilika auf dem Berg angekommen, schwöre ich feierlich, dass ich ganz oft in die Kirche gehen werde, solange meine Mutter nur bitte einfach mal die Ideen ausgehen könnten. Mama zerrt mich allerdings ins Kirchenschiff und verfrachtet mich in eine Bank ganz vorne. Sie selber zündet ein Kerzerl an und setzt sich dann zu mir, wahrscheinlich um ein paar Ave Maria zu beten. Aber nein. Meine Mutter ist immer für Überraschungen gut und zieht anstelle eines Rosenkranzes ihr Handy aus der Tasche: „So und jetzt machen wir ein Selfie, Elsa-Spatz – mach keine Falten, schau freundlich! Das ist für meinen Instagram-Feed.“

Bitte was? Die Mama hat viermal zum Selfie ansetzen müssen, so oft musste sie mich ermahnen, ob ihres Statements keine Runzeln zu machen.

Wenn Sie jetzt auch gerne wüssten, was meine Mutter auf Instagram macht, dann darf ich sie aufklären, so wie die Mama das mit mir gemacht hat, als wir wenig später bei einem Kaffee im nahegelegenen Wallfahrergasthaus saßen: Meine Mutter, Elvira Stern, hat seit über einem halben Jahr einen Instagram Account mit mittlerweile ca. 5 000 Followern und denen präsentiert meine Mutter jetzt als Story des Tages ein Foto von mir und ihr im Kirchenschiff von Maria Plain mit der Caption: „Mutter-Tochter-Pilgerfahrt – wir sind dann mal weg.“ Die Frage, ob sie mich taggen darf, muss ich leider verneinen… Seien Sie mir nicht böse, aber ich habe umgerechnet 15 Follower auf Instagram… und ich glaube einer davon ist Herr Q, aber ich bin da auch ehrlich nicht versiert. Sagt einem ja auch keiner, dass man als Millenial seit Neuestem auch mit der eigenen Mutter in Konkurrenz darum steht, wer mehr Insta-Follower hat. Auf jeden Fall hat mir die Mama versprochen, dass sie sich jetzt mal unter ihren Followern um ein Date für mich zum Jedermann umschauen wird. Ich möchte angesichts so einer Drohung gerne weinen, aber noch mehr brennt mir die Frage unter den Nägeln, warum meine Mutter so eine große Anhängerschaft auf Instagram hat. Und als ich es dann herausgefunden habe, kann ich es nicht glauben.

„Wieso hast du das gar nicht gewusst?“, fragt mich am Abend die A. am Telefon.

„Nein! Woher auch?“, hab ich verständnislos gefragt.

„Da ist deine Mama die österreichische Version von Marie Kondo, die den Leuten auf Youtube erklärt, wie sie ihre Wohnung ausmisten und putzen und ihre Wäsche zusammenlegen müssen… und du weißt gar nichts davon? Arg!“

„Wieso weißt du was davon und sagst mir nix?“

„Sternderl, du musst echt ein bissl mehr auf Instagram! Vergiss jetzt mal deine Hashtagallergie, die dir der Harmley verpasst hat und fang noch mal neu an! Und außerdem: Seit ich meine Blusen so bügle, wie deine Mama das vormacht, sind die immer tippitoppi faltenfrei! Du solltest dir da echt mal was von ihr abschauen!“

Uiui, die A. hat keine Ahnung, wieviele Hackln sie mir mit dieser Aussage ins Kreuz haut. Und: Ich glaube auch nicht mehr an Zufall, dass mir an diesem Sonntag schon das zweite Mal jemand in meiner Harmley-Wunde herumstochert. Der hat mich vor nicht ganz drei Jahren mit dem #sleepingbeauty und #parislove gebrandmarkt und mir genau damit jegliche Lust darauf vermiest, mich je wieder im sozialen Medium Instagram blicken zu lassen. Und außerdem ist es einfach nur peinlich, wenn ich daran denke, dass meine Mutter mehr Follower hat als ich… und zwar sehr viel mehr, noch dazu hat sie einen Follower, um den ich ihr aus diversen Gründen neidisch bin… und der fängt mit H. an und hört mit armley auf und hat mit ein bisschen Glück dass Story-Foto von Mutter und mir beim Schwiegersohn-Pilgern nicht gesehen.

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Sonntags im Hause Stern – oder warum meine Mutter mich zu einer Wallfahrt mit Photosynthese zwingt


Ich würde Ihnen ja gerne Ihre Illusion lassen, die Sie vermutlich von einem typischen Sonntagmorgen im Hause Stern haben. Vermutlich denken Sie sich: Das Fräulein Stern wird irgendwann um halb neun von Sonnenstrahlen wachgekitzelt, kräuselt kurz ihr Näschen und ist dann in froher Erwartung des Tages gleich frisch und munter auf den Beinen. Sie fällt vom Bett direkt auf ihre Yogamatte und beginnt den Tag mit einer kleinen Meditation und den fünf Tibetern, hüpft dann agil und elegant wie eine Raubkatze unter die Dusche und taucht 5 Minuten später absolut strahlend und blendend aussehend in ihrer Küche auf, wo sie sich ein Frühstück bestehend aus heißem Zitronenwasser und deliziösem Avocado-Vollkorntoast an Chiapudding zaubert. Dieses wird bei strahlendem Sonnenschein auf dem Balkon eingenommen und dazu blättert Fräulein Stern im Feuilleton einer großformatigen Intellektuellenzeitung. Nach dem Frühstück schlägt sie ihr Bullet-Journal auf, malt meditative Kringel hinein und arbeitet ihre To-Do Liste ab, die da z.B. einen Museumsbesuch oder einen Stadtspaziergang beinhaltet.

Verabschieden Sie sich bitte von dieser Vorstellung, ich habe das schon vor einigen Jahren getan und seither sehen Sonntage so aus, wie Sonntage eines 32-Jährigen Singles nun mal ausschauen:  

Man wacht verkatert irgendwann um die Mittagszeit auf, zieht sich die Bettdecke über den Kopf, um die Augen vor dem gleißenden Sonnenlicht zu schützen, dreht sich noch einmal um und schlummert noch zwei, drei Stunden, bevor man sich dezent gehandicapt von leichtem Schädelgebrumme auf ins Bad macht, vor dem eigenen Spiegelbild erschrickt und befindet, dass das einzig probate Mittel gegen die schwarzen Panda-Augenringe nur eine Bearbeitung im Photoshop wäre. Man kann das mit der morgendlichen Hautroutine also auch gleich bleiben lassen. Geduscht wird trotzdem, die Gerüchte, dass heiße oder kalte Duschen am Morgen die Lebensgeister wecken hat sich nämlich hartnäckig gehalten. Desillusioniert von der Unwirksamkeit der Dusche gegen die altersbedingte Gelenksversteifung und den Halbschlaf, der noch immer das Hirn vernebelt, schlurft man in die Küche, wo das fulminante Sonntagsfrühstück meist aus einem Kaffee mit Aspirin besteht. Wenn man Glück hat, findet man irgendwo noch ein trockenes Scheiberl Toastbrot und einen Rest Nutella – mehr möchte man seinem Magen auch nicht zumuten und so lange Avocado nicht wie Nutella schmeckt, kommt mir das auch nicht auf’s Brot. Anstelle der To-Do-Liste für den Tag, versucht man lieber herauszufinden, was genau am Vorabend passiert ist, weil sich da Erinnerungslücken auftun. Den Rest des Tages verbringt man im Pyjama auf der Couch und netflixt sich durch ein bis zwei Staffeln irgendeiner Serie.

Ja, so sehen Sonntage aus. Wenn man Glück hat.

Wenn man Pech hat, beginnt ein Sonntag so wie der Sonntag nach meiner Rückkehr aus Schottland, nämlich mit Sturmgeläute an meiner Haustür um 6:45 Uhr in der Früh, also quasi mitten in der Nacht. Die Pechsträhne verlängert sich, wenn man es tatsächlich aus dem Bett schafft. Die Motivation dazu besteht freilich ausschließlich darin, dass man sich vorgenommen hat den Störenfried lange und qualvoll umzubringen. Leider ist Muttermord aber überhaupt nicht gut für’s Karmakonto. Auch nicht, wenn sich die Mutter mit den Worten: „Auf, auf, Elsa-Antoinette, die Sonne scheint!“ an einem vorbei in die Wohnung zwängt. Ich kann mich gerade noch beherrschen und davon absehen, der Mutter patzig zu entgegnen, dass mir die Sonneneinstrahlung um 6:45 Uhr wurscht ist, weil: ich bin ja keine Pflanze, die Photosynthese machen muss.

Aber ganz ehrlich, ich kenne mich nicht aus! Es war meines Wissens nach (aber da müsste ich jetzt wohl erst in meinem non-existenten Bullet-Journal nachschauen – wieso hab ich sowas eigentlich nicht?) kein Termin an diesem Sonntag mit meiner Mutter vereinbart, schon gar nicht mitten in der Nacht. Und noch mal schon gar nicht kann ich mich daran erinnern, mit meiner Mutter irgendwas geplant zu haben, das Wanderrucksäcke und Nordic-Walking-Stöcke involviert. Mit diesen Accessoires wedelt mir die Mutter nämlich gerade vor der Nase herum und mahnt mich zur Eile. Als ich höre, was die Mutter mit mir vorhat, überschlage ich noch mal schnell im Kopf, ob sich ein Muttermord nicht vielleicht doch karmisch rechnen würde: Mutters Plan für meinen Sonntag beinhaltet nämlich eine Wallfahrt nach Maria Plain, um die katholischen Heiligen gnädig zu stimmen und ihr endlich einen Schwiegersohn zu bescheren, der mit zum „Jedermann“ geht. „Ich hab gestern noch mit unserem Herrn Pfarrer gesprochen, Elsa-Antoinette. Der hat zwar gemeint, der Jakobsweg wäre da eher empfehlenswert, aber der geht sich bis nächsten Donnerstag nicht mehr aus. Also hab ich mir gedacht: Wir pilgern heute nach Maria Plain und beten dort einen Rosenkranz für dich!“

Aha. Hat sich die Mama das so gedacht? Und der Pfarrer hätte ihr eigentlich den Jakobsweg empfohlen. Hätte ich auch gemacht, wenn ich unser Pfarrer gewesen wäre, dann wäre ich die Mama nämlich mal geschätzte acht Wochen los gewesen.

„Ich geh sicher nicht wallfahrten!“ hätte ich der Mama entgegenhalte sollen, hab’s aber nicht geschafft in meinem akut verkaterten Zustand. Zudem hätte es wahrscheinlich wenig bis gar keinen Eindruck auf meine Mutter gemacht. Schlimmstenfalls hätte eine töchterliche Verweigerung der Schwiegersohn-Wallfahrt noch eine oder mehrere sehr zeitintensive Predigten aus der Reihe: „Elsa-Antoinette, eine Karte für den Jedermann kostet 175 Euro, da lass ich keine verfallen nur weil du schon wieder einen Schwiegersohn vergrausigt hast“ eingebracht. Freilich, man hätte argumentieren können, dass die Karte auf dem Schwarzmarkt möglicherweise das Doppelte eingebracht hätte, aber wie ich meine Mutter kenne, hätte sie den Gewinn sofort wieder in eine Mitgliedschaft bei so einer „seriösen“ Partnervermittlung im Internet investiert und mir dann vermutlich wieder so einen Napoleon auf den Hals gehetzt, wie das eine Mal im Wellness-Hotel. Da nehme ich lieber einen dreistündigen Morgenspaziergang nach Maria Plain in Kauf.  Dass das nur mal wieder ein Abenteuer der anderen Art werden würde, muss ich Stammlesern dieses Blogs wohl kaum erklären. Lesen Sie daher nächste Woche an dieser Stelle nach, wie sich so eine Pilgerfahrt mit meiner Mutter gestaltet und entscheiden Sie dann gerne selber, ob Sie mir bei einem etwaigen Muttermord gerne als Komplize zur Verfügung stehen möchten.

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Dezentes Empfangskomitee – oder warum Trennungsbeichten ganz schlecht zu Latte Machiavelli passen


Zurück aus Schottland erwartete mich Salzburg von seiner charmanten Seite – nämlich mit dem ortstypischen Schnürlregen und meiner Mutter als Empfangskomitee am Flughafen. Und wenn Sie jetzt sagen: Ist doch nett, so ein Chaffeurdienst, gerade wenn’s regnet und man von einer (psychisch) anstrengenden Schottlandreise zurückkommt, dann möchte ich noch mal DEZENT darauf hinweisen, dass meine MUTTER mich abgeholt hat. Und dezent ist damit gar nichts. Nicht das selbst gestaltete Schild „Herzlich Willkommen daheim, Elsa-Antoinette“ in einer Dimension, die bei mir die Frage aufwirft, wie die Mutter das in den Kofferraum von dem elterlichen Auto gebracht hat und auch nicht der Familienanhang, den sie zum Flughafen mitgenommen hat, der da meinen Vater und meine Tante Henriette beinhaltet. Outfitmäßig haben es sich die beiden Damen nicht nehmen lassen, sich angesichts des Ausflugs in die Stadt gegenseitig zu übertrumpfen. Tante Henriette hat ein flamingo-farbenes Kostüm bestehend aus Bleistiftrock und Blazer an, meine Mutter schaut in ihrem grell-orangen Hosenanzug mit Schulterpolstern ein bisschen so wie eine Grapefruit auf Steroiden aus. Mein Vater hat sich in fünf Meter Abstand von der übrigen Familie hingestellt, um nicht mit den zwei „Hühnern“ in Verbindung gebracht zu werden. Wenn man als Frau Anfang dreißig von so einer Familie am Salzburger Flughafen in Empfang genommen wird, dann wünscht man sich ad hoc, dass der Zauberstab, den man sich im Harry Potter Fanshop in Edinburgh noch vor Abflug gekauft hat, wirklich funktionieren würde und einen weg-apparieren könnte.

Kaum bin ich aus der elektronischen Schiebetür getreten, fängt das Gegacker auch schon an: Auf der einen Seite ist meine Mutter, die alles über die Reise wissen will, im Detail und überhaupt warum ich denn ganz alleine und ohne den Handybesitzer wieder ankomme (ich hatte „vergessen“ ihr zu sagen, dass der Handybesitzer gar nicht mit war). Auf der anderen Seite Tante Henriette, deren einziges Gesprächsthema wie immer ihre perfekte Tochter und deren perfekte Familie ist: „Und die Zwillinge, Elsalein, die zwei kleinen Zwutschkis, schau!“ und damit hält sie mir ihr Handy mit allen möglichen Fotos ihrer zwei Enkel unter die Nase. Ich finde es an dieser Stelle noch immer unpackbar, dass meine Cousine Helene ihre zwei Babys Hadrian-Hakon  und Hagen-Henrik taufen lassen durfte. Ich will nicht wissen, wie hoch die Bestechungssumme für den Standesbeamten war, der beide Augen wegen Kindesmisshandlung durch Namensgebung zudrücken musste. Aber möglicherweise kennen die unsere Familie dort auch schon und es gibt „Mengenrabatt“.

Meine Mutter ist naturgegeben seit der Geburt der zwei Kleinen noch mehr darauf erpicht, ihrer Schwester, die bei der Erziehung ihrer verheirateten Tochter alles richtig gemacht hat, eins auszuwischen. Leider mache ich ihr da seit Jahren einen Strich durch die Rechnung, weil ich mich als unverheiratbar und unbefruchtbar herausstelle. Die Tante Henriette ihrerseits genießt es richtig, den Umstand meiner Umstandslosigkeit meiner Mutter bei jeder sich bietenden Gelegenheit unter die Nase zu reiben. In meiner Funktion als Zentrum des geschwisterlichen Hickhacks habe ich da schon einiges aushalten müssen, aber die Flughafenszene bei Ankunft in Salzburg war mal wieder ein besonderes Highlight.

Meinem Papa stecke ich auf dem Weg zum Auto heimlich den mitgebrachten Whiskey zu und bereue  sofort, dass ich ihn nicht gebeten habe, mir aber auch einen Schluck aufzusparen. Denn ich muss auf der Fahrt zwischen den zwei Konkurrenzgeiern auf der Rückbank sitzen, weil die Lagerung des mitgebrachten Schildes und meines Koffers das Fassungsvermögen des Kofferraums sprengt und mein Koffer jetzt den Beifahrersitz in Anspruch nimmt. Über meinen Kopf hinweg zanken sich nun meine Mutter und Tante Henriette darüber, wer die bessere Tochter hat. Meine Mutter tut das in völliger Ignoranz meiner Anwesenheit. „Naja, die Elsa hat dafür einen Doktortitel. Macht eben Karriere mein Mädel!“

 „Als was denn, bitte?“, fragt die Tante Henriette nicht ganz zu Unrecht. „Nur weil sie auf der Uni Linguini ist?“

„Sie ist LINGUISTIN, Henriette, LINGUISTIN! Linguini sind italienische Nudeln!“ hat meine Mutter enerviert ausgerufen.

„Das wüsste ich aber“, hat die Tante Henriette bockig gemeint und mal wieder nicht eingesehen, dass sie da zwei Fremdwörter vertauscht hat. Das ist so eine Angewohnheit von ihr. Von der Wahrheit ist die Tante Henriette zwar nicht allzu weit entfernt, allerdings koch ich seltener Nudeln als Kaffee für meinen Chef. Es heißt zwar immer „Genderforschung“ bei uns, aber von der Emanzipation der Herren Akademiker in der Teeküche keine Spur. Ich sage das natürlich nicht laut, ich hab gelernt mich zu hüten.

Als der Papa auf den Weg zu meiner Wohnung abbiegen will und ich mich schon freue, dass ich dieses Auto bald verlassen und mich in meinen eigenen vier Wänden auf die Couch schmeißen kann, um diese Reise zu verdauen, durchkreuzt meine Mutter meine schönen Pläne, indem sie den Papa anweist uns alle ins Sacher zu fahren, damit wir dort gepflegt Kaffee trinken gehen können.

Im Sacher selber ist Fremdschämen der Stufe 5 angesagt. Meine Mutter bestellt sich einen EXpresso und Tante Henriette einen Latte Machiavelli. Ich kann nicht anders und muss eine Anna Sacher bestellen (das ist ein Kaffee mit Eierlikör), der Papa genehmigt sich einen Fiaker und ist froh, dass die Mama bist jetzt noch nicht herausgefunden hat, dass der mit Kirschwasser gestreckt ist.

Glauben Sie mir, man braucht Alkohol, sonst übersteht man so einen Nachmittag im Kaffeehaus mit meiner Mutter und meiner Tante nicht. Vor allem, weil die Tante Henriette wieder ihr Handy herausholt und alle am Tisch Anwesenden mit den Babyfotos von Hagen-Henrik und Hadrian-Hakon beglückt. Hadrian-Hakon und Hagen-Henrik mit Schnuller, Hagen-Henrik und Hadrian-Hakon ohne Schnuller, Hagen-Henrik und Hadrian-Hakon beim Schlafen, Hadrian-Hakon und Hagen-Henrik in der Babyhängematte… Auch meine Mutter kann bald nicht mehr und wechselt das Thema. Leider macht sie das denkbar unglücklich.

„Ist ja Recht, Henriette, aber jetzt mal was anderes. Elsa-Antoinette, wann kommt denn der T. aus Wien? Und hast du ihm eh gesagt, dass Abendgarderobe obligat ist beim Jedermann? Vielleicht macht er dir ja dieses Jahr einen Heiratsantrag auf dem Domplatz! Ich hätte ihm das letztes Jahr schon vorgeschlagen, aber da hat’s ja dann geregnet und überhaupt, aber heuer soll das Wetter ja strahlend sein!“

„Ja, Mama, also, das ist jetzt so eine Sache mit dem T….“ Raus damit, Elsa, du kannst es ja nicht ewig verheimlichen, dass der Handybesitzer Vergangenheit ist!

Ich sehe schon, wie sich die Gesichtsfarbe der Mama verzupft und die Tante Henriette ist auch hellhörig geworden und hat ihr Handy schon weggelegt, damit ihr ja nix entgeht.

„Also, der T. und ich, wir sind… also ich würde jetzt konkret nicht mehr von zusammen reden.“

„Was soll denn das heißen?“ ertönen zwei Stimmen im Kanon. In der Stimme meiner Mutter schwingt Entsetzen mit, bei der Tante Henriette bezieht sich die Frage wahrscheinlich eher auf das Fremdwort im Satz.

„Also wir sind weniger zusammen, als viel mehr jetzt wieder jeder für sich alleine beziehungsweise bin ich mir relativ sicher, dass er nicht alleine sondern wahrscheinlich mit einer seiner Affären… aber auf jeden Fall wird er nicht zum Jedermann kommen dieses Jahr.“ (und auch in keinem der Folgejahre, ergänze ich leise für mich, aber der Mama wollte ich diese Prognose nicht zumuten).

Die Mama ist ganz weiß im Gesicht.

„Elvira, geht’s dir nicht gut?“, schaltet sich die Tante Henriette ein und bemüht sich nicht einmal die Schadenfreude in ihrer Stimme irgendwie zu unterdrücken.

„Doch, doch“, meint die Mama und schluckt hörbar. „Doch, ganz gut. Ich hab den sowieso nie leiden können, Elsa! Wie der einmal beim Abendessen den Rotwein ausgeleert hat. Ich hab den Fleck noch immer nicht aus der Tischdecke herausgebracht. Und entschuldigt hat er sich auch nicht dafür! Da hast du wirklich was Besseres verdient“, das klingt ziemlich gefasst für meine Mutter. „Und außerdem: Ich weiß auch schon genau, wer dich stattdessen zum Jedermann begleiten wird!“

Bitte nicht! Ich war so kurz davor, der Mama von meiner Ver-Lobung mit Herrn Q zu erzählen. Jetzt geht das wieder los: diese ewige Verkuppelei! Wenn ich Glück habe blufft die Mama wegen dem Jedermann-Date nur wegen der Tante Henriette, verwetten möchte ich darauf aber nichts. Was die Verlobung angeht, weiß ich gar nicht, ob die noch aktuell ist. Seit der Herr Q nämlich wiederauferstanden ist und mit Irene Sushi gegessen hat, habe ich nichts mehr von ihm gehört…

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